×

Dies ist ein rie­si­ges Ar­chiv von fast al­lem, was Mar­tin Su­ter ge­macht hat, ge­ra­de macht und noch ma­chen will. Sie ha­ben zu bei­na­he al­lem da­von un­be­schränk­ten Zu­gang. Und wenn Sie Mem­ber wer­den, zu noch et­was mehr.

Geri und guess_who

In die­ser Nacht steht Ge­ri drei­mal auf und checkt sei­ne E‑Post. ”The­re is no mail in this mail­box”, in­for­miert ihn je­des­mal hä­misch sei­ne In­box. Und prä­zi­siert: 0 Message(s), 0 New.

Beim drit­ten Mal ist es fast fünf Uhr. Die Wir­kung der Cam­pa­ris und Bie­re ist durch de­ren Nach­wir­kun­gen ab­ge­löst wor­den. Ge­ri füllt sein gröss­tes Glas mit Was­ser und holt zwei Al­ka Selt­zer aus dem Spie­gel­schränk­chen im Bad. 

Wäh­rend er war­tet, bis sich der Sturm im Al­ka Selt­zer­glas legt, über­legt er, wes­halb ihn der Mann, den sein Blick im Spie­gel streif­te, an ei­nen trau­ri­gen Clown er­in­nert hat. Er holt sei­ne Bril­le und geht zu­rück zum Spiegel.

Zwi­schen Na­se und Ober­lip­pe ver­läuft ein brei­ter Strei­fen von sechs Zentime­ter Län­ge. Und zwi­schen Kinn und Un­terlippe ein zwei­ter von ex­akt den glei­chen Ab­mes­sun­gen. Sie he­ben sich durch ihr hek­ti­sches Rot scharf von Ge­ris Teint ab und sind et­was er­ha­ben, was ih­nen et­was Drei­di­men­sio­na­les ver­leiht. Ein Ef­fekt, der sich in den kom­men­den Stun­den noch ver­stär­ken wird, falls Ge­ri die Er­in­ne­rung an die Heft­pflas­ter­alle­gi­en sei­ner Ju­gend nicht trügt. Er er­in­nert sich va­ge an entzünd­liche Haut­aus­schlä­ge, die zu ju­cken­den Vier­ecken ver­schorf­ten. Das sah schon am Knie ei­nes Neun­jäh­ri­gen nicht be­son­ders ap­pe­tit­lich aus.

Ge­ri sucht ver­geb­lich nach ei­ner an­ti­hist­ami­ni­schen Sal­be. Er be­schliesst, am nächs­ten Mor­gen zu ent­schei­den, ob er so auf die Stras­se kann oder Ho­fer an­ru­fen und sich krank mel­den muss. Er stellt den We­cker auf acht Uhr und geht zu­rück ins Bett. Viel­leicht, denkt er, be­vor er ein­schläft, hat es auch sein Gu­tes, dass Ai­ra kein Mail ge­schickt hat.

Ein Blick in den Spie­gel am nächs­ten Mor­gen macht ihm die Ent­schei­dung leicht. Er sieht aus wie nach dem Ver­such, ei­nen über­hitz­ten Toas­ter zu küs­sen. Er mel­det sich mit schwa­cher Stim­me bei Ho­fer ab und lässt sich von ei­nem Ta­xi ein paar Le­bens­mit­tel und ei­ne An­ti­hist­amin­sal­be brin­gen. Dann checkt er sei­ne Mailbox.

1 Message(s),1 New, steht in sei­ner In­box. From: guess_who@skim.com, Sub­ject ist ”coo­le idee”. Ge­ri öff­net die Nach­richt und liest: hal­lo, 022261, das war echt cool, das mit dem pflas­ter. wei­ter so! guess_who.

guess_who? Ge­ri braucht nicht lan­ge zu ra­ten. Er schreibt: lie­be guess_who, dach­te schon, du mel­dest dich nie. love 022261. Dann löscht er den Text, weil er ihm et­was vor­wurfs­voll vor­kommt und schreibt: lie­be guess_who, ha­be ge­hofft, dass du dich mel­dest. love 022261. Er löscht den Text, weil er ei­ne Er­war­tungs­hal­tung ver­rät und schreibt: lie­be guess_who, cool, von dir zu hö­ren. love 022261. Löscht ihn, weil er gleich­gül­tig klingt, schreibt lie­be guess_who, was machst du ge­ra­de? love 022261. Löscht ihn, weil er ei­nen Ein­griff in den per­sön­li­chen Frei­raum dar­stellt und schreibt lie­be guess_who, wann se­hen wir uns oh­ne die an­dern? love 022261.

Be­vor er die­se Ver­si­on ab­schickt, geht er zum Spie­gel. Für den Fall, dass sie ant­wor­tet: heu­te zum mittagessen? 

Was er sieht, ist zwar nicht ge­ra­de er­freu­lich, aber auch nicht ganz so schlimm, wie er es in Er­in­ne­rung hat­te. Die Ent­zün­dung scheint et­was ab­ge­klun­gen. Lä­cheln oder grim­mig drein­schau­en darf er nicht, denn bei­des er­hält durch die bei­den ro­ten Strei­fen et­was gro­tesk Pan­to­mi­mi­sches. Aber wenn es ihm ge­lingt, die Mund­win­kel in der Ho­ri­zon­ta­le zu hal­ten, kön­nen die Strei­fen durch­aus als Bles­su­ren aus dem Kampf um die Gunst ei­ner schö­nen Frau gel­ten. Vor al­lem in den Au­gen eben­die­ser schö­nen Frau.

Es klin­gelt. Der Ta­xi­fah­rer mel­det sich in der Ge­gen­sprech­an­la­ge. Ge­ri bit­tet ihn, her­auf­zu­kom­men ”Scheis­se, ist das an­ste­ckend?” stösst er aus, als Ge­ri die Woh­nungs­tür öffnet.

Sechs Ta­ge dau­ert es, bis Ge­ri es wagt, guess_who un­ter die Au­gen zu tre­ten. Er ver­trös­tet sie mit Mails, die – wenn sie sei­ne Selbst­zen­sur über­ste­hen – das Bild ei­nes an­de­ren Ge­ri Wei­bel er­ge­ben, als die Welt ihn kennt. Ei­nes Man­nes, der sei­nen Weg geht. Ei­nes Man­nes, der fä­hig ist, sei­ne Ge­füh­le zu zei­gen. Ei­nes Man­nes, dem es scheiss­egal ist, was die Cli­que über ihn denkt.

Am sieb­ten Tag ver­ab­re­den sie sich im Al­ten Fass, dem ein­zi­gen Lo­kal, in dem sie vor der Cli­que si­cher sind. Ge­ri ist ei­ne Vier­telsun­de zu früh, da­mit er sich ei­nen Platz mit güns­ti­ger Be­leuch­tung aus­su­chen kann. Und er hat – why not? – ei­nen Strauss Frei­land­ro­sen da­bei. Er folgt sei­nem Vor­satz, ein Bier Gre­na­di­ne zu be­stel­len und zwingt sich, nicht auf die Uhr zu schauen.

Pünkt­lich um fünf geht die Tür auf und her­ein tritt – guess who?

Ro­bi Mei­li, Su­si Schläf­li, Carl Schnell, Fred­dy Gut und Al­fred Huber.

×
Login

Passwort wiederherstellen

Member werden
Member werden für 50 Franken pro Jahr
Probezugang

Falls Sie einen Code besitzen, geben Sie diesen hier ein.

Gutschein

Martin Suter kann man auch verschenken.
Ein ganzes Jahr für nur 50 Franken.
Versandadresse: