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Dies ist ein rie­si­ges Ar­chiv von fast al­lem, was Mar­tin Su­ter ge­macht hat, ge­ra­de macht und noch ma­chen will. Sie ha­ben zu bei­na­he al­lem da­von un­be­schränk­ten Zu­gang. Und wenn Sie Mem­ber wer­den, zu noch et­was mehr.

Huber spannt aus

Hu­bers Strand­lie­ge hat ei­nen weis­sen Über­zug mit der Auf­schrift Co­co Beach. Ca­ro­li­ne liegt ne­ben ihm, da­zwi­schen steckt ein Schirm mit der glei­chen Auf­schrift. Ein jun­ger Mann mit ei­nem T‑Shirt mit der glei­chen Auf­schrift geht zwi­schen den Lie­gen um­her und kas­siert die Miet­ge­büh­ren. So­lan­ge er nicht bei ihm vor­bei­ge­kom­men ist, kann Hu­ber sich nicht rich­tig ent­span­nen. Im Ge­gen­satz zu Ca­ro­li­ne. Wenn er sich nicht täuscht, schläft sie be­reits. Auf je­den Fall hat sie die Au­gen ge­schlos­sen. Mög­lich, dass sie das nur zur Ver­mei­dung hel­ler Krä­hen­füs­se tut, aber die Wir­kung ist die glei­che: Sie bie­tet ein Bild ab­so­lu­ter Ent­span­nung und hat das ad­mi­nis­tra­ti­ve Pro­blem an ihn de­le­giert. Da­bei ist er es, der Fe­ri­en braucht. Laut Ca­ro­li­ne. ”Stell doch mal ab”, hat sie im­mer wie­der ge­sagt. ”Ver­such doch ein­fach ein­mal drei Wo­chen nichts zu tun, nichts zu den­ken, ein­fach zu sein.”

Ein paar Lie­gen wei­ter spricht der Strand­kas­sie­rer mit ei­ner Frau. Hu­ber ver­sucht ver­geb­lich, sei­ne Auf­merk­sam­keit zu er­lan­gen. Schliess­lich packt er das Porte­mon­naie, das griff­be­reit auf der Ba­de­ta­sche liegt und steht auf. 

Auf hal­bem Weg sieht Hu­ber, dass die Frau, mit der der Kas­sie­rer spricht, kein Bi­ki­ni­ober­teil zu tra­gen scheint. So­fort macht er kehrt, geht zu­rück zu sei­ner Lie­ge, schlüpft aus den Schlap­pen und legt sich wie­der hin. Ca­ro­li­ne hat von sei­ner Ab­we­sen­heit nichts mit­be­kom­men. Er könn­te er­trin­ken, sie wür­de sich nicht bei ih­rer Ent­span­nung stö­ren lassen.

Sei­ne frisch ein­ge­crem­ten Füs­se sind jetzt von weis­sem Sand über­zu­ckert wie zwei Ber­li­ner. Er setzt sich wie­der auf und säu­bert sie, so gut es geht. Dann die Hän­de, so gut es geht. Dann das Buch ”Re­lax. Der schnel­le Weg zu neu­er Energie” .

Als er wie­der zur Lie­ge mit der jun­gen Frau hin­über­schaut, ist der Beach­boy ver­schwun­den. Sel­ber schuld, denkt Hu­ber, falls ich dann schla­fe, wenn er kas­sie­ren will, muss er halt spä­ter wiederkommen.

Hu­ber schliesst die Au­gen. Wie ei­ner, der sich schla­fend stellt, weil er sich die Lie­ge­stuhl­mie­te nicht leis­ten kann, kommt es ihm in den Sinn. Er stützt sich auf den Ell­bo­gen und hält Aus­schau nach dem Mann im Co­co Beach T‑Shirt. 

Wie ein Strand­voy­eur, fährt es ihm durch den Kopf. Er legt sich auf den Rü­cken, greift das Buch und hält es in be­que­mer Le­se­di­stanz über den Kopf. Ein fei­ner Sand­re­gen rie­selt ihm  aus den Sei­ten in die Au­gen. Er säu­bert die Zei­ge­fin­ger so gut es geht und reibt vor­sich­tig die Au­gen­de­ckel von der Mit­te ge­gen die Na­sen­wur­zel. So­fort fan­gen die Au­gen an zu bren­nen wie nach ei­ner Pfef­fer­spray-At­ta­cke. Avo­id eye cont­act hat­te auf der was­ser­fes­ten Son­nen­creme, Fak­tor 20, gestanden.

”Ma­mi, war­um weint der Mann?” hört er ein Stimm­lein fragen.

”Viel­leicht ist er trau­rig, dass die Fe­ri­en so kurz sind”, ant­wor­tet die Mutter. 

”Ar­mer Mann, sagt das Stimmlein.

”Hau ab!” knurrt Huber.

Mit ei­nem Zip­fel des Ba­de­tuchs ver­sucht Hu­ber, sich den Sand aus den bren­nen­den Au­gen zu tup­fen. Ca­ro­li­ne hat ih­re ge­schlos­sen und macht kei­ne An­stal­ten, ihm bei­zu­ste­hen. Da­bei trägt sie die Ver­ant­wor­tung. Oh­ne sie wä­re er nicht hier, hät­te kei­nen Sand aus den Au­gen ge­rie­ben und kei­ne Son­nen­creme an den Fin­gern ge­habt. An­de­re Frau­en wä­ren längst da­bei, die Au­gen ih­rer Män­ner vor­schrifts­ge­mäss mit gros­sen Men­gen Was­ser gründ­lich zu spü­len. Nicht so Ca­ro­li­ne. Sie liegt auf der Strand­lie­ge und mei­det je­de Aufregung.

Mit zu­sam­men­ge­knif­fe­nen Au­gen tas­tet er nach sei­nen Schlap­pen, fin­det sie nicht und macht sich bar­fuss auf den Weg zur Co­co Beach Bar. Nach ein paar wür­de­vol­len Schrit­ten im glü­hen­den Sand ver­fällt er in ei­nen lo­cke­ren Lauf­schritt, den Rest der Stre­cke legt er Ha­ken schla­gend von Son­nen­schirm­schat­ten zu Son­nen­schirm­schat­ten zu­rück. Mit bren­nen­den Au­gen und Füs­sen war­tet er, bis die Toi­let­te frei wird.

Im Bü­ro hät­te er jetzt die Wahl zwi­schen drei um die­se Jah­res­zeit prak­tisch nicht fre­quen­tier­ten Direktionstoiletten.

Nach ein paar Mi­nu­ten geht die Tür auf. Die  jun­ge Frau, mit der sich der Lie­ge­stuhl­kas­sie­rer so lan­ge un­ter­hal­ten hat­te, kommt her­aus. Sie wirft ihm ei­nen miss­traui­schen Blick zu. Hu­ber er­kun­digt sich beim Bar­man nach der Her­ren­toi­let­te und er­fährt, dass es nur die­se ei­ne Toi­let­te gibt. Er geht zu­rück und sieht ge­ra­de noch, wie der Lie­ge­stuhl­kas­sie­rer in der Tür ver­schwin­det. Um die Be­geg­nung zu ver­mei­den – er hat das Porte­mon­naie auf der Ba­de­ta­sche lie­gen­las­sen – be­ob­ach­tet er die Toi­let­te aus der Distanz. 

Als der jun­ge Mann her­aus­kommt, sieht Hu­ber ei­ne äl­te­re Frau auf die Toi­let­te zu­steu­ern. Er schafft es ge­ra­de noch, vor ihr die Tür zu er­rei­chen und sie sa­gen zu hö­ren: ”Aha, ei­ne Gentleman.”

Hu­ber dreht den Hahn des Wasch­be­ckens voll auf und schau­felt sich mit bei­den Hän­den Was­ser in die of­fe­nen Au­gen. Das Bren­nen nimmt so­fort zu. Salzwasser.

Hu­ber eilt zur The­ke, ”Trink­was­ser”, ruft er dem Bar­man zu.

”Mit oder oh­ne Gas?”

Er be­stellt ei­nes oh­ne, trinkt ei­nen Schluck, netzt un­auf­fäl­lig ei­ne Pa­pier­ser­vi­et­te und wäscht sich dis­kret die Au­gen aus. Das Bren­nen lässt nach. Er tän­zelt über den heis­sen Sand zur Lie­ge zu­rück, Ca­ro­li­ne hat sich nicht ge­rührt. Das Porte­mon­naie ist noch dort. Er nimmt es, hüpft zur Bar zu­rück und bezahlt.

Als er zur Lie­ge zu­rück­kommt, ist Ca­ro­li­ne wach. ”Der jun­ge Mann woll­te ein­kas­sie­ren, aber du muss­test ja das gan­ze Geld in die Bar mitnehmen.”

Es ge­lingt Hu­ber, sich wort­los hin­zu­le­gen und schla­fend zu stel­len. Der Schweiss in sei­nem Kör­per ver­sucht ver­ge­bens, die Schicht was­ser­fes­te Son­nen­creme, Fak­tor 20, zu durchdringen.

Im Bü­ro wür­de er jetzt even­tu­ell das Ja­cket aus­zie­hen. Oder die Kli­ma­an­la­ge einschalten. 

Wie soll sich ei­ne Schwei­zer Füh­rungs­kraft ent­span­nen auf ei­ner Strand­lie­ge, de­ren Mie­te nicht be­zahlt ist? Noch da­zu, wenn die Ehe­frau auf der Nach­bar­lie­ge (de­ren Mie­te er eben­falls schul­det) ihn er­mahnt, sich zu entspannen.

”Ich bin ja ent­spannt”, murrt Hu­ber, oh­ne die Au­gen zu öffnen.

”Nein, du denkst ans Ge­schäft. Du be­wegst die Zehen.”

Jetzt, wo sie es er­wähnt, wird er sich be­wusst, dass er die Füs­se zu Fäus­ten ballt und zu Füs­sen streckt, ballt und streckt, ballt und streckt. ”Das tu ich zur Ent­span­nung”, be­lehrt er Ca­ro­li­ne, oh­ne Hoff­nung, dass sie sich mit die­ser Er­klä­rung zu­frie­den ge­ben würde.

”Und wes­halb ist dann dein Ge­sicht so verkniffen?”

Hu­ber merkt, dass er die Au­gen so fest zu­ge­presst hat, dass er, falls er tat­säch­lich ein­schla­fen soll­te,  mit ei­nem Ge­sichts­mus­kel­ka­ter er­wa­chen würde.

”Falls ich schla­fe, wenn der Typ die Lie­gen und den Son­nen­schirm kas­sie­ren kommt: Das Porte­mon­naie ist im Aus­sen­fach der Ba­de­ta­sche”, sagt er, um das The­ma zu wechseln.

”Ach, des­halb”, sagt Caroline.

”Des­halb was?”

”Bist du so ver­krampft. Du war­test auf den Strandwächter.”

”Ich war­te über­haupt nicht, ich will nur nicht, dass du mich weckst, wenn er kommt. Nur das.”

”Wenn wir schla­fen, wenn er kommt, muss er halt spä­ter wie­der kommen.”

Wir! Sie nimmt al­so in Kauf, dass sie schläft, wenn der Strand­wäch­ter kommt. Wenn sie sich doch sol­che Sor­gen macht, er sei nicht ent­spannt, bis die Mie­te der Lie­gen und des Schirms be­zahlt ist, war­um sagt sie dann nicht: ”Re­lax, Schatz, ich küm­me­re mich um die Sache.”

Wenn Fla­wi­ler aus der Fi­nanz an­stel­le von  Ca­ro­li­ne ne­ben ihm lä­ge, dann wä­re Hu­ber völ­lig ent­spannt. Fla­wi­ler wür­de ihn nicht mit De­tails wie der Ab­gel­tung der Lie­gen­mie­te be­hel­li­gen. Er wür­de sich zum ge­ge­be­nen Zeit­punkt dar­um küm­mern und, wie er ihn kann­te, so­gar noch be­son­ders güns­ti­ge Kon­di­tio­nen her­aus­ho­len. Wäh­rend Hu­ber sich um die wich­ti­gen Auf­ga­ben küm­mern könn­te. Um sei­ne Ent­span­nung, zum Beispiel.

Oder Hop­fer. Wenn Hop­fer von der Rechts­ab­tei­lung ne­ben ihm lä­ge, wür­de er ein­schlum­mern und müss­te sich kei­ne Sor­gen ma­chen, es könn­ten Zwei­fel an der Recht­mäs­sig­keit sei­ner Lie­gen­be­nut­zung auf­kom­men. Hop­fer wür­de dem Ver­mie­ter zum Bei­spiel klar ma­chen, dass es sich in die­sem Fall um ei­ne Hol­schuld des Vermie­ters ge­han­delt hät­te, des­sen An­spruch in­zwi­schen al­ler­dings er­lo­schen ist. 

Ei­ne Zeit­lang lässt ihn der Ge­dan­ke an Fla­wi­ler und Hop­fer bei­na­he eindösen.

Aber er liegt ne­ben Ca­ro­li­ne! Und ris­kiert, als Strand­lie­gen-Squat­ter ver­haf­tet und ab­ge­scho­ben zu werden!

”Jetzt hast du wie­der an­ge­fan­gen, ans Ge­schäft zu den­ken”, sagt Ca­ro­li­ne. ”Ich seh’s an dei­nen Füssen.”

12.6.2001 

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