Huber spannt aus

Hubers Strandliege hat einen weissen Überzug mit der Aufschrift Coco Beach. Caroline liegt neben ihm, dazwischen steckt ein Schirm mit der gleichen Aufschrift. Ein junger Mann mit einem T‑Shirt mit der gleichen Aufschrift geht zwischen den Liegen umher und kassiert die Mietgebühren. Solange er nicht bei ihm vorbeigekommen ist, kann Huber sich nicht richtig entspannen. Im Gegensatz zu Caroline. Wenn er sich nicht täuscht, schläft sie bereits. Auf jeden Fall hat sie die Augen geschlossen. Möglich, dass sie das nur zur Vermeidung heller Krähenfüsse tut, aber die Wirkung ist die gleiche: Sie bietet ein Bild absoluter Entspannung und hat das administrative Problem an ihn delegiert. Dabei ist er es, der Ferien braucht. Laut Caroline. ”Stell doch mal ab”, hat sie immer wieder gesagt. ”Versuch doch einfach einmal drei Wochen nichts zu tun, nichts zu denken, einfach zu sein.”
Ein paar Liegen weiter spricht der Strandkassierer mit einer Frau. Huber versucht vergeblich, seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Schliesslich packt er das Portemonnaie, das griffbereit auf der Badetasche liegt und steht auf.
Auf halbem Weg sieht Huber, dass die Frau, mit der der Kassierer spricht, kein Bikinioberteil zu tragen scheint. Sofort macht er kehrt, geht zurück zu seiner Liege, schlüpft aus den Schlappen und legt sich wieder hin. Caroline hat von seiner Abwesenheit nichts mitbekommen. Er könnte ertrinken, sie würde sich nicht bei ihrer Entspannung stören lassen.
Seine frisch eingecremten Füsse sind jetzt von weissem Sand überzuckert wie zwei Berliner. Er setzt sich wieder auf und säubert sie, so gut es geht. Dann die Hände, so gut es geht. Dann das Buch ”Relax. Der schnelle Weg zu neuer Energie” .
Als er wieder zur Liege mit der jungen Frau hinüberschaut, ist der Beachboy verschwunden. Selber schuld, denkt Huber, falls ich dann schlafe, wenn er kassieren will, muss er halt später wiederkommen.
Huber schliesst die Augen. Wie einer, der sich schlafend stellt, weil er sich die Liegestuhlmiete nicht leisten kann, kommt es ihm in den Sinn. Er stützt sich auf den Ellbogen und hält Ausschau nach dem Mann im Coco Beach T‑Shirt.
Wie ein Strandvoyeur, fährt es ihm durch den Kopf. Er legt sich auf den Rücken, greift das Buch und hält es in bequemer Lesedistanz über den Kopf. Ein feiner Sandregen rieselt ihm aus den Seiten in die Augen. Er säubert die Zeigefinger so gut es geht und reibt vorsichtig die Augendeckel von der Mitte gegen die Nasenwurzel. Sofort fangen die Augen an zu brennen wie nach einer Pfefferspray-Attacke. Avoid eye contact hatte auf der wasserfesten Sonnencreme, Faktor 20, gestanden.
”Mami, warum weint der Mann?” hört er ein Stimmlein fragen.
”Vielleicht ist er traurig, dass die Ferien so kurz sind”, antwortet die Mutter.
”Armer Mann, sagt das Stimmlein.
”Hau ab!” knurrt Huber.
Mit einem Zipfel des Badetuchs versucht Huber, sich den Sand aus den brennenden Augen zu tupfen. Caroline hat ihre geschlossen und macht keine Anstalten, ihm beizustehen. Dabei trägt sie die Verantwortung. Ohne sie wäre er nicht hier, hätte keinen Sand aus den Augen gerieben und keine Sonnencreme an den Fingern gehabt. Andere Frauen wären längst dabei, die Augen ihrer Männer vorschriftsgemäss mit grossen Mengen Wasser gründlich zu spülen. Nicht so Caroline. Sie liegt auf der Strandliege und meidet jede Aufregung.
Mit zusammengekniffenen Augen tastet er nach seinen Schlappen, findet sie nicht und macht sich barfuss auf den Weg zur Coco Beach Bar. Nach ein paar würdevollen Schritten im glühenden Sand verfällt er in einen lockeren Laufschritt, den Rest der Strecke legt er Haken schlagend von Sonnenschirmschatten zu Sonnenschirmschatten zurück. Mit brennenden Augen und Füssen wartet er, bis die Toilette frei wird.
Im Büro hätte er jetzt die Wahl zwischen drei um diese Jahreszeit praktisch nicht frequentierten Direktionstoiletten.
Nach ein paar Minuten geht die Tür auf. Die junge Frau, mit der sich der Liegestuhlkassierer so lange unterhalten hatte, kommt heraus. Sie wirft ihm einen misstrauischen Blick zu. Huber erkundigt sich beim Barman nach der Herrentoilette und erfährt, dass es nur diese eine Toilette gibt. Er geht zurück und sieht gerade noch, wie der Liegestuhlkassierer in der Tür verschwindet. Um die Begegnung zu vermeiden – er hat das Portemonnaie auf der Badetasche liegenlassen – beobachtet er die Toilette aus der Distanz.
Als der junge Mann herauskommt, sieht Huber eine ältere Frau auf die Toilette zusteuern. Er schafft es gerade noch, vor ihr die Tür zu erreichen und sie sagen zu hören: ”Aha, eine Gentleman.”
Huber dreht den Hahn des Waschbeckens voll auf und schaufelt sich mit beiden Händen Wasser in die offenen Augen. Das Brennen nimmt sofort zu. Salzwasser.
Huber eilt zur Theke, ”Trinkwasser”, ruft er dem Barman zu.
”Mit oder ohne Gas?”
Er bestellt eines ohne, trinkt einen Schluck, netzt unauffällig eine Papierserviette und wäscht sich diskret die Augen aus. Das Brennen lässt nach. Er tänzelt über den heissen Sand zur Liege zurück, Caroline hat sich nicht gerührt. Das Portemonnaie ist noch dort. Er nimmt es, hüpft zur Bar zurück und bezahlt.
Als er zur Liege zurückkommt, ist Caroline wach. ”Der junge Mann wollte einkassieren, aber du musstest ja das ganze Geld in die Bar mitnehmen.”
Es gelingt Huber, sich wortlos hinzulegen und schlafend zu stellen. Der Schweiss in seinem Körper versucht vergebens, die Schicht wasserfeste Sonnencreme, Faktor 20, zu durchdringen.
Im Büro würde er jetzt eventuell das Jacket ausziehen. Oder die Klimaanlage einschalten.
Wie soll sich eine Schweizer Führungskraft entspannen auf einer Strandliege, deren Miete nicht bezahlt ist? Noch dazu, wenn die Ehefrau auf der Nachbarliege (deren Miete er ebenfalls schuldet) ihn ermahnt, sich zu entspannen.
”Ich bin ja entspannt”, murrt Huber, ohne die Augen zu öffnen.
”Nein, du denkst ans Geschäft. Du bewegst die Zehen.”
Jetzt, wo sie es erwähnt, wird er sich bewusst, dass er die Füsse zu Fäusten ballt und zu Füssen streckt, ballt und streckt, ballt und streckt. ”Das tu ich zur Entspannung”, belehrt er Caroline, ohne Hoffnung, dass sie sich mit dieser Erklärung zufrieden geben würde.
”Und weshalb ist dann dein Gesicht so verkniffen?”
Huber merkt, dass er die Augen so fest zugepresst hat, dass er, falls er tatsächlich einschlafen sollte, mit einem Gesichtsmuskelkater erwachen würde.
”Falls ich schlafe, wenn der Typ die Liegen und den Sonnenschirm kassieren kommt: Das Portemonnaie ist im Aussenfach der Badetasche”, sagt er, um das Thema zu wechseln.
”Ach, deshalb”, sagt Caroline.
”Deshalb was?”
”Bist du so verkrampft. Du wartest auf den Strandwächter.”
”Ich warte überhaupt nicht, ich will nur nicht, dass du mich weckst, wenn er kommt. Nur das.”
”Wenn wir schlafen, wenn er kommt, muss er halt später wieder kommen.”
Wir! Sie nimmt also in Kauf, dass sie schläft, wenn der Strandwächter kommt. Wenn sie sich doch solche Sorgen macht, er sei nicht entspannt, bis die Miete der Liegen und des Schirms bezahlt ist, warum sagt sie dann nicht: ”Relax, Schatz, ich kümmere mich um die Sache.”
Wenn Flawiler aus der Finanz anstelle von Caroline neben ihm läge, dann wäre Huber völlig entspannt. Flawiler würde ihn nicht mit Details wie der Abgeltung der Liegenmiete behelligen. Er würde sich zum gegebenen Zeitpunkt darum kümmern und, wie er ihn kannte, sogar noch besonders günstige Konditionen herausholen. Während Huber sich um die wichtigen Aufgaben kümmern könnte. Um seine Entspannung, zum Beispiel.
Oder Hopfer. Wenn Hopfer von der Rechtsabteilung neben ihm läge, würde er einschlummern und müsste sich keine Sorgen machen, es könnten Zweifel an der Rechtmässigkeit seiner Liegenbenutzung aufkommen. Hopfer würde dem Vermieter zum Beispiel klar machen, dass es sich in diesem Fall um eine Holschuld des Vermieters gehandelt hätte, dessen Anspruch inzwischen allerdings erloschen ist.
Eine Zeitlang lässt ihn der Gedanke an Flawiler und Hopfer beinahe eindösen.
Aber er liegt neben Caroline! Und riskiert, als Strandliegen-Squatter verhaftet und abgeschoben zu werden!
”Jetzt hast du wieder angefangen, ans Geschäft zu denken”, sagt Caroline. ”Ich seh’s an deinen Füssen.”
12.6.2001