Das Problem der Pensionierung

Ein bedeckter Tag, schlechte Lichtverhältnisse auf der Driving Range. Wettinger hat den Golfschirm dabei und trägt die Allwetterhandschuhe. Die Abschläge links und rechts von ihm sind verwaist. An einem Mittwoch, vormittags um halb zehn Uhr herrscht hier kein Hochbetrieb.
Wettinger muss seine Performance mit den langen Eisen verbessern. Er setzt einen Ball aufs Tee, schlägt ab und verfolgt kopfschüttelnd die Bahn des Balls. Er ist nicht bei der Sache. Seine Gedanken kreisen wie so oft um das gleiche Thema: Seine Pensionierung.
Plötzlich ist man überflüssig.
Ein Mann, der jahrzehntelang Erfahrungen gesammelt und weitergegeben hat, eine Führungskraft, ohne die gestern noch überhaupt nichts lief, wird von einem Tag auf den anderen ersetzlich. Das muss einer erst einmal verkraften, der vierzig Jahre lang sein ganzes Selbstbewusstsein aus seiner Unersetzlichkeit geschöpft hat. Das braucht schon etwas, so unversehens am gähnenden Abgrund seiner Entbehrlichkeit zu stehen. Von seiner Vergänglichkeit nicht zu reden.
Er steckt das schwierige lange Eisen in die Bag und holt den Driver heraus. Er braucht jetzt den Trost eines Erfolgserlebnisses. Der Gedanke an die Vergänglichkeit deprimiert ihn immer. Als Mensch und als Businessman. Eine unglaubliche Verschwendung von Know-how, diese Sterblichkeit des Managers.
Wettinger teet einen neuen Ball auf und schlägt ab. Er toppt und spielt einen Girlie, keine drei Meter weit. Dermassen deprimiert ihn der Gedanke.
Wie oft hört man von Führungskräften, die nach ihrer Pensionierung in ein tiefes Loch fallen. Die nicht schlafen können, weil sie keinen Grund mehr haben, wach zu liegen. Die pünktlich um halb sieben aus den Federn fahren, weil der Wecker nicht klingelt. Gesunde alt Finanzdirektoren bekommen Magengeschwüre, weil sie sich nicht mehr über Lohnforderungen aufregen müssen. Durchtrainierte Top-Sanierer lassen sich Herzschrittmacher einsetzen, weil sie keinen Turnaround zu schaffen haben.
Wettinger hat wieder aufgeteet und versucht sich zu konzentrieren. Es gelingt ihm ein schöner Swing, aber der Ball sliced weit in den Drive rechts neben ihm. Nicht auszudenken, wenn sein Pro das gesehen hätte.
Das Problem ist die Vorbereitung. Jahrelang arbeitet man drauflos ohne einen Gedanken an die Pensionierung zu verschwenden, und dann, eh man sich versieht, ist sie da. Wer kann schon aus dem Stand von hundertfünfzig auf null Prozent schalten? Wie soll einer, der nie Zeit hatte, wissen, was man mit ihr anfängt? Woher soll jemand, der sein Leben lang von der Agenda regiert wurde, plötzlich wissen, wie man seine Wochen selbst einteilt?
Mit einem Mal steht man vor seinen letzten Tagen und weiss nicht, wie man sie ausfüllt. Und dann hackt man mit einem Handicap von vierundzwanzig auf dem Green herum und macht sich lächerlich.
Deshalb wird Wettinger anschliessend noch etwas im Putting und im Chipping Green arbeiten. Der erste Juni 2036 kommt schneller, als man denkt.
21.06.2001