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Dies ist ein rie­si­ges Ar­chiv von fast al­lem, was Mar­tin Su­ter ge­macht hat, ge­ra­de macht und noch ma­chen will. Sie ha­ben zu bei­na­he al­lem da­von un­be­schränk­ten Zu­gang. Und wenn Sie Mem­ber wer­den, zu noch et­was mehr.

Reconstructing Geri

Und Ge­ri Wei­bel bleibt ver­schwun­den. We­der im SOFORT! noch im Club81 taucht er auf, im Grap­pi­no wur­de er nicht ge­se­hen und auch im Al­ten Fass, wo Ro­bi Mei­li öf­ter an­zu­tref­fen ist, kreuzt er nicht mehr auf. 

Carl Schnell, der Psy­cho­lo­ge, vermu­tet ihn an den frü­he­ren Schau­plät­zen. Er macht ei­ne Run­de durch die Schamp­Bar, das Fisch&Vogel, so­gar im Mu­cho Gus­to schaut er kurz rein. Nichts. Ge­ri ist wie vom Erd­bo­den verschluckt.

Am Te­le­fon mel­det er sich nicht und der De­le­ga­ti­on, be­stehend aus Ro­bi Mei­li und Fred­dy Gut, die auf Drän­gen von Su­si Schläf­li an zwei Aben­den an sei­ner Woh­nungs­tür klin­gelt, öff­net er nicht. Er be­ant­wor­tet kei­ne e‑mails, die Num­mer sei­nes Han­dys ist nicht mehr in Be­trieb. Und als Fred­dy Gut sich schliess­lich zum äus­sers­ten Ta­bu­bruch im Co­dex der Cli­que ent­schliesst und Ge­ri im Bü­ro an­ruft, heisst es dort je­des­mal: ”Kann er Sie zurückrufen?”

Am An­fang re­agiert die Sze­ne mit ei­ner Mi­schung aus schlech­tem Ge­wis­sen und Be­sorg­nis auf Ge­ris Ver­schwin­den. Erst als Al­fred Hu­ber be­rich­tet, dass er ihn vom Tram aus mit zwei Trag­ta­schen ein tür­ki­sches Le­bens­mit­tel­ge­schäft ver­las­sen se­hen hat, ei­nigt man sich dar­auf, dass es Ge­ri über­treibt. Die Sze­ne wen­det sich ge­lang­weilt und leicht be­lei­digt wich­ti­ge­ren Din­gen zu.

Und Ge­ri? An je­nem Abend, als er die Cli­que im Al­ten Fass hat­te ste­hen las­sen, war er auf dem kür­zes­ten Weg nach Hau­se ge­gan­gen und hat­te so­fort be­gon­nen, sei­ne Mö­bel her­um­zu­schie­ben. Den Tisch dort­hin, wo das Bett stand, das Bett dort­hin, wo der Ses­sel war, der Ses­sel an­stel­le der An­la­ge, die An­la­ge an­stel­le des Fern­se­hers. Da­nach hat­te er die Wän­de leer­ge­räumt. Das War­hol Pos­ter, das ihn seit sei­ner ers­ten Woh­nung be­glei­tet, die acht Fo­tos von Ha­van­na, das Hel­mut New­ton Pos­ter, das Ikat, al­les weg. Schnee­weis­se Wän­de, die Na­gel­lö­cher mit Zahn­pas­ta retuschiert.

In der Nacht hat­te er sich die klei­ne Ze­he ge­staucht, als er im Dun­keln auf dem Weg zur Toi­let­te die Ori­en­tie­rung ver­lor und in den Kühl­schrank lief. Und am nächs­ten Mor­gen beim Er­wa­chen hat­te er ei­nen Mo­ment ge­braucht, um sich zurechtzufinden. 

Er hat­te sich Tee statt Kaf­fee ge­macht und ei­nen an­de­ren Ra­dio­sen­der ge­sucht mit an­de­rer Mu­sik und an­de­ren Modera­toren. Bis er ins Bad ging, hat­te er sich als neu­er Mensch ge­fühlt. Aber als er sich dann vor den Ba­de­zim­mer­spie­gel stell­te, stand er ihm wie­der ge­gen­über: Dem al­ten Ge­ri Wei­bel in Le­bens­grös­se. Mit die­ser Lo­cke, die ihm in die Stirn fiel, wie ein über­deut­li­cher Hin­weis auf ei­ne Bril­le, die aus­sah, als sei ihr ein­zi­ger Zweck die Be­to­nung sei­ner Au­gen­brau­en (und die Seh­hil­fe nur ein ver­nach­läs­sig­ba­rer Nebeneffekt). 

Sieht so der Ge­ri Wei­bel aus, der über die Cool­ness ver­fügt, ei­nen Ro­bi Mei­li, ei­ne Su­si Schläf­li, ei­nen Carl Schnell, ei­nen Fred­dy Gut, ei­nen Al­fred Hu­ber wie be­gos­se­ne Pu­del im Al­ten Fass ste­hen­zu­las­sen? Kommt so der Kerl da­her, der die Non­cha­lance be­sitzt, sich von ei­ner Se­kun­de auf die an­de­re der Leu­te zu ent­le­di­gen, die bis­her den Mit­tel­punkt sei­nes Den­kens und Han­delns darstellten?

Noch nie in sei­nem an Zwei­feln so rei­chen Le­ben war sich Ge­ri ei­ner Sa­che so si­cher ge­we­sen wie der Ant­wort auf die­se Fra­ge. Der Ge­ri Wei­bel, der er ist ist nicht mehr der, den er hier sieht. Nur: wie sieht der aus, der er ist?

Er be­ginnt mit der Bril­le. Nur Leu­te oh­ne Selbst­be­wusst­sein ha­ben es nö­tig, ih­re Bril­le als mo­di­sches Ac­ces­soire zu tar­nen. (Ich se­he zwar noch gut, aber ich fand die­se Bril­le ein­fach so wit­zig.) Der Ge­ri nach der Wen­de trägt ei­ne Bril­le, weil er ein­fach nicht so gut sieht, klar? Schlech­te Au­gen, na und? Da kauft man sich eben ein so­li­des Bril­len­ge­stell, wel­ches von Fach­leu­ten ge­schlif­fe­ne Qua­li­täts­glä­ser be­quem und rutsch­fest im rich­ti­gen Win­kel vor den Au­gen fixiert. 

Als nächs­tes nimmt er sich die Fri­sur vor. Nur Män­ner, die Grund ha­ben, die Kon­tu­ren ih­rer Per­sön­lich­keit zu ver­wi­schen, brau­chen Haa­re. Ei­ner wie der neue Ge­ri kann es sich leis­ten, sei­ne Per­so­na­li­ty auf ih­re Es­senz runterzurasieren. 

Und die Klei­der? Auch so ein Ab­len­kungs­ma­nö­ver. Auch hier gilt das Mot­to: Run­ter­fah­ren auf die kla­re Li­nie (Roll­kra­gen­pull­over) und die Funk­ti­on (Pelz­kra­gen im Winter).

Mit der An­pas­sung des äus­se­ren Ge­ri an den ver­wan­del­ten in­ne­ren wächst sein Selbst­be­wusst­sein so weit, dass er ei­nes Abends wie­der im Club81 auftaucht. 

Der heisst jetzt steel und ist auf das We­sent­li­che re­du­ziert. Mo­disch do­mi­nie­ren bei den Gäs­ten die kla­ren Li­ni­en. Ro­bi Mei­li, Carl Schnell, Fred­dy Gut und Al­fred Hu­ber ha­ben ih­re Per­so­na­li­ties auf ih­re Es­senz runterrasiert.

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