Geris beredtes Schweigen
Ach, Leserinnen, Leser, warum habt Ihr Geri alleingelassen? Ein Drittel von Euch war dafür, dass er Airas Bitte nach Diskretion respektiert, ein Drittel plädierte heftig für das Gegenteil, und ein Drittel wollte Geri die Entscheidung selbst überlassen. Ihr spiegelt genau den Kampf, der sich in Geri abspielt. Schon immer abgespielt hat: Ein Drittel dafür, ein Drittel dagegen, und ein Drittel unentschieden.
So habt Ihr es also zu verantworten, dass Geri, schon auf halbem Weg zum Club81, stehenbleibt, sich etwas zu theatralisch (die Camparis) an die Stirn fasst, rechtsumkehrt macht und wieder auf das Grappino zusteuert, das er soeben verlassen hat. Als er es betritt, ist es noch leerer, als vor fünf Minuten. Sein Glas steht noch dort. Der Zitronenschnitz schwimmt in einer Pfütze aus geschmolzenem Eis.
Erst als er Vannis fragendem Blick begegnet, wird Geri klar, dass er einen Fehler gemacht hat: Nur einsame Herzen und Alkoholiker verlassen ein Lokal nach vier Camparis, nur um ein paar Minuten später wiederzukommen und einen fünften zu bestellen.
”Hab ich hier meine Dings liegenlassen?” fragt Geri geistesgegenwärtig.
”Was für eine Dings?” fragt Vanni zurück. Geri schaut sich auf seinem Platz um, schüttelt (wieder etwas zu theatralisch) den Kopf und wünscht Vanni einen schönen Abend.
”Wenn ich die Dings finde, lege ich sie für dich auf die Seite!” ruft Vanni ihm nach. Er ist nicht mehr wählerisch in seinen Mitteln, einen Gast zum Wiederkommen zu bewegen.
Geri tritt wieder auf die Strasse und geht zielstrebig in die entgegengesetzte Richtung. Gerade der unentschlossene Mensch sollte darauf achten, nie unschlüssig zu wirken.
So irrt Geri Weibel geschäftig durch die Nebenstrassen des Industriequartiers und überlegt krampfhaft, wohin er jetzt gehen soll. Die letzten Lokale, in denen er sich standesgemäss eine kleine Entscheidungshilfe hätte genehmigen können, hat er längst hinter sich gelassen. Und bei den noch naturbelassenen Quartierkneipen muss man immer damit rechnen, von einem Trendscout (Robi Meili!) erwischt zu werden.
Es dämmert schon, Geri ist von seinem Stechschritt längst in ein melancholisches Schlendern verfallen, als er sich plötzlich vor seiner Haustür wiederfindet. Irgendein Instinkt muss ihn nach Hause geführt haben, wie eine ausgesetzte Katze.
Das Bett sieht noch so aus, wie er es verlassen hat. Aber als er sich darauf setzt, fällt ihm auf, dass es anders riecht. Es riecht nach Aira. Er steht auf und öffnet den Kühlschrank. An dessen Tür klebt noch immer der gelbe Zettel. ”Das müssen ja nicht alle wissen, gell?” Geri greift sich eine Dose Bier, knackt sie und nimmt einen Schluck. Dann setzt er sich in den Sessel und versucht herauszufinden, was an der Wohnung anders ist.
Es dauert ein Bier, bis er draufkommt: Das Licht ist anders. Und es dauert ein zweites, bis er merkt, weshalb: Um diese Zeit ist er entweder gerade noch im SOFORT! oder bereits im Club81. Noch nie war er um diese Zeit in seiner Wohnung. Langsam beschleicht ihn ein tiefes Heimweh nach Robi, Susi, Carl, Freddy, Reto, den Fauteuils des Club81 und – Aira.
Zur Ablenkung holt Geri sich das letzte Bier aus dem Kühlschrank und die oberste vom Stoss der ungelesenen Zeitschriften. Sie heisst skim.com und hat eine neue Art zu kommunizieren zum Thema. Man trägt Kleider und Accessoires mit gut sichtbaren Nummern, über die man im Internet zu erreichen ist. Eine Art Cyber-postillon d’amour, wie sich Freddy Gut einmal ausdrückte. Weil Geri nicht klar war, wie er die Bemerkung interpretieren sollte, hat er sich skim gegenüber bisher neutral verhalten.
Wie er jetzt so blättert, stösst er auf ein etwa zehn Zentimeter langes beigelegtes Stück Heftpflaster mit einer skim-Nummer und der Aufforderung, es als Accessoire zu tragen, to provoke reactions.
Wenn Geri die Camparis nicht noch mit ein paar Bierchen abgerundet hätte, wäre ihm die Idee wohl nicht so genial vorgekommen. Aber so startet er seinen iMac, geht ins Netz, und schafft es schliesslich, sein Heftpflaster zu aktivieren. Es ist schon dunkel, als er die Wohnung verlässt.
Der Club81 verstummt für einen Moment, als Geri den Raum betritt. Seine Schritte sind unsicher, seine Augen glänzen und sein Mund ist mit einem grossen Heftpflaster verklebt. Er geht zum Tresen, wo Aira gerade eine Bestellung tippt, stellt sich vor sie hin und deutet auf das Pflaster. 022261@skim.com. Was skimt ihr ihm, Airas?