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Dies ist ein rie­si­ges Ar­chiv von fast al­lem, was Mar­tin Su­ter ge­macht hat, ge­ra­de macht und noch ma­chen will. Sie ha­ben zu bei­na­he al­lem da­von un­be­schränk­ten Zu­gang. Und wenn Sie Mem­ber wer­den, zu noch et­was mehr.

Geris beredtes Schweigen

Ach, Le­se­rin­nen, Le­ser, war­um habt Ihr Ge­ri al­lein­ge­las­sen? Ein Drit­tel von Euch war da­für, dass er Ai­ras Bit­te nach Dis­kre­ti­on re­spek­tiert, ein Drit­tel plä­dier­te hef­tig für das Ge­gen­teil, und ein Drit­tel woll­te Ge­ri die Ent­schei­dung selbst über­las­sen. Ihr spie­gelt ge­nau den Kampf, der sich in Ge­ri ab­spielt. Schon im­mer ab­ge­spielt hat: Ein Drit­tel da­für, ein Drit­tel da­ge­gen, und ein Drit­tel unentschieden.

So habt Ihr es al­so zu ver­ant­wor­ten, dass Ge­ri, schon auf hal­bem Weg zum Club81, ste­hen­bleibt, sich et­was zu thea­tra­lisch (die Cam­pa­ris) an die Stirn fasst, rechts­um­kehrt macht und wie­der auf das Grap­pi­no zu­steu­ert, das er so­eben ver­las­sen hat. Als er es be­tritt, ist es noch lee­rer, als vor fünf Mi­nu­ten. Sein Glas steht noch dort. Der Zi­tro­nen­schnitz schwimmt in ei­ner Pfüt­ze aus ge­schmol­ze­nem Eis.

Erst als er Van­nis fra­gen­dem Blick be­geg­net, wird Ge­ri klar, dass er ei­nen Feh­ler ge­macht hat: Nur ein­sa­me Her­zen und Al­ko­ho­li­ker ver­las­sen ein Lo­kal nach vier Cam­pa­ris, nur um ein paar Mi­nu­ten spä­ter wie­der­zu­kom­men und ei­nen fünf­ten zu bestellen. 

”Hab ich hier mei­ne Dings lie­gen­las­sen?” fragt Ge­ri geistesgegenwärtig.

”Was für ei­ne Dings?” fragt Van­ni zu­rück. Ge­ri schaut sich auf sei­nem Platz um, schüt­telt (wie­der et­was zu thea­tra­lisch) den Kopf und wünscht Van­ni ei­nen schö­nen Abend.

”Wenn ich die Dings fin­de, le­ge ich sie für dich auf die Sei­te!” ruft Van­ni ihm nach. Er ist nicht mehr wäh­le­risch in sei­nen Mit­teln, ei­nen Gast zum Wie­der­kom­men zu bewegen.

Ge­ri tritt wie­der auf die Stras­se und geht ziel­stre­big in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung. Ge­ra­de der un­ent­schlos­se­ne Mensch soll­te dar­auf ach­ten, nie un­schlüs­sig zu wirken. 

So irrt Ge­ri Wei­bel ge­schäf­tig durch die Ne­ben­stras­sen des In­dus­trie­quar­tiers und über­legt krampf­haft, wo­hin er jetzt ge­hen soll. Die letz­ten Lo­ka­le, in de­nen er sich stan­des­ge­mäss ei­ne klei­ne Ent­schei­dungs­hil­fe hät­te ge­neh­mi­gen kön­nen, hat er längst hin­ter sich ge­las­sen. Und bei den noch na­tur­be­las­se­nen Quar­tier­knei­pen muss man im­mer da­mit rech­nen, von ei­nem Trend­scout (Ro­bi Mei­li!) er­wischt zu werden. 

Es däm­mert schon, Ge­ri ist von sei­nem Stech­schritt längst in ein me­lan­cho­li­sches Schlen­dern ver­fal­len, als er sich plötz­lich vor sei­ner Haus­tür wie­der­fin­det. Ir­gend­ein In­stinkt muss ihn nach Hau­se ge­führt ha­ben, wie ei­ne aus­ge­setz­te Katze. 

Das Bett sieht noch so aus, wie er es ver­las­sen hat. Aber als er sich dar­auf setzt, fällt ihm auf, dass es an­ders riecht. Es riecht nach Ai­ra. Er steht auf und öff­net den Kühl­schrank. An des­sen Tür klebt noch im­mer der gel­be Zet­tel. ”Das müs­sen ja nicht al­le wis­sen, gell?” Ge­ri greift sich ei­ne Do­se Bier, knackt sie und nimmt ei­nen Schluck. Dann setzt er sich in den Ses­sel und ver­sucht her­aus­zu­fin­den, was an der Woh­nung an­ders ist.

Es dau­ert ein Bier, bis er drauf­kommt: Das Licht ist an­ders. Und es dau­ert ein zwei­tes, bis er merkt, wes­halb: Um die­se Zeit ist er ent­we­der ge­ra­de noch im SOFORT! oder be­reits im Club81. Noch nie war er um die­se Zeit in sei­ner Woh­nung. Lang­sam be­schleicht ihn ein tie­fes Heim­weh nach Ro­bi, Su­si, Carl, Fred­dy, Re­to, den Fau­teuils des Club81 und – Aira. 

Zur Ab­len­kung holt Ge­ri sich das letz­te Bier aus dem Kühl­schrank und die obers­te vom Stoss der un­ge­le­se­nen Zeit­schrif­ten. Sie heisst skim.com und hat ei­ne neue Art zu kom­mu­ni­zie­ren zum The­ma. Man trägt Klei­der und Ac­ces­soires mit gut sicht­ba­ren Num­mern, über die man im In­ter­net zu er­rei­chen ist. Ei­ne Art Cy­ber-pos­til­lon d’amour, wie sich Fred­dy Gut ein­mal aus­drück­te. Weil Ge­ri nicht klar war, wie er die Be­mer­kung in­ter­pre­tie­ren soll­te, hat er sich skim ge­gen­über bis­her neu­tral verhalten.

Wie er jetzt so blät­tert, stösst er auf ein et­wa zehn Zen­ti­me­ter lan­ges bei­geleg­tes Stück Heft­pflas­ter mit ei­ner skim-Num­mer und der Auf­for­de­rung, es als Ac­ces­soire zu tra­gen, to pro­vo­ke reactions.

Wenn Ge­ri die Cam­pa­ris nicht noch mit ein paar Bier­chen ab­ge­run­det hät­te, wä­re ihm die Idee wohl nicht so ge­ni­al vor­ge­kom­men. Aber so star­tet er sei­nen iMac, geht ins Netz, und schafft es schliess­lich, sein Heft­pflas­ter zu ak­ti­vie­ren. Es ist schon dun­kel, als er die Woh­nung verlässt.

Der Club81 ver­stummt für ei­nen Mo­ment, als Ge­ri den Raum be­tritt. Sei­ne Schrit­te sind un­si­cher, sei­ne Au­gen glän­zen und sein Mund ist mit ei­nem gros­sen Heft­pflas­ter ver­klebt. Er geht zum Tre­sen, wo Ai­ra ge­ra­de ei­ne Be­stel­lung tippt, stellt sich vor sie hin und deu­tet auf das Pflas­ter. 022261@skim.com. Was skimt ihr ihm, Airas?

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