×
Passwort wiederherstellen
Abonnieren
Probeabo
Gutschein

Portrait

«Keinen ersten Satz ohne den letzten»

Vor ge­nau zwan­zig Jah­ren ist «Small World» er­schie­nen, sein ers­ter Ro­man. Seit­her hat Suter neun wei­te­re Ro­ma­ne ge­schrie­ben und vier Kri­mi­nal­ge­schich­ten um den Hoch­stap­ler All­men, der sich auf die Wie­der­be­schaf­fung ge­stoh­le­ner Kunst spe­zia­li­siert.

Wie bei all un­se­ren frü­he­ren Tref­fen spricht Suter über­legt und ru­hig, die Zeit spielt für ihn kei­ne Rol­le. Er hat die wun­der­ba­re Ga­be, im­mer ganz im Mo­ment zu sein. Suter ist ein gu­ter Zu­hö­rer, was da­zu füh­ren kann, dass man zu lan­ge von sich selbst er­zählt, bis man den Rol­len­wech­sel be­merkt.

Zwi­schen­durch re­den wir über die Bü­cher im Re­gal. Mal blät­tern wir lan­ge durch ei­nen Band mit sei­nen schö­nen Fo­to­gra­fi­en, die auf Rei­sen mit sei­ner Frau Mar­grith und sei­ner Toch­ter Ana ent­stan­den. Aber auch die über dem Schreib­tisch be­fes­tig­ten Zet­tel mit Zi­ta­ten von Benn und Höl­der­lin be­flü­geln das Ge­spräch. Und was hat es mit dem gros­sen Schwarz-Weiss-Bild ei­nes äl­te­ren Herrn auf sich, ne­ben dem Schreib­tisch? Sein Va­ter viel­leicht?

Die Sa­che klärt sich auf, als es be­reits dun­kelt. Ich fra­ge Suter nach sei­nen Vor­bil­dern. Er ant­wor­tet, Vor­bil­der ha­be er ei­gent­lich nicht, aber Fi­gu­ren, die ihn fas­zi­nie­ren, schon. Er zeigt auf be­sag­te Fo­to­gra­fie. Ab­ge­bil­det ist Emil He­get­sch­wei­ler, ein Schwei­zer Volks­schau­spie­ler. Er war Mit­be­grün­der des Ca­ba­ret Cor­ni­chon und spiel­te in vie­len Fil­men von Kurt Früh. Be­geg­net ist er ihm nie, als He­get­sch­wei­ler starb, war Suter noch ein Kind. Aber er hat in der Film­ko­pier­an­stalt, wo sein Va­ter tech­ni­scher Di­rek­tor war, im­mer wie­der Frag­men­te von Fil­men ge­se­hen, in de­nen Hegi spiel­te. Das Fo­to ha­be er aus dem Fun­dus des Ca­ba­ret Cor­ni­chon ge­kauft. Es sei ei­ne Art Ju­gend­er­in­ne­rung.

Wir du­zen uns seit län­ge­rer Zeit, für die­ses Ge­spräch in die Höf­lich­keits­form zu wech­seln, das wä­re ge­küns­telt ge­we­sen.

image

Was weckte in dir den Wunsch, Schriftsteller zu werden?

Das Schrei­ben. Als ich sech­zehn war und die kind­li­che­ren Be­rufs­wün­sche wie Clown oder Ur­wald­dok­tor auf­gab, wuss­te ich, dass das Schrei­ben mein Be­ruf wer­den soll­te. Aber mit et­wa neun­zehn merk­te ich, dass ich von der Schrift­stel­le­rei nicht wür­de le­ben kön­nen. Das war ein Pro­blem, denn ich woll­te all das, was ein jun­ger Mann eben will: aus­zie­hen von zu Hau­se, selbst­stän­dig sein, mit ei­ner Frau zu­sam­men­le­ben. Na­tür­lich zah­len ei­nem das die El­tern nicht, je­den­falls mei­ne nicht. Al­so muss­te ich ei­nen Weg fin­den, um Geld zu ver­die­nen.

Kön­nen wir noch­mals zurück­ ru­dern: Was warst du denn für ein Kind? Ein Viel­le­ser? Wel­che Rol­le spiel­ten Bü­cher in dei­nem El­tern­haus?

Ich glau­be schon, dass man mich als Le­se­rat­te be­zeich­nen konn­te. Je­den- falls las ich oft im Kel­ler auf der Ap­fel­hur­de – ver­steht man das heu­te noch? Das Ge­stell, auf dem man die Äp­fel la­gert? Da ha­be ich Karl May ge­le­sen, weil mein Va­ter er­zähl­te, dass das in sei­ner Kind­heit ver­bo­ten war. In mei- ner Kind­heit war das Le­sen von Karl May al­les an­de­re als ver­bo­ten, aber es er­höh­te die Span­nung, so zu tun, als ob. Ich ha­be auch nachts un­ter der Bett­de­cke ge­le­sen. Mit ei­ner Ta­schen­lam­pe aus dem Zwei­ten Welt­krieg, die ei­nen Dy­na­mo be­sass, den man von Hand be­trei­ben muss­te. Mei­ne Gross­tan­te Mar­ti hat­te sie mir ge­schenkt.

Wel­ches Buch hat dich als Kind be­ein­druckt?

Wie ge­sagt: Karl May. Ich glau­be, ich ha­be al­les von ihm ge­le­sen, inklusive«Weihnacht!» und «Ich». Auch «Die schöns­ten Sa­gen des klas­si­schen Al­ter­tums» ha­be ich ver­schlun­gen. Und«Biggles», die Se­rie über den Teen­ager­pi­lo­ten. Und na­tür­lich «Nils Hol­gers­son».

Du sagst, du woll­test un­ab­hän­gig sein, Geld ver­die­nen. Wie bist du dann bei der Wer­bung ge­lan­det?

Ich hat­te ei­ne eng­li­sche Ma­tur. Wir sind nach dem ers­ten Gy­mi nach Frei­burg um­ge­zo­gen, wo ich im Col­lège Saint- Mi­chel ei­ne sehr hu­ma­nis­ti­sche Aus­bil­dung fast oh­ne Na­tur­wis­sen­schaf­ten ge­noss, was mir sehr ent­ge­gen­kam

Nur als wir vier Jah­re spä­ter er­neut um­zo­gen, dies­mal nach Ba­sel, lan­de­te ich wie­der in ei­nem neu­en Schul­sys­tem und zwi­schen al­len Stüh­len und Bän­ken. Ich ver­such­te es für ei­ne Wei­le in der Mi­ner­va, bis ich her­aus­fand, dass man sich für sei­ne O- und A‑Levels die Prü­fungs­fä­cher aus­su­chen kann, wenn man den eng­li­schen Schul­zweig wählt. Ich ha­be dann ei­nen strikt na­tur­wis­sen­schafts­frei­en GCE-Ab­schluss ge­macht, den kei­ne Schwei­zer Uni ak­zep­tier­te. Ich durf­te mich nur als Hö­rer ein­schrei­ben und hät­te nach ei­nem Jahr ei­ne Prü­fung ma­chen müs­sen. Was ich nie ge­tan ha­be. Aber ich woll­te un­be­dingt im «Ko­li­bri» schrei­ben, der Stu­den­ten­zeit­schrift der Uni Ba­sel. Als ich mich auf der Re­dak­ti­on mel­de­te, sag­ten sie, ich sei zu jung da­für. Ich sol­le doch für sie An­zei­gen ak­qui­rie­ren. Das ha­be ich dann auch ge­tan, ich schrieb für das Heft Wer­be­brie­fe. Dann hat mal ein La­den­in­ha­ber – ich weiss lei­der nicht mehr, wel­cher – ge­ant­wor­tet, er wol­le zwar nicht im «Ko­li­bri» in­se­rie­ren, aber das sei der bes­te Wer­be­brief, den er je er­hal­ten ha­be. Ich sol­le doch Wer­be­tex­ter wer­den.

Und du hast den Rat be­her­zigt.

Ehr­lich ge­sagt, wuss­te ich nicht, was das ei­gent­lich ist, ein Tex­ter. Aber ich fand her­aus, dass es aus­ge­rech­net in Ba­sel ei­ne Agen­tur gab, die gros­ses Ge­wicht auf Tex­te leg­te.

Und das war nicht ir­gend­ei­ne. GGK ge­hör­te zu den füh­ren­den Wer­be­agen­tu­ren Eu­ro­pas.

Ein Cou­sin von mir war Gra­fi­ker. Er kann­te Karl Gerst­ner, den am Neu­jahrs­tag ver­stor­be­nen Mit­grün­der der Agen­tur. Der schick­te mich zu Mar­kus Kut­ter, der für die Tex­te zu­stän­dig war. Ich sass al­so im Vor­zim­mer von Kut­ter, als ein bul­li­ger, kahl ge­scho­re­ner Typ her­aus­kam. Spä­ter er­fuhr ich, dass das Wer­ner Lü­di war, der Sa­xo­fo­nist und Wer­be­tex­ter. Da­nach kam ich an die Rei­he. Kut­ter sag­te, der Mann, der eben sein Bü­ro ver­las­sen ha­be, sei schon über dreis­sig und ka­pie­re erst jetzt lang­sam, wor­um es ge­he beim Tex­ten. Ich da­ge­gen mit mei­nen 19 Jah­ren sei ein­deu­tig zu jung. Al­so schick­te er mich in die Me­dia­ab­tei­lung der GGK. Man gab mir ei­nen Job als Me­di­aas­sis­tent.

Was muss­test du da tun?

Me­dia­plä­ne, An­zei­gen­sei­ten und Pla­kat­stel­len bu­chen. Spä­ter wur­de ich Wer­be­as­sis­ten­ten­lehr­ling. Da­nach mach­te ich die Re­kru­ten­schu­le, und spä­ter wur­de ich Ju­ni­or AE. AE hiess Ac­count Exe­cu­ti­ve, das wa­ren die Kun­den­be­ra­ter, die von den Krea­ti­ven im­mer et­was von oben her­ab be­han­delt wur­den. Ei­ne Zeit lang war ich der As­sis­tent von Her­mann Stritt­mat­ter, der noch heu­te un­ter dem Na­men GGK Wer­bung macht. Ir­gend­wann be­kam ich mei­nen ers­ten ei­ge­nen Ac­count – so nennt man in der Wer­ber­spra­che den Kun­den. Das war ein jün­ge­rer Mann, der ei­ne Werk­zeug­mar­ke kre­ieren woll­te mit Werk­zeug, das er ir­gend­wo im Os­ten her­stel­len liess. Theo­phil Butz war der jun­ge Art Di­rec­tor, der die Iden­ti­ty ge­stal­te­te, ziem­lich schön, wenn ich mich rich­tig er­in­ne­re. Aber aus der Sa­che wur­de nichts. Nach ei­nem ers­ten Tref­fen mit dem Kun­den lud mich Mar­kus Kut­ter in die Hum­mer­bar zu mei­nem ers­ten Cü­pli ein. Da ha­be ich zu ihm ge­sagt: «Herr Dok­tor, ich glau­be, das ist ein Hoch­stap­ler.»

Hat­test du recht?

Ja, aber wel­cher Fünf­zig­jäh­ri­ge ver­traut schon der Men­schen­kennt­nis ei­nes Ein­und­zwan­zig­jäh­ri­gen? Aber es stell­te sich her­aus, dass der Kun­de nicht zah­len konn­te. Mit der Zeit ha­be ich bei an­de­ren Ac­counts mit­ge­ar­bei­tet und be­gon­nen, heim­lich mit­zu­tex­ten. Und ein­mal zeig­te ich die­se Ver­su­che Ro­bert Stal­der, dem Crea­ti­ve Di­rec­tor und mei­nem spä­te­ren Part­ner. Der sag­te: Ab jetzt bist du Tex­ter. 1971 er­öff­ne­te GGK ei­ne Agen­tur in Wien, und ich wur­de ihr Crea­ti­ve Di­rec­tor. Ich war 23. Ei­ne Art Kin­der­star der Wer­bung.

Wie muss man sich die da­ma­li­ge Zeit in der Wer­be­bran­che vorstel­len? Wie in der Se­rie «Mad Men»?

Es war schon recht ähn­lich. Wir fin­gen spät an und hör­ten spät auf und ver­such­ten, die ver­pass­te Le­bens­qua­li­tät am Abend nach­zu­ho­len. Wir ver­dien­ten gut, wa­ren aber im­mer knapp. Wir fühl­ten uns als Künst­ler,  und die meis­ten von uns wa­ren si­cher, dass wir uns le­dig­lich auf ei­ner Zwi­schen­sta­ti­on be­fan­den. Es war kein ge­sun­des Le­ben, aber es hat Spass ge­macht. Wie das meis­te Un­ge­sun­de.

Hat das auf Dau­er nicht an dei­nem Selbst­ver­trau­en ge­nagt, im­mer nur Ge­brauchs­tex­te zu lie­fern? Ist das nicht frus­trie­rend, ta­ge­lang an ei­nem Spruch für Jä­ger­meis­ter rum­stu­die­ren zu müs­sen?

Mei­ne Stär­ke da­mals war, dass ich nicht ta­ge­lang brauch­te für ei­nen Jä­ger­meis­ter­spruch. Als frei­er Tex­ter, be­vor ich nach Wien ging, fuhr ich je­weils für ei­nen Tag nach Düs­sel­dorf, wo die GGK die Kam­pa­gne mach­te: Spät­abends in den Schlaf­wa­gen, mor­gens um acht als Ers­ter in der Agen­tur, ich ha­be die be­reit­lie­gen­den Bild­su­jets ent­ge­gen­ge­nom­men, den gan­zen Tag Sprü­che ge­tex­tet, dreis­sig, vier­zig Su­jets, sie ge­gen Abend dem ge­nia­len CD Wolf Ro­gos­ky prä­sen­tiert und an gu­ten Ta­gen fünf­zehn bis zwan­zig ab­ge­nom­men be­kom­men. Zu 500 Mark das Stück. Dann bin ich mit den Kol­le­gen es­sen und trin­ken ge­gan­gen, ha­be spät den Schlaf­wa­gen ge­nom­men und war am frü­hen Mor­gen zu­rück in Ba­sel.

Wie lan­ge hast du die­sen Job ins­ge­samt ge­macht?

Als Free­lan­cer, al­so als frei­er Tex­ter und Kon­zep­ter, ha­be ich viel­leicht fünf oder sechs Jah­re ge­ar­bei­tet. Als An­ge­stell­ter wa­ren es wohl et­wa acht. Da- nach hat­te ich zu­erst mit Ro­bert Stal­der wäh­rend vier, fünf Jah­ren ei­ne klei­ne Agen­tur, Stal­der & Suter, die ich spä­ter et­wa drei Jah­re al­lein führ­te und dann mit an­de­ren, viel grös­se­ren Agen­tu­ren ver­ein­te. Ei­ne Zeit lang war ich Mit­in­ha­ber ei­ner gros­sen Agen­tur mit dem sper­ri­gen Na­men Ae­bi, Suter, Gis­ler, Studer/ BBDO. Sie war ein Flop und das En­de mei­ner Wer­be­kar­rie­re. Lass mich rech­nen, was nicht mei­ne Stär­ke ist: Ich wür­de sa­gen, ich ha­be von mei­nen bald fünf­zig Be­rufs­jah­ren et­wa neun­zehn Wer­bung ge­macht, im­mer wie­der mit Un­ter­brü­chen. Der ers­te gros­se Un­ter bruch kam be­reits nach ei­nem gu­ten Jahr als CD in Wien. Ich kauf­te ei­nen al-ten Land­ro­ver, rüs­te­te ihn zum Wohn-mo­bil um und ging auf Afri­ka­rei­se.

Al­lein?

Nein, mit mei­ner da­ma­li­gen Frau, der Künst­le­rin Vi­vi­an Suter, und – in ei­nem zwei­ten Land­ro­ver – ei­nem be­freun­de­ten Paar, dem Ma­ler und Schrift­stel­ler Jean Wil­li und sei­ner frü­he­ren Le­bens­ge­fähr­tin. Aber mit ih­nen gab es be­reits in Tu­nis Streit, und wir trenn­ten uns.

Wes­halb?

Ich weiss nicht mehr. We­gen ir­gend­ei­ner Lap­pa­lie. Es war ziem­lich kin­disch. Sie fuh­ren ein, zwei Ta­ge vor uns in die glei­che Rich­tung los, und wir bil­de­ten uns ein, manch­mal im Sand der Sa­ha­ra ih­re Rei­fen­spu­ren zu se­hen. Spä­ter, als wir uns in der Schweiz wie­der ver­söhn­ten, er­fuh­ren wir, dass wir bis Ka­no im Nor­den Ni­ge­ri­as die glei­che Rou­te hat­ten. Von dort aus fuh­ren sie zur Ost­küs­te, und wir sta­chen in den Sü­den, durch­quer­ten die Zen­tral­afri­ka­ni­sche Re­pu­blik, mie­den Idi Amins Ugan­da, fuh­ren durch den Dschun­gel von Zai­re und Ru­an­da über Tan­sa­nia nach Ke­nia. Dort ver­kauf­ten wir den Land­ro­ver und reis­ten mit Ruck­sack wei­ter. Dann in ei­nem Pas­sa­gier­frach­ter über den In­di­schen Oze­an bis Bom­bay und von dort bis Sri Lan­ka, wo wir et­wa zwei Mo­na­te blie­ben. Da­nach ging es mit der Ae­ro­flot über Te­he­ran und Mos­kau zu­rück nach Zü­rich, das war da­mals die güns­tigs­te Va­ri­an­te, so­gar mit ei­nem von der Ae­ro­flot be­zahl­ten Ho­tel­auf­ent­halt in Mos­kau. Die gan­ze Rei­se dau­er­te ein knap­pes Jahr.

Wie ging es da­nach wei­ter? Wel­che Plä­ne hat­test du?

Ich war 26 Jah­re alt, woll­te im­mer noch Schrift­stel­ler wer­den und war to­tal ab­ge­brannt. Ich jobb­te als Free­lan­cer und be­kam aus hei­te­rem Him­mel von Mar­kus Kut­ter das An­ge­bot, Crea­ti­ve Di­rec­tor der GGK – es gab sie da­mals nur in Ba­sel, Düs­sel­dorf und Wien – zu wer­den. Das war ich dann et­wa ein Jahr, bis ich in ei­ne frü­he Mid­life-Cri­sis ge­riet und mich bei «Geo» be­warb, der Zeit­schrift, die da­mals ge­ra­de vor der Grün­dung stand. Ich dach­te: Das ist gut, viel rei­sen und dar­über schrei­ben – ich will Rei­se­jour­na­list wer­den. Ich schick­te dem Chef­re­dak­tor ein paar Text­pro­ben, das war ein le­gen­dä­rer Jour­na­list na­mens Rolf Win­ter. Er lud mich zu ei­nem Ge­spräch ein.

Was für Tex­te hast du Win­ter ge­schickt? Wer­be­tex­te?

Nein, es wa­ren fik­ti­ve Brie­fe, ich sag­te, ich hät­te sie auf mei­ner Afri­ka­rei­se ge­schrie­ben.

Du hast ge­mo­gelt bei dei­ner Be­wer­bung?

Nun ja, aber nur mit der Chro­no­lo­gie. Was in den Brie­fen stand, war au­then­tisch, nur ha­be ich sie nicht wäh­rend, son­dern erst nach der Rei­se und zu die­sem Zweck ge­schrie­ben. Ich ha­be sie an ver­schie­de­ne Leu­te adres­siert und auch ge­schickt. Ich weiss nicht mehr, wem – nur dass mein Freund Hans­jörg Schnei­der, der Schrift­stel­ler, ei­ner der Adres­sa­ten war. Auf je­den Fall fand Win­ter, ich kön­ne «gut mit Spra­che um­ge­hen», und schick­te mich auf ei­ne Rei­se zu den Cow­boys in Wyo­ming, Mon­ta­na und Te­xas. «Geo»hatte da­mals die Schub­la­den vol­ler Fo­to­re­por­ta­gen, die die Bild­re­dak­ti­on in Auf­trag ge­ge­ben oder zu­sam­men­ge­kauft hat­te, und man such­te Leu­te, die den Be­richt da­zu schrie­ben.

Dann hast du dei­nen lu­kra­ti­ven Job ein­fach ge­kün­digt, um ein neu­es Le­ben zu be­gin­nen?

Ich muss­te noch für drei Mo­na­te mei­nen Ver­trag als Crea­ti­ve Di­rec­tor er­fül­len und nutz­te die Zeit, um Reit­un­ter­richt zu neh­men. Ich fand ei­nen Leh­rer, dem ich sag­te: «In drei Mo­na­ten muss ich rei­ten kön­nen, schaf­fen wir das?» Je­den Mor­gen vor der Ar­beit nahm ich ei­ne Reit­stun­de auf ei­nem Spring­pferd mit eng­li­schem Sat­tel, so ernst nahm ich mei­nen neu­en Be­ruf. Nach drei Mo­na­ten konn­te ich leid­lich rei­ten und auch über klei­ne Hin­der­nis­se sprin­gen. Aber bei den Cow­boys stell­te sich her­aus, dass das Rei­ten in ei­nem Wes­tern­sat­tel auf ei­nem Quar­ter Hor­se viel ein­fa­cher ist. Ich konn­te es al­so ver­hält­nis­mäs­sig gut. Die Cow­boys ak­zep­tier­ten mich je­den­falls.

Du hast mit de­nen Käl­ber ein­ge­fan­gen und am La­ger­feu­er ge­ses­sen?

Die Cow­boys frag­ten erst, ob ich ei­nen klei­nen Last­wa­gen fah­ren kön­ne. Denn die Käl­ber wur­den ge­ra­de von ih­ren Müt­tern ge­trennt, wea­ning nennt man das. Dann wer­den die Jung­tie­re zu ei­nen an­de­ren Cor­ral ge­fah­ren. Und das war mein Job. Käl­ber­chauf­feur so­zu­sa­gen. Erst nach ein paar Ta­gen lies­sen sie mich auf ein Pferd. Sie zeig­ten mir, wie man sich im Sat­tel nach hin­ten leh­nen und die Bei­ne stre­cken muss, da­mit man beim Brem­sen nicht übers Pferd nach vorn weg­fliegt. Die Tie­re ha­ben ein fie­ses Zaum­zeug. Wenn man nur ein biss­chen zieht, wird ih­nen ein Ei­sen in den Gau­men ge­drückt. Dar­um stop­pen die so ab­rupt, von hun­dert auf null in ei­ner Se­kun­de so­zu­sa­gen. Je­den­falls als ich zum ers­ten Mal aus­ritt mit den Cow­boys, um Kü­he zu­sam­men­zu­trei­ben sag­te ei­ner zu mir: You are a mo­ther­fuck­ing cock­suck­ing son of a bitch of a good ri­der. Ein Schmeich­ler halt.

Das brau­chen wir jetzt nicht zu über­set­zen. Wenn du dich selbst be­schrei­ben müss­test in der da­ma­li­gen Zeit, so als ob dieser«Geo»­Reporter ei­ne Fi­gur wä­re in dei­nem nächs­ten Ro­man, wie könn­te so ein Satz über die­sen jun­gen Suter lau­ten?

«Er tat al­les, als wür­de er sich stän­dig da­bei be­ob­ach­ten und den­ken: Hier rei­tet der gros­se Rei­se­re­por­ter auf sei­nem Pferd durch die Prä­rie.» Oder: «Hier sitzt der gros­se Rei­se­re­por­ter im Licht der Nacht­tisch­lam­pe und füllt sein No­tiz­buch mit den Er­leb­nis­sen des Ta­ges.»

Bei «Geo» bliebst du dann doch nicht lan­ge. Wes­halb?

Ich war ja kein Mit­glied der Re­dak­ti­on, nur frei­er Mit­ar­bei­ter. Nach den Cow­boys war ich für «Geo» noch am Mis­sis­sip­pi, in Ni­ge­ria, auf dem Berg Athos und in Sri Lan­ka. Die­se letz­te Re­por­ta­ge war dem neu­en Chef­re­dak­tor, Her­mann Schrei­ber, zu po­li­tisch – ich war auf den Kon­flikt zwi­schen Sin­gha­le­sen und Ta­mi­len ge­stos­sen und hat­te ihn ne­ben den folk­lo­ris­ti­schen und äs­the­ti­schen As­pek­ten the­ma­ti­siert. Ich wei­ger­te mich, die Re­por­ta­ge um­zu­schrei­ben und das The­ma aus­zu­klam­mern, und das führ­te zu ei­ner ge­wis­sen Ver­stim­mung zwi­schen dem Ma­ga­zin und mir. Erst ei­ni­ge Jah­re spä­ter schrieb ich wie­der für «Geo». Re­por­ta­gen, die ich von zu Hau­se aus re­cher­chie­ren konn­te. Über die Wal­li­ser Schwarz­na­sen­scha­fe oder die Ehrin­ger Kampf­kü­he. Kam da­zu, dass ich von die­sem Be­ruf nicht le­ben konn­te. Ich er­hielt zwar ein Ho­no­rar von 8000 Mark pro Re­por­ta­ge, aber mir fehl­te die Rou­ti­ne, ge­nug Ge­schich­ten pro Jahr zu schrei­ben. Ich brauch­te mehr als ei­nen Mo­nat zur Re­cher­che und sass dann vor mei­nem Berg von Ma­te­ri­al, Do­ku­men­ten, In­ter­views und No­ti­zen und wuss­te nicht, wo ich an­fan­gen soll­te. So kam es auch vor, dass ich auf ei­ne Re­por­ta­ge ging, be­vor ich die letz­te ab­ge­lie­fert hat­te, was die Sa­che nicht ein­fa­cher mach­te. Aus­ser­dem glich in ge­wis­sen Fäl­len, wenn ich mit Star­fo­to­gra­fen rei­sen muss­te, mei­ne Rol­le we­ni­ger der des Schrei­bers als des Se­kre­tärs des Fo­to­gra­fen, der ein Viel­fa­ches mei­nes Ho­no­rars ein­strich.

Dar­um woll­test du doch nicht  mehr Rei­se­re­por­ter sein?

Ja, aus all die­sen Grün­den war es wohl doch nicht mein Ding. Ich war ein Kurz­streck­ler und nicht ge­wohnt, auf Mit­tel­stre­cke zu lau­fen, die mir da­mals als Lang­stre­cke vor­kam. Ich ha­be ge­schrie­ben, wie ich ge­lernt hat­te, Wer­be­tex­te zu schrei­ben. Man sag­te uns: Denkt dar­an, dass nie­mand le­sen will, was ihr da schreibt. Al­so gebt euch be­son­ders viel Mü­he aus Re­spekt de­nen ge­gen­über, die es trotz­dem tun. Schreibt so, dass man es gern liest, und be­lohnt die, die es bis zum Schluss le­sen, mit ei­ner an­stän­di­gen Poin­te. Ich schrieb al­so mei­ne dreis­sig Sei­ten Re­por­ta­ge wie frü­her mei­ne dreis­sig Zei­len Wer­be­tex­te, was na­tür­lich ewig dau­er­te und fi­nan­zi­ell nicht auf­ge­hen konn­te. Ich hat­te zwar ei­ne bil­li­ge Woh­nung und leb­te wäh­rend der Rei­sen auf Spe­sen, aber ich be­sass aus mei­ner Zeit in der Wer­bung auch die­sen Hang zu ei­nem ge­wis­sen Lu­xus. Ich be­gann wie­der, für Wer­be­kam­pa­gnen ein­zu­sprin­gen.

Und dann hast du dich wie­der fest an­stel­len las­sen?

Ro­bert Stal­der der kur­ze Zeit als Selbst-stän­di­ger ge­ar­bei­tet hat­te, kam als Ge­schäfts­füh­rer zu­rück zur GGK, und ich folg­te ihm als Crea­ti­ve Di­rec­tor. Das war ei­ne ver­rück­te Zeit. Wir wa­ren sehr er­folg­reich und drauf und dran, die gröss­te Agen­tur des Lan­des zu wer­den, als die In­ha­ber­schaft be­schloss, auch in Zü­rich ei­ne Agen­tur zu er­öff­nen und den gröss­ten Teil des Swis­sair Ac­counts dort­hin zu zü­geln. Dar­auf grün­de­ten Stal­der und ich et­was ver­schnupft ei­ne ei­ge­ne klei­ne Agen­tur, Stal­der & Suter, bei der ein paar der bes­ten Leu­te der GGK ar­bei­te­ten. Sie war krea­tiv sehr er- folg­reich, aber wirt­schaft­lich nicht so. Wir wa­ren bei­de kei­ne gu­ten Ma­na­ger. Nach ein paar Jah­ren ging Ro­bert Stal­der zu­rück zur GGK nach Düs­sel­dorf, ich ver­such­te un­ser Glück mit ei­ner zwei­ten Nie­der­las­sung in Zü­rich, dann kam die be­reits er­wähn­te Fu­si­on, den Rest ha­be ich schon er­zählt.

Gibt es ei­ne Kam­pa­gne, auf die du heu­te noch stolz bist? Oder an­ders ge­fragt: Was war dei­ne bes­te Ar­beit als Wer­ber?

Für die Swis­sair ga­bes ein paar Kam­pa gnen, die ganz gut wa­ren, viel ge­hol­fen ha­ben sie, wie man heu­te weiss, al­ler­dings nicht. Aber das gilt be­kannt­lich für die meis­te Wer­bung. Auch für Em­men­ta­ler ha­ben wir bei Stal­der & Suter ein paar Kam­pa­gnen ge­macht, die mir heu­te noch ge­fal­len. Ei­ne war ei­ne rei­ne Text­kam­pa­gne, die spä­ter von der Schweiz-Num­mer der Li­te­ra­tur­zeit­schrift «Ra­be» ab­ge­druckt wur­de. An­de­re wa­ren Pla­kat­kam­pa­gnen – mehr Par­odi­en von Wer­bung oder bei­na­he de­ren Ab­schaf­fung. Ei­ne hiess «Äs­se statt stür­me», ei­ne «Falsch/Richtig».

Hat die Ar­beit in der Wer­bung dir am En­de das fi­nan­zi­el­le Pols­ter ver­schafft, auf dem du dein Le­ben als Schrift­stel­ler be­gin­nen konn­test?

Schön wärs ge­we­sen. Aber die Agen­tur ASGS/BBDO, an der ich be­tei­ligt war, muss­te zwei­mal das Ak­ti­en­ka­pi­tal mas­siv er­hö­hen. Ich ha­be bei­de Ma­le nicht mit­ge­macht, weil ich ers­tens das Geld nicht hat­te und zwei­tens nicht an de­ren Zu­kunft glaub­te. Mein An­teil be­trug zum Schluss 0,25 Pro­zent. Als wir uns 1991 aus der Schweiz ab­mel­de­ten, muss­te ich mei­ne Pen­si­ons­kas­se auf­lö­sen, um mei­ne Steu­er­schul­den zu be­zah­len. Es warein Wink des Schick­sals. So wur­de ich end­lich das, was ich schon im­mer wer­den woll­te: Schrift­stel­ler.

Du hast so­fort ei­ne sehr erfolg­ rei­che Ko­lum­ne ge­schrie­ben.

Die «Busi­ness Class»-Kolumne in der da­ma­li­gen «Welt­wo­che» war mei­ne Ret­tung. Zu­sam­men mit «Rich­tig le­ben mit Ge­ri Wei­bel» für das «NZZ Fo­lio» ver­dien­te ich ge­nug, um mich end­lich haupt­be­ruf­lich auf das Ro­man­schrei­ben kon­zen­trie­ren zu kön­nen. Der Plan war, in un­ser Fe­ri­en­haus in der Zi­ta­del le von Ibi­za zu zie­hen und es ein Jahr lang zu ver­su­chen. Mar­grith Nay, die ich 1975 ken­nen­ge­lernt und vier­zehn Jah­re spä­ter ge­hei­ra­tet ha­be, un­ter­stütz­te mich dar­in. Sie war Mo­de­de­si­gne­rin und be­sass in Ba­sel ei­ne Bou­tique, in der sie ih­re ei­ge­ne Kol­lek­ti­on mit dem La­bel O.N.L.Y. ver­kauf­te. Sie kam mit ih­rem da­ma­li­gen Com­pa­gnon über­ein, dass er für ein Jahr das Ge­schäft führ­te und sie von Ibi­za aus an der Kol­lek­ti­on ar­bei­te­te. Erst als der Win­ter kam, merk­ten wir, wie kalt und schlecht ge­heizt un­ser Haus in Ibi­za war.

Hast du dich in das kal­te Haus zu­rück­ge­zo­gen und nur noch an ei­nem Ro­man ge­ar­bei­tet?

Nein, so klar war der Schnitt nicht. Als Free­lan­cer ha­be ich im­mer noch ein we­nig Wer­bung ge­macht. Für die Mi­gros, die­se Spots mit dem Hünd­chen Max, so Sa­chen halt. Dann ha­be ich noch ab und an für das Fern­se­hen ge- ar­bei­tet, ei­nen «Tat­ort» ge­schrie­ben und für SRF und ZDF ei­nen Teil der Se­rie «Die Di­rek­to­rin». Ich schrieb auch Dreh­bü­cher für Da­ni­el Schmid. Und ich blieb noch ei­ne Zeit lang Prä­si­dent das Art Di­rec­tors Club, ob­wohl ich schon auf­ge­hört hat­te. Ich be­kam da­für noch ein be­schei­de­nes Ho­no­rar.

War «Busi­ness Class» ei­gent­lich dei­ne Idee?

Beat Cur­ti, der da­ma­li­ge Be­sit­zer der «Welt­wo­che», gab den An­stoss. Beat sag­te Jürg Ram­speck, dem da­ma­li­gen Chef­re­dak­tor, er sol­le mich fra­gen, ob ich im Wirt­schafts­teil ei­ne Ko­lum­ne schrei­ben wol­le. Ich sag­te zu­erst Nein. Wor­auf Jürg, ein schlau­er Ver­hand­ler, mich über­re­de­te, es doch mal drei Mo­na­te lang zu ver­su­chen. Ich  schrieb zwei Pro­be­tex­te, der ers­te han­del­te von ei­nem tech­ni­schen Aus­druck aus der Fi­nanz­welt, dir­ty floa­ting. Der an- de­re Text war ein Glücks­fall. Da­mals, das war 1992, fand ge­ra­de ei­ne Um- welt­kon­fe­renz der Ver­ein­ten Na­tio­nen in Rio de Ja­nei­ro statt, die für vie­le als Wen­de in der Um­welt­po­li­tik galt. Al­so be­schrieb ich in dem Text ei­ne VR-Sit­zung, an der je­der be­reits ein biss­chen al­ter­na­tiv ge­klei­det er­schien. Und in der Pau­se leck­ten al­le den Alu­de­ckel des Jo­ghurts schön sau­ber fürs Re­cy­cling. Jürg fand bei­de Tex­te gut. Mei­ne Frau Mar­grith sag­te aber, der ers­te Text sei nichts wert. Je­der kön­ne um ei­nen Be­griff ru­mei­ern. Da­mit war klar, wie ich wei­ter­ma­chen woll­te. Ich war schon beim ers­ten Ver­such auf ei­ne Form ge­stos­sen, klei­ne Dramu­let­te aus der Busi­ness­class.

1997 er­schien «Small World», ich ken­ne nie­man­den, der das Buch da­mals nicht ge­le­sen hat. Wie kamst du auf den Stoff? Und wie kam das Ma­nu­skript zu Dio­ge­nes? Mein Va­ter war ein paar Jah­re zu­vor in ei­nem fort­ge­schrit­te­nen Sta­di­um der Alz­hei­mer­krank­heit ge­stor­ben. Er ver­lor zu­neh­mend den Be­zug zur Ge­gen­wart und drang im­mer tie­fer in sei­ne Ver­gan­gen­heit zu­rück. Auf der Su­che nach ei­ner Ge­schich­te frag­te ich mich ei­nes Ta­ges: Was wä­re, wenn er in der Ver­gan­gen­heit auf ein Ge­heim­nis ge stos­sen wä­re, das er in der Ge­gen­wart nie­man­dem mit­tei­len könn­te?

Es hat mit dei­nem ers­ten Ro­man dann gleich ge­klappt.

Ich hat­te Dio­ge­nes da­vor schon ein­mal ein Ma­nu­skript ge­schickt, mehr ein Frag­ment von, ich glau­be, fast drei­hun­dert Sei­ten. Ich be­kam es mit ei­nem von ei­ner Prak­ti­kan­tin un­ter­schrie­be­nen Stan­dard­brief zu­rück, zu Recht, wie ich sa­gen muss. Bei «Schnee­bäl­le im Mai», wie «Small World» da­mals hiess, half mir mein Freund Pe­ter Rüe­di, der wun­der­ba­re Schrei­ber und Dür­ren­matt-Bio­graf, der gu­te Be­zie­hun­gen zu Dio­ge­nes pfleg­te. Er sorg­te da­für, dass das Ma­nu­skript ge­le­sen wur­de. Kurz vor Sil­ves­ter 1996 rief mich Da­ni­el Keel in Gua­te­ma­la an und sag­te, er ha­be ge­ra­de das Ma­nu­skript ge­le­sen und wer­de sich «stark­ma­chen für das Buch». Die­ses Ver­spre­chen hat er auf ein­drück­li­che Art gehalten.4

Apro­pos Gua­te­ma­la: Wie ver­schlug es euch dort­hin?

Un­ser kal­ter Wohn­sitz in Ibi­za und ei­ne Ein­la­dung von Freun­den nach Gua­te­ma­la wa­ren schuld dar­an. Wir be­such­ten sie im No­vem­ber für ei­nen Mo­nat, und es ge­fiel uns so gut, dass wir nicht zö­ger­ten, als wir kurz dar­auf ein Stück Land in de­ren Nach­bar­schaft an­ge­bo­ten be­ka­men. Ich hat­te ge­ra­de ei­nen Ver­trag für ei­ne Fern­seh­se­rie er­hal­ten und be­nütz­te den als Si­cher­heit für ei­nen Bank­kre­dit. Mei­ne Frau, die aus­ser als Mo­de­de­si­gne­rin auch auf die­sem Ge­biet sehr be­gabt ist, bau­te uns ein schö­nes Haus, in dem wir da­nach je­weils den gröss­ten Teil des Jah­res ver­brach­ten und in dem ich die meis­ten mei­ner Bü­cher schrieb.

In­zwi­schen hast du vier­zehn Ro­ma­ne ge­schrie­ben. Wie sehr be­schäf­tigst du dich mit der Fra­ge nach dei­nem Stil?

Das ha­be ich nur ganz frü­her ge­tan. Ich ver­zich­te­te so­gar ei­ne Wei­le auf das Le­sen, weil ich glaub­te, das be­ein­flus­se mei­nen Stil. Was für ein Quatsch! Ei­ner der Vor­tei­le, spät mit Ro­ma­ne­schrei­ben an­zu­fan­gen, ist, dass man sich sol­che Ge­dan­ken nicht mehr macht. Man schreibt, wie es kommt, so an­stän­dig man kann. Der Stil er­gibt sich dann von selbst.

Du schreibst star­ke Dia­lo­ge.

Das ha­be ich viel­leicht in mei­ner Ko­lum­nen­zeit ge­lernt. Ich muss­te mich mit Dia­lo­gen be­schäf­ti­gen, knapp schrei­ben. Das half mir für das Schrei­ben von Ro­ma­nen mehr als al­les, was ich in der Wer­bung oder im Jour­na­lis­mus ge­lernt ha­be. Kommt da­zu, dass ich viel Zeit mei­nes Le­bens an Wirts­haus­ti­schen ver­bracht ha­be.

Du kannst al­le mög­li­chen Mi­lieus wun­der­bar be­schrei­ben. Da­bei ha­be ich nicht den Ein­druck, dass du ein all­zu jo­via­ler Fest­bru­der bist.

Heu­te nicht mehr so. Aber es gab auch an­de­re Zei­ten, das darfst du mir glau­ben.

Er­in­nerst du dich noch an dei­nen ers­ten Ro­man­ver­such?

Das war nach mei­ner Rück­kehr aus Afri­ka. Selt­sa­mer­wei­se war es ein Sci­ence-Fic­tion-Ro­man. Die Welt wird von Grei­sen re­giert. Erst mit sech­zig ist man voll­jäh­rig. Ich schrieb aber nicht viel. Vor al­lem zeich­ne­te ich Span­nungs­kur­ven. Ich in­ter­es­sier­temich früh für die Struk­tur von Ge­schich­ten. Mit zwan­zig las ich E.T.A. Hoff­mann, sei­ne gross­ar­ti­ge Schauer­erzäh­lung «Die Eli­xie­re des Teu­fels». Beim Le­sen fiel mir plötz­lich auf, mit wel­cher Tech­nik er Span­nung er­zeugt: Es pas­sier­te nichts, wenn man es er­war­te­te, und et­was Ent­setz­li­ches, wenn man über­haupt nicht dar­auf ge­fasst war. Hitch­cock­mäs­sig. Ich las da­mals, auch oh­ne es zu wol­len, vie­le Au­toren mit ei­nem Blick auf sol­che hand­werk­li­chen De­tails.

Es gibt Schrift­stel­ler, die ei­nen Ro­man da­mit be­gin­nen, in ein paar Sät­zen ei­ne Si­tua­ti­on oder Stim­mung zu be­schrei­ben. Und dann erst ent­schei­den sie, wie es wei­ter­geht, wel­ches Perso­nal es noch braucht usw. Die Ge­schich­te ent­wi­ckelt sich dann erst im Ver­lau­fe des Schrei­bens.

Das ha­be ich ein­mal ge­macht, und es kam nicht gut her­aus. Seit­her weiss ich im­mer, wie ei­ne Ge­schich­te en­det, be­vor ich sie an­fan­ge. Kei­nen ers­ten Satz oh­ne den letz­ten, ist mein Mot­to. Hand­lun­gen, wie ich sie schrei­be, müs­sen ge­scho­ben und ge­zo­gen wer­den. Wie kann ich aber zie­hen, wenn ich nicht weiss, von wo aus? Ich ha­be mal ein Zi­tat von Hans-Diet­rich Gen­scher auf­ge­schnappt, ich weiss nicht, ob es von ihm stammt, aber es trifft es­ge­nau:

«Wer nicht weiss, wo er hin­will, der kommt auch nicht an.» Ich ha­be ei­ne Skiz­ze im Kopf und schrei­be auch auf Kar­tei­kar­ten, elek­tro­ni­sche al­ler­dings, an wel­chen Pos­ten mein Ori­en­tie­rungs­lauf vor­bei muss, um an sein Ziel zu ge­lan­gen.

Man­che Schrift­stel­ler sa­gen, ih­re ge­dank­li­che Grund­ein­heit sei der Ab­schnitt. An­de­re den­ken in ein­ zel­nen Sät­zen wei­ter. Wie­der an­ de­re in Sze­nen. Wie ist das bei dir?

Ha­be ich mir nie über­legt. Aber mei­ne ge­dank­li­che Grund­ein­heit ist wohl die Ge­schich­te. Und die­se tei­le ich dann meist in Sze­nen auf. Und in die­se pa­cke ich dann die Rück­blen­den, die in­ne­ren Dia­lo­ge, die Schau­plät­ze, Stim­mun­gen, ein­fach al­les, was die Welt aus­macht, in der die Ge­schich­te spielt.

Das Ge­schich­ten­er­zäh­len, das Ge­schich­ten­er­fin­den ist ei­ne Qua­li­tät, die im an­gel­säch­si­schen Raum im­mer schon hö­her ge­ schätzt wur­de als im deutschspra­chigen. Hier punk­ten Schrift­steller eher mit schwe­ben­den Ge­fühls­be­schrei­bun­gen und dem gros­sen Lei­den an den vie­len Mög­lich­kei­ten der Frei­heit.

Das hast jetzt du ge­sagt. Ich glau­be, der Li­te­ra­tur­be­trieb im deutsch­spra­chi­gen Raum hat sich auch et­was ent­spannt und un­ter­schei­det nicht mehr so streng nach E und U. Aber mit den Gat­tun­gen hat er im­mer noch Mü­he. Wenn ein Buch span­nend ist, ist es in Deutsch­land noch im­mer ein Kri­mi. Ich hat­te schon zwei Kri­mi­prei­se, be­vor ich mei­ne ers­ten Kri­mis, die «Allmen»-Serie, schrieb. Aber es stimmt, mir macht das Ge­schich­ten­er­fin­den und –er­zäh­len viel Spass. Mir be­deu­tet auch der hand- werk­li­che Teil des Schrei­bens viel, da­zu ste­he ich. Es gibt nun mal auch hier Ge­setz­mäs­sig­kei­ten und Re­geln. Stell dir vor, man wür­de Beet­ho­ven vor­wer­fen, dass er sich beim Kom­po­nie­ren an Re­geln hielt. Ich bin auch nicht so der Freund von ato­na­ler Mu­sik und Free Jazz. Es geht in der Kunst ja we­ni­ger um die Nicht­ach­tung der Re­geln als um de­ren krea­ti­ve An­wen­dung.

Denkst du beim Schrei­ben oft an den Le­ser?

Klar. Ein Schrift­stel­ler, der sich als Ge­schich­ten­er­zäh­ler ver­steht, muss doch so er­zäh­len, dass man ihm gern zu­hört. Für mich ist das Ver­hält­nis zwi­schen Au­tor und Le­ser kein Mo­no­log. Es ist ein Dia­log, zu dem auch die Le­ser ih­ren Bei­trag leis­ten. Sie müs­sen ih­re Bil­der lie­fern und ich die rich­ti­gen Zau­ber­wör­ter, mit de­nen sie sie ab­ru­fen kön­nen. Die Me­ta­pher stammt vom wun­der­ba­ren Ei­chen­dorff: «Schläft ein Lied in al­len Dingen,/Die da träu­men fort und fort,/ Und die Welt hebt an zu sin­gen, /Triffst du nur das Zau­ber­wort.»

Wie ent­schei­dest du, in wel­chem Mi­lieu ein Ro­man spie­len soll? Je­der dei­ner Ro­man spielt in ei­nem ganz an­de­ren.

Es sind im­mer die Ge­schich­ten, die die Mi­lieus lie­fern. Im Fal­le von «Ele­fant» muss­te je­mand ei­nen klei­nen ro­sa Ele- fan­ten fin­den, den je­mand auf der Flucht ver­steckt hat. Mir ge­fiel die Idee, dass der Fin­der ein Trin­ker ist, der zu­erst denkt, er ha­be im Suff ei­ne Hal­lu­zi­na­ti­on. Da war ich schnell bei ei­nem Ob­dach­lo­sen, und des­halb spielt ein Teil des Ro­mans in sei­nem Mi­lieu. Und ein an­de­rer Teil im Zir­kus­mi­lieu. Auch dort fin­det man sich schnell wie­der, wenn es um Ele­fan­ten geht.

Und wie kamst du auf den ro­sa Mi­nie­le­fan­ten?

Auf et­was aty­pi­sche Wei­se. Vor zehn Jah­ren hat mir am Ran­de ei­nes Kon­gres­ses über Alz­hei­mer ein füh­ren­der For­scher ge­sagt, dass es gen­tech­nisch mög­lich wä­re, ei­nen win­zi­gen ro­sa­ro­ten Ele­fan­ten zu er­zeu­gen. Die­ser Satz blieb dann in mei­nem Kopf hän­gen, dar­an ha­be ich im­mer wie­der ge­dacht.

Wie­so hast du so lan­ge ge­war­tet mit der Ge­schich­te?

Als ich «Mon­te­cris­to» vor zwei Jah­ren schrieb, woll­te ich ei­gent­lich erst den «Ele­fan­ten» schrei­ben. Ich hat­te be­reits be­gon­nen, als «Mon­te­cris­to» da­zwi­schen­kam. Meist ha­be ich meh­re­re Ide­en, wenn ich ei­nen Ro­man be­gin­ne, ich wä­ge die ab, ent­schei­de mich und ver­fol­ge ei­ne wei­ter. Das ha­be ich auch hier ge­tan. Aber dann kam die Idee da­zwi­schen – ich weiss nicht, wo­her – mit den zwei Hun­der­ter­no­ten mit der­sel­ben Se­ri­en­num­mer und lenk­te mich so lan­ge ab, bis ich merk­te, dass ich zu­erst die­se Ge­schich­te schrei­ben muss­te.

Ein Ge­dan­ke, ei­ne Idee muss doch in dei­nem Kopf sein, da­mit die­ser wei­ter­spinnt und ei­ne Ge­schich­te er­fin­det. Beim «Ele­fant» war es der Satz des Pro­fes­sors.

Bei «Mon­te­cris­to» war es­eben die Vor­stel­lung, dass je­mand zwei Bank­no­ten mit der­sel­ben Se­ri­en­num­mer fin­det. Was ei­gent­lich un­mög­lich ist. Ich woll- te schon im­mer ei­ne Ge­schich­te er­zäh len, in der ein un­ge­heu­rer Zu­fall et­was Gros­ses in Gang setzt.

Und wie spinnst du die Ge­schich­te wei­ter, kannst du er­klä­ren, wie dein Kopf ar­bei­tet?

Das Pro­ce­de­re äh­nelt sich in den meis­ten Fäl­len. Ich ha­be ein paar Vor­aus­set­zun­gen, dann über­nimmt die Ge­schich­te die Füh­rung. Bei «Der letz­te Weyn­feldt» hat­te ich die Idee von je­man­dem, der ei­ne Frau da­von ab­hält, Selbst­mord zu be­ge­hen, und da­nach von ihr für ihr Le­ben ver­ant­wort­lich ge­macht und ma­ni­pu­liert wird. Sie ver­lei­tet ihn da­zu, ei­ne gros­se Dumm­heit zu ma­chen. Das muss­te je­mand sein, der ge­sell­schaft­lich und fi­nan­zi­ell viel zu ver­lie­ren hat­te. So kam ich auf die Fi­gur des Adri­an Weyn­feldt und sein Mi­lieu. Das war bei «Der Koch» ganz ähn­lich. Ich wuss­te nur, dass ich ei­nen Ro­man schrei­ben woll­te über je­man­den, der et­was kann, das ihm Macht ver­leiht über an­de­re Men­schen, und dass die­se Macht von an­de­ren für ih­re Zwe­cke miss­braucht wird. Und wie kann man Macht aus­üben? Zum Bei­spiel mit Es­sen, das ei­ne aphro­di­si­sche Wir­kung hat und die, die es ge­nies­sen, in Si­tua­tio­nen bringt, die sie er­press­bar ma­chen. Ich woll­te, dass die Haupt­fi­gur kein Spit­zen­koch ist, son­dern ein Un­der­dog mit ei­ner ver­bor­ge­nen ge­nia­len Be­ga­bung, das war in­ter­es­san­ter. Und wenn du in die Schwei­zer Re­stau­rant­kü­chen schaust, wer macht da die nied­ri­gen Ar­bei­ten? Haupt­säch­lich Ta­mi­len. Dass es in der ta­mi­li­schen Kü­che tat­säch­lich Lie­bes­re­zep­te gibt, das war der per­fek­te Zu­fall. Des­we­gen spiel­te «Der Koch» zum Teil im ta­mi­li­schen Mi­lieu und wur­de der Bür­ger­krieg in Sri Lan­ka eben­falls ein The­ma.

Du suchst die Ge­schich­te, nicht das The­ma. Al­so nicht Gentechno­logie, wie im Fal­le von «Ele­fant», oder das Lie­bes­le­ben verklemm­ter Zür­cher Pro­tes­tan­ten, wie in «Der letz­te Weyn­feld».

Ge­nau. Manch­mal in­ter­es­siert mich auch ei­ne Struk­tur oder ei­ne Gat­tung. «Der Teu­fel von Mai­land» ist so ein Bei­spiel. Ich woll­te auf mei­ne Art ei­nen Schau­er­ro­man schrei­ben mit ei­nem Se­ri­en­tä­ter, der sei­ne Zei­chen hin­ter­lässt, die im­mer auch ein Hin­weis sind auf sei­ne nächs­te Tat. Das war auch et­was sa­ti­risch.

Über­ar­bei­test du das Ge­schrie­be­ne oft?

Ja, aber haupt­säch­lich wäh­rend des Schrei­bens. Es bleibt sel­ten ein Satz so ste­hen, wie ich ihn zu­erst ge­schrie­ben ha­be. Ich schrei­be lang­sam, aber lan­ge. Et­wa acht Stun­den am Tag, wenn ich an ei­nem Ro­man ar­bei­te. Ich le­se aber am nächs­ten Tag nicht das am Vor­tag Ge­schrie­be­ne durch, sonst kä­me ich nicht vom Fleck. Ei­ne ers­te Über­ar­bei­tung ma­che ich erst, wenn ich den letz­ten Satz ge­schrie­ben ha­be.

Wie gross ist der An­teil der Re­cher­che an dei­nen Ro­ma­nen?

Es kommt auf Mi­lieu und The­men an. Meis­tens pas­siert es mir, dass ich mich auf ein Ge­biet be­ge­be, von dem ich we­nig Ah­nung ha­be. Dann muss ich na- tür­lich re­cher­chie­ren. Nur Au­toren, die nur über sich schrei­ben, müs­sen nicht re­cher­chie­ren. Mir ist es wich­tig, mei­ne Ge­schich­ten in ei­ner mög­lichst wirk­li­chen Um­ge­bung an­zu­sie­deln. So wer­den die fik­ti­ven Tei­le viel glaub­wür­di­ger. Der gros­se Sto­ry­tel­ling-Leh­rer vie­ler Dreh­buch­au­toren, Ro­bert McKee, hat ge­sagt: «The rea­listic makes the im­pos­si­ble plau­si­ble.» Das gilt na­tür­lich auch für Ro­ma­ne, wie ich sie mag und schrei­ben möch­te. Aber mei­ne Zeit als «Geo»-Autor hat mich ge­lehrt, nicht zehn­mal so viel zu re­cher­chie­ren, wie ich für die Ge­schich­te brau­che. Sonst ste­he ich wie der Esel am Berg mei­ner Re­cher­chen.

Wer ist dein ers­ter Le­ser?

Mei­ne Frau ist mei­ne ers­te Le­se­rin. Sie ist sehr kri­tisch und da­zu sehr of­fen und kom­pe­tent, was die Stim­mung wäh­rend der Zeit, in der sie das fer­ti­ge Ma­nu­skript zu le­sen be­kommt, im­mer et­was an­ge­spannt macht. Ich könn­te es ihr auch ka­pi­tel­wei­se ge­ben, aber dann wür­de sie nicht be­ur­tei­len kön­nen, ob Span­nung und At­mo­sphä­re auf­kom­men.

Setzt du dir Ta­ges­zie­le, ei­ne be­stimm­te An­zahl Wör­ter zum Bei­spiel?

Ja, ich ha­be ein Ide­al, das ich aber, wie das bei Idea­len so ist, sel­ten er­rei­che: tau­send Wör­ter. Aber ich weiss we­nigs­tens am Abend je­weils, um wie viel ich es ver­fehlt ha­be.

Gab es nach «Small World» ei­nen Ro­man, den du in den Pa­pier­korb ge­wor­fen hast?

«Small World» wä­re fast ein sol­cher ge- wor­den. Mar­grith hat­te nach der Lek­tü­re ge­sagt: «Den wür­dest du nicht le­sen.» Sie kann­te mei­ne Un­ge­duld mit Bü­chern. Ich bin je­mand, der rasch aus­steigt, wenn er nicht in ein Buch rein­kommt. In dem Fall ha­be ich wirk­lich viel um­ge­schrie­ben. Die Ge­schich­te neu struk­tu­riert, gan­ze Er­zähl­strän­ge und Fi­gu­ren ent­fernt, ei­ne To­tal­re­vi­si­on. Da­nach ha­be ich ei­nen Ro­man ge­schrie­ben mit dem schö­nen Ti­tel «Die Ge­dächt­nis­la­gu­ne». Der Ro­man war un­brauch­bar. Ich wuss­te nicht, um mit Gen­scher zu spre­chen, wo ich hin­woll­te, und kam auch nicht an. Aber die Ko­lum­nen, die der Prot­ago­nist, ein ab­ge­wirt­schaf­te­ter Jour­na­list dar­in schrieb, wa­ren gar nicht mal so schlecht.

War­um schreibt je­mand über­ haupt Ro­ma­ne, was bringt dir die­se Tä­tig­keit, mal ab­ge­se­hen vom Ein­kom­men?

Frei­heit. Die Frei­heit, zu ar­bei­ten, wann und wie ich will. Die Frei­heit, Wel­ten, Men­schen, Ge­schich­ten zu er-fin­den und da­von le­ben zu kön­nen.

Es ist ei­ne Fra­ge, die kein Schrift­ stel­ler mag. Die Le­ser um­so mehr: Gibt es Vor­bil­der?

Du hast es selbst ge­sagt, ich nen­ne un-gern Na­men. Aber wenn ich doch ei­nen nen­nen müss­te, so wä­re das W. So­merset Maug­ham. Er schreibt über al­le mög­li­chen Men­schen, hebt aber nie den Zeig­fin­ger. Er ver­ur­teilt nie. Da­zu kommt sei­ne un­glaub­li­che Ele­ganz. Und das, was er über das Schrei­ben schreibt. Ich füh­le ei­ne ge­wis­se See­len­ver­wandt­schaft mit ihm, nicht we­gen der Ele­ganz, aber in an­de­ren Be­zie­hun­gen. Zum Bei­spiel geht es bei mir meist um das The­ma Schein und Sein. Bei ihm auch, wie ich im Nach­hin­ein fest­stell­te. Oder um Iden­ti­tät und Iden­ti­tä­ten. Ich fin­de schon lan­ge, dass wir vie­le ver­schie­de­ne in uns ha­ben. Vor nicht so lan­ger Zeit ent­deck­te ich in sei­nem «No­tiz­buch ei­nes Schrift­stel­lers» (Dio­ge­nes) die Aus­sa­ge: «Manch­mal bli­cke ich rat­los auf die ver­schie­de­nen Sei­ten mei­nes Cha­rak­ters. Ich er­ken­ne, dass ich aus meh­re­ren Per­so­nen be­stehe und dass die Per­son, die im Au­gen­blick die Ober­hand hat, un­wei­ger­lich ei­ner an­de­ren wei­chen wird. Aber wel­che ist mein wah­res Selbst? Al­le die­se oder kei­ne?»

Gibt es ei­ne Per­son in ei­nem dei­ner Ro­ma­ne, mit der du dich am leich­tes­ten iden­ti­fi­zie­ren kannst?

Viel­leicht ist das der letz­te Weyn­feldt. Als ich ei­ne Fi­gur such­te für mei­ne «Allmen»-Serie, über­leg­te ich mir, mit wel­cher mei­ner Fi­gu­ren ich es am längs­ten aus­hal­ten wür­de, und kam schnell auf Adri­an Weyn­feldt. Des­halb ist der Hoch­stap­ler Jo­hann Fried­rich von All­men ei­ne Art Möch­te­gern- Weyn­feldt ge­wor­den. Ähn­lich wie ich.

FINN CANONICA ist Chef­re­dak­tor von «Das Ma­ga­zin»; finn.canonica@dasmagazin.ch