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Dies ist ein rie­si­ges Ar­chiv von fast al­lem, was Mar­tin Su­ter ge­macht hat, ge­ra­de macht und noch ma­chen will. Sie ha­ben zu bei­na­he al­lem da­von un­be­schränk­ten Zu­gang. Und wenn Sie Mem­ber wer­den, zu noch et­was mehr.

Geri, der Gentleman

Na­tür­lich ist es bei nä­he­rer Betrach­tung durch­aus auch in Ge­ris Sinn, die Sa­che mit Ai­ra nicht an die gros­se Glo­cke zu hän­gen. Ge­nau ge­nom­men stammt die Idee, sie dis­kret zu be­handeln, von ihm. Sei­ne Dis­kre­ti­on hät­te die Be­zie­hung ja um ein Haar im Keim er­stickt. Es ist ein­zig Ai­ras Sorg­lo­sig­keit zu­zu­schrei­ben, dass es schliess­lich doch noch zur Nacht der Näch­te ge­kom­men ist. Und wor­auf die­se Sorg­lo­sig­keit zu­rück­zu­füh­ren ist, will Ge­ri ein­mal da­hin­ge­stellt las­sen. (Es soll im­mer­hin vor­kom­men, dass ein Mann auf ei­ne Frau ei­ne Wir­kung aus­übt, die sie jeg­li­che Vor­sicht ver­ges­sen lässt.)

Es ist je­den­falls durch­aus mög­lich, dass Ai­ra im Licht des frü­hen Mor­gens Ge­ris an­fäng­li­che Zu­rück­hal­tung als das er­kannt hat­te, was sie war: Die na­tür­li­che Re­ak­ti­on des um den Ruf ei­ner Frau be­sorg­ten Ka­va­liers. So ge­se­hen si­gna­li­siert wohl auch die gel­be No­tiz (”Das müs­sen ja nicht al­le wis­sen, gell?”) am Kühl­schrank nichts an­de­res als ihr nach­träg­li­ches Ein­ver­ständ­nis mit sei­nem ursprüngli­chen Plan.

Je mehr Ge­ri dar­über nach­denkt, de­sto plau­si­bler scheint ihm die­se Er­klärung. Er steht im Grap­pi­no vor ei­nem Plätt­chen An­ti­pas­ti mis­ti und lässt ein biss­chen Zeit ver­strei­chen. Die an­de­ren ste­hen um die­se Zeit im SOFORT! vor ei­nem Su­shi-Ta­pas. Und selbst wenn der ei­ne oder an­de­re der Cli­que aus­nahms­wei­se das Lo­kal wech­seln soll­te, ist er im Grap­pi­no ziem­lich si­cher. Es steht seit Mo­na­ten auf der fal­schen Sei­te al­ler In&Out-Listen der Szene.

Ge­ri wird heu­te das SOFORT! über­springen und di­rekt im Club81 auftau­chen. Da­mit geht er neu­gie­ri­gen Fra­gen zum gest­ri­gen Abend aus dem Weg und be­wahrt sich im Be­zug auf sein Ver­hal­ten Ai­ra ge­gen­über ei­nen gewis­sen Spiel­raum. Für den Fall, dass sie bei sei­nem Auf­tau­chen nicht an­ders kann, als al­le Vor­sät­ze über Bord zu wer­fen. La Don­na é mo­bi­le, wie man im Grap­pi­no sagt.

Selbst­ver­ständ­lich wür­de sich Ge­ri auch in die­sem Fall so­li­da­risch zei­gen. Er ist zwar ei­ner­seits Gen­tle­man ge­nug, zu ge­nies­sen und zu schwei­gen. And­rer­seits aber auch Manns ge­nug, sich rück­halt­los zu ei­ner Frau zu bekennen.

Auf die­sen Um­stand stösst Ge­ri mit ei­nem wei­te­ren Cam­pa­ri-So­da an, des­sen Far­be ihn ent­fernt an Bier Grena­dine er­in­nert, Ai­ras und sei­nen Drink.

”Das müs­sen ja nicht al­le wis­sen, gell?” stand auf der Kle­be­no­tiz. ”Gell?” – ”Gell?” – Ist das ei­ne Bit­te? Ist es nicht viel eher ei­ne Fra­ge? ”Ge­he ich rich­tig in der An­nahme, dass das nicht al­le wis­sen müs­sen?” Bit­tet die­ses ”gell?” um Be­stätigung? Oder bet­telt es nicht viel eher um Widerspruch? 

Um ihm zu ge­fal­len plä­diert sie tap­fer für Dis­kre­ti­on, aber lässt dann das Plä­doy­er mit ei­nem kindli­chen ”gell?” in der Schwe­be. Manch­mal – das weiss auch Ge­ri – will die Frau, dass der Mann für sie entscheidet. 

Zum Glück hat er sich die Zeit ge­nommen, die Si­tua­ti­on in al­ler Ru­he zu ana­ly­sie­ren. Nicht aus­zu­den­ken, wenn er in den Club81 ge­tram­pelt wä­re, als wä­re nichts geschehen. 

Ge­ri leert sein Glas und legt das Porte­mon­naie auf die The­ke. Aber als Van­ni mit der Rech­nung kommt, be­stellt er noch ei­nen Cam­pa­ri. Wenn er jetzt schon im Club81 auf­taucht, ist er ei­ner der ers­ten. Das hät­te zwar den Vor­teil, dass sie den zar­ten Mo­ment der ers­ten Be­geg­nung da­nach vor we­ni­ger Pu­bli­kum be­stehen müss­ten. Aber den Nach­teil, dass die Später­kommenden die Sze­ne aus zwei­ter Hand er­le­ben wür­den. Das wür­de Ai­ra nicht gerecht.

Ge­ri wird war­ten, bis Ro­bi Mei­li, Su­si Schläf­li, Carl Schnell, Fred­dy Gut, Al­fred Hu­ber und die an­dern im Club81 voll­zäh­lig ver­sam­melt sind. Und dann wird er auf­tre­ten. Nicht laut, nicht auf­trump­fend, ein­fach an­gemessen. Er wird da­für zu sor­gen wis­sen, dass al­le mer­ken, nein, nicht mer­ken, spü­ren, dass zwi­schen Ai­ra und Ge­ri nichts pas­siert, son­dern et­was ent­stan­den ist. Et­was, zu dem sie al­le – sei­en wir ehr­lich – längst nicht mehr in der La­ge sind.

Ti­ming ist al­les. Ge­ri be­stellt noch ei­nen Cam­pa­ri-So­da und trinkt ihn wie ein Mai­län­der: Nimmt ei­nen Schluck, stellt ihn ab, ver­gisst ihn kom­plett, er­in­nert sich, wie an ei­ne un­an­ge­neh­me Pflicht, nimmt ei­nen Schluck, streicht ihn aus dem Ge­dächtnis, über­lässt ihn sich und sei­nem schmel­zen­den Eis, fasst ihn plötz­lich, wie ei­nen ret­ten­den Gedan­ken, trinkt nicht, trinkt nicht, trinkt doch.

Als Ge­ri end­lich das Grap­pi­no ver­lässt, ist er nicht mehr so si­cher auf den Bei­nen. Da­für um­so si­che­rer, dass er Ai­ras Kühl­schran­kno­tiz igno­rieren wird.

Oder doch nicht? 

Oder doch?

Igno­rie­ren? Re­spek­tie­ren? Hel­fen Sie Ge­ri, schrei­ben Sie ihm an: geri.weibel@nzz.ch

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