Unterwegs mit Geri
Das Leben als falscher Agglo ist anstrengend. Jeden Tag muss sich Geri entscheiden, ob er die letzte S‑Bahn angeblich oder das Leben tatsächlich verpassen will. Entscheidet er sich für Das-Leben-verpassen, muss er sich kurz vor dem Kulminationspunkt des Abends losreissen, eine Station weit fahren und eine halbe Station zurück zu seiner kleinen Loft schleichen. Von dort aus sieht er dann, wie jenseits des Rangiergeleises die Lichter des Club 81, den er eben verlassen hat, die Lichter noch lange nicht ausgehen. Entscheidet er sich für Die-S-Bahn-verpassen, muss er einem Taxichauffeur erklären, warum er sich in einer fünfzehnfränkigen Schleife ungefähr dorthin fahren lässt, wo er hergekommen ist.
Die Situation verschärft sich mit dem Auftauchen von Elmar. Elmar ist der neue Lover von Susi Schläfli und in Anbetracht der Kurzlebigkeit von Susis Affären von der Clique geduldet. Er wohnt im gleichen Vorort wie angeblich Geri, und das seit seiner Kindheit und aus Überzeugung. Es gehört zu den Liebesbeweisen, die er von Susi fordert, dass sie so oft als möglich bei ihm übernachtet. Und weil Elmar ein praktischer Mensch und ausdauernder Trinker ist, findet sich Geri fast jeden Abend mit Susi und Geri im Taxi wieder. Sie fahren bis zu Elmars Wohnung und bezahlen zwei Drittel des Fahrpreises. Sobald sie ausgestiegen sind, erklärt Geri dem Fahrer, er hätte etwas vergessen und lässt sich zurückfahren.
An einem dieser Abende, als Geri wieder einmal kurz vor zwei den Fahrpreis von zweiundachzig Franken hingeblättert hat und todmüde im Warenlift zu seinem umgebauten Lagerraum ruckelt, beschliesst er, reinen Tisch zu machen. Er wird ganz offiziell in die Wohnung ziehen, in der er schon wohnte, lange bevor Robi Meili, Susi Schläfli, Carl Schnell, Freddy Gut und Alfred Huber das Industriequartier erfanden. Selbst auf die Gefahr hin, wieder einmal als Trendnachzügler zu gelten.
Lange liegt er wach in dieser Nacht und überlegt sich, wie er der Clique die Neuigkeit am besten eröffnen soll. Er entscheidet sich für selbstironisch.
In der folgenden Woche erarbeitet er mit dem Lehrling der Werbeabteilung seines Arbeitgebers eine Adressänderungskarte. Auf der Vorderseite eine farbige Luftaufnahme des Industriequartiers mit dem neonroten Aufdruck: „Neu! Jetzt auch mit Geri Weibel!“ Auf der Rückseite die neue Adresse. Davon lässt er hundert Stück drucken. Er braucht zwar höchstens achtzehn, aber hundert ist laut Grafikerlehrling die Mindestauflage. Das Projekt kostet etwas über tausend Franken. Vierzehn Taxifahrten in die Agglo.
Am Abend, als Geri die Karten in der Druckerei abholen kann, trifft er später als sonst im SOFORT! ein. Er gerät mitten in eine aufgeregte Diskussion, in deren Mittelpunkt Elmar steht. Bevor Geri begriffen hat, worum es geht, sagt Elmar: „Nehmt euch ein Beispiel an Geri. Euch muss man nur sagen, das Industriequartier sei jetzt angesagt, schon bestellt ihr die Zügelmänner. Ausser Geri. Und wisst ihr warum?“
Elmar klettert auf einen Stuhl, wischt mit der Manschette ein paar asiatische Takeways von der schwarzen Tafel und schreibt mit riesigen Kreidebuchstaben „CHARAKTER“ drauf.
Das Gespräch, das sich daraus entwickelt, kann Geri nicht mehr genau rekonstruieren, als er spät nachts mit Susi und Elmar im Taxi Richtung Agglo fährt. Er weiss nur, dass er die Adressänderungskarten vorläufig besser nicht verschickt.
Es ist wieder das Charakterphänomen, das Geri schliesslich von seinen kostspieligen Taxifahrten erlöst. Immer öfter setzt sich Susi Schläfli in der Frage „Your place or my place?“ durch, bis eines Tages zur Verblüffung der Clique Elmar bei Susi einzieht.
Das befreit Charakter-Geri zwar nicht von seinem Status als falscher Agglo, aber es trägt spürbar zur Reduktion der Taxispesen bei. Auch spürbar für die Taxifahrer. Eines Nachts, als Aira im Club 81 für Geri ein Taxi bestellt, erhält sie die Antwort „aber nur, wenn es nicht wieder der Idiot ist, der nur dreihundert Meter fährt.“
Diese Bemerkung führt schliesslich dazu, dass Geri zugibt, dass er im Quartier wohnt. „Vorübergehend“, wie er betont, „ich passe nur auf die Loft eines Bekannten auf.“
Ab sofort muss Geri eine neue Fiktion aufrechterhalten: widerwillig im Industriequartier zu wohnen. Das gelingt ihm so gut, dass Elmar – als ihn Susi an die Luft setzt – überzeugt ist, er tue Geri einen Gefallen, wenn er ihm anbietet, an seiner Stelle auf die Loft aufzupassen,.
Geri wohnt jetzt vorübergehend wieder bei den Eltern.