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Dies ist ein rie­si­ges Ar­chiv von fast al­lem, was Mar­tin Su­ter ge­macht hat, ge­ra­de macht und noch ma­chen will. Sie ha­ben zu bei­na­he al­lem da­von un­be­schränk­ten Zu­gang. Und wenn Sie Mem­ber wer­den, zu noch et­was mehr.

Geris Selbsterkenntnis

Dass es Ge­ri ge­schafft hat, nicht nur der Mie­ter der klei­nen Loft im Indu­striequartier zu sein, son­dern end­lich auch ihr of­fi­zi­el­ler und ein­zi­ger Bewoh­ner, ist viel­leicht nicht ge­ra­de ei­ne Hel­dentat. Aber sein Selbst­be­wusst­sein gibt sich zu­wei­len mit we­ni­ger als Hel­dentaten zu­frie­den. Be­son­ders, wenn sie sich so güns­tig ent­wi­ckeln wie in die­sem Fall. 

Als Ge­ri sich näm­lich nach sei­nem of­fi­zi­el­len Ein­zug zum ers­ten Mal wie­der in den Club81 wagt um die Spötte­leien der Cli­que über sich er­ge­hen zu las­sen, macht er ei­ne er­staun­li­che Fest­stellung: Nicht sein Ein­zug ist das The­ma, son­dern El­mars Auszug. 

Die ers­te, die das Lo­kal be­tritt – Ge­ri ist aus stra­te­gi­schen Grün­den ex­tra et­was frü­her ge­kom­men – ist Su­si Schläf­li. Sie schaut sich nicht wie sonst im Lo­kal um, ob je­mand in­ter­es­san­te­rer da ist, son­dern steu­ert di­rekt auf Ge­ri zu, be­grüsst ihn mit ei­nem drei­fa­chen Nach­drü­cker mit Rouge, schaut ihm tief in die Au­gen und sagt: „Dan­ke, Geri.“

„Wo­für?“ ant­wor­tet er so unbe­stimmt, dass Su­si selbst ent­schei­den kann, ob es sich um ei­ne Fra­ge han­delt oder um sei­ne non­cha­lan­te Art, gros­se Ges­ten her­un­ter­zu­spie­len. Su­si ent­scheidet sich für das Her­un­ter­spie­len. Sie lässt sich zu ei­nem Bel­li­ni ein­la­den, dem teu­ers­ten Re­tro-Drink des Club81. 

Im Lau­fe des Abends er­fährt Ge­ri dann doch, wo­für ihm Su­si, und – wie sich her­aus­stellt – auch der Rest der Sze­ne dank­bar ist: Da­für, dass er das Industrie­quartier von El­mar be­freit hat. Ge­ri war von sei­ner kom­pli­zier­ten Wohnsitua­tion so in Atem ge­hal­ten ge­we­sen, dass ihm ent­gan­gen war, wie un­be­liebt sich Su­s­is ab­ge­leg­ter Lieb­ha­ber in­zwi­schen ge­macht hat­te. So un­be­liebt, dass jetzt nie­mand da­nach fragt, wie die Woh­nung, auf die El­mar für den om­ni­nö­sen Be­kann­ten von Ge­ri auf­ge­passt hat­te, plötz­lich zu Ge­ris ei­ge­ner wer­den konn­te. Der Vor­gang er­hält die Au­ra ei­nes Coups, wie man ihn Ge­ri nicht zu­ge­traut hät­te und trägt zu sei­nem An­sehen bei. Wenn auch eher in Form von er­höh­ter Toleranz.

Die neue Si­tua­ti­on lässt Ge­ris Selbst­si­cher­heit wach­sen. Er be­ginnt zu be­stel­len oh­ne ab­zu­war­ten, was die an­dern neh­men, und Mei­nun­gen zu äus­sern, von de­nen er nicht mit letz­ter Si­cher­heit weiss, dass sie die an­dern teilen. 

Ei­nes Abends, als er im SOFORT! et­was frü­her als sonst bei Sa­tés mit schar­fer Erd­nuss­sauce und ei­nem in­di­schen Bier über sich nach­denkt, er­füllt ihn plötz­lich ei­ne nie ge­kann­te Zu­frie­den­heit mit Ge­ri Wei­bel. Ist es denn nicht so, denkt er, dass er an die­sem Steh­tisch ge­stan­den hat, als Ro­bi Mei­li, Su­si Schläf­li, Carl Schnell, Fred­dy Gut und Al­fred Hu­ber noch lan­ge im Mu­cho Gus­to die ku­ba­ni­sche Mu­sik ent­deck­ten? Hat er nicht im Industrie­quartier ei­ne Loft be­wohnt, als die Cli­que noch nicht ein­mal wuss­te, wel­che Tram­num­mer dort­hin fährt? Viel­leicht soll­te er auf­hö­ren, wie ein Trend­forscher durchs Le­ben zu ge­hend. Viel­leicht soll­te er, an­statt al­len an­de­ren aufs Maul zu schau­en, et­was mehr in sich hin­ein­hor­chen. Viel­leicht hät­te er längst sei­ne Trend­sen­so­ren nach in­nen- statt nach aus­sen rich­ten sollen. 

Ge­ri be­stellt noch ein Lal Too­fan zum Nach­spü­len und lauscht in sich hin­ein. Ist ihm El­mar nicht schon auf den Zeit­geist ge­gan­gen, als die an­dern ihm noch mit gros­sen Au­gen an den Lip­pen hin­gen? Auch in die­ser Fra­ge ist er doch dem Trend zuvorgekommen. 

Wäh­rend sich das SOFORT! lang­sam füllt, wächst in Ge­ri Wei­bel die Über­zeu­gung, dass sein lang­jäh­ri­ges ängst­li­ches Be­ob­ach­ten je­des Trends sei­ne Trend­füh­ler der­mas­sen sen­si­bi­li­siert hat, dass er, oh­ne es zu mer­ken, zu ei­nem Trend­seis­mo­gra­phen ge­wor­den ist. Könn­te es sein, dass die Sze­ne, die er so ge­nau be­ob­ach­tet, ih­rer­seits ihn be­ob­ach­tet? Sich in ihm spie­gelt, wäh­rend er glaubt, er spieg­le sich in ihr?

Mit dem drit­ten Lal Too­fan ge­winnt die The­se an Wahr­schein­lich­keit. Im Rück­blick ver­schwim­men die Gren­zen zwi­schen Huhn und Ei. Hat er da­mals nicht prak­tisch gleich­zei­tig mit Fred­dy Gut den Hemd­kra­gen über dem Re­vers ge­tra­gen? Hat er nicht schon kurz be­vor Carl Schnell da­ge­gen pro­tes­tier­te, dass man uns die gan­ze Ver­ant­wor­tung für den öko­lo­gi­schen Zu­stand des Pla­ne­ten auf­halst, mer­cu­ri­um- und cad­mi­um­hal­ti­ge Bat­te­rien in den Tram­pa­pier­korb ge­wor­fen? An­de­re Leu­te mit ei­nem sol­chen Sen­so­ri­um ver­die­nen ein Ver­mö­gen mit Trendreports.

Ge­ra­de als er ernst­haft in Er­wä­gung zieht, zu kün­di­gen und sich als Trend­be­ra­ter selb­stän­dig zu ma­chen, kom­men die an­dern. Ge­ri be­stellt noch ein in­di­sches Bier. Da sagt Ro­bi Mei­li: „Kin­der, Ent­war­nung. Ge­ri trinkt Lal Too­fan. Der Drit­te-Welt-Bier-Trend ist end­lich vorbei.

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