Geris Selbsterkenntnis
Dass es Geri geschafft hat, nicht nur der Mieter der kleinen Loft im Industriequartier zu sein, sondern endlich auch ihr offizieller und einziger Bewohner, ist vielleicht nicht gerade eine Heldentat. Aber sein Selbstbewusstsein gibt sich zuweilen mit weniger als Heldentaten zufrieden. Besonders, wenn sie sich so günstig entwickeln wie in diesem Fall.
Als Geri sich nämlich nach seinem offiziellen Einzug zum ersten Mal wieder in den Club81 wagt um die Spötteleien der Clique über sich ergehen zu lassen, macht er eine erstaunliche Feststellung: Nicht sein Einzug ist das Thema, sondern Elmars Auszug.
Die erste, die das Lokal betritt – Geri ist aus strategischen Gründen extra etwas früher gekommen – ist Susi Schläfli. Sie schaut sich nicht wie sonst im Lokal um, ob jemand interessanterer da ist, sondern steuert direkt auf Geri zu, begrüsst ihn mit einem dreifachen Nachdrücker mit Rouge, schaut ihm tief in die Augen und sagt: „Danke, Geri.“
„Wofür?“ antwortet er so unbestimmt, dass Susi selbst entscheiden kann, ob es sich um eine Frage handelt oder um seine nonchalante Art, grosse Gesten herunterzuspielen. Susi entscheidet sich für das Herunterspielen. Sie lässt sich zu einem Bellini einladen, dem teuersten Retro-Drink des Club81.
Im Laufe des Abends erfährt Geri dann doch, wofür ihm Susi, und – wie sich herausstellt – auch der Rest der Szene dankbar ist: Dafür, dass er das Industriequartier von Elmar befreit hat. Geri war von seiner komplizierten Wohnsituation so in Atem gehalten gewesen, dass ihm entgangen war, wie unbeliebt sich Susis abgelegter Liebhaber inzwischen gemacht hatte. So unbeliebt, dass jetzt niemand danach fragt, wie die Wohnung, auf die Elmar für den omninösen Bekannten von Geri aufgepasst hatte, plötzlich zu Geris eigener werden konnte. Der Vorgang erhält die Aura eines Coups, wie man ihn Geri nicht zugetraut hätte und trägt zu seinem Ansehen bei. Wenn auch eher in Form von erhöhter Toleranz.
Die neue Situation lässt Geris Selbstsicherheit wachsen. Er beginnt zu bestellen ohne abzuwarten, was die andern nehmen, und Meinungen zu äussern, von denen er nicht mit letzter Sicherheit weiss, dass sie die andern teilen.
Eines Abends, als er im SOFORT! etwas früher als sonst bei Satés mit scharfer Erdnusssauce und einem indischen Bier über sich nachdenkt, erfüllt ihn plötzlich eine nie gekannte Zufriedenheit mit Geri Weibel. Ist es denn nicht so, denkt er, dass er an diesem Stehtisch gestanden hat, als Robi Meili, Susi Schläfli, Carl Schnell, Freddy Gut und Alfred Huber noch lange im Mucho Gusto die kubanische Musik entdeckten? Hat er nicht im Industriequartier eine Loft bewohnt, als die Clique noch nicht einmal wusste, welche Tramnummer dorthin fährt? Vielleicht sollte er aufhören, wie ein Trendforscher durchs Leben zu gehend. Vielleicht sollte er, anstatt allen anderen aufs Maul zu schauen, etwas mehr in sich hineinhorchen. Vielleicht hätte er längst seine Trendsensoren nach innen- statt nach aussen richten sollen.
Geri bestellt noch ein Lal Toofan zum Nachspülen und lauscht in sich hinein. Ist ihm Elmar nicht schon auf den Zeitgeist gegangen, als die andern ihm noch mit grossen Augen an den Lippen hingen? Auch in dieser Frage ist er doch dem Trend zuvorgekommen.
Während sich das SOFORT! langsam füllt, wächst in Geri Weibel die Überzeugung, dass sein langjähriges ängstliches Beobachten jedes Trends seine Trendfühler dermassen sensibilisiert hat, dass er, ohne es zu merken, zu einem Trendseismographen geworden ist. Könnte es sein, dass die Szene, die er so genau beobachtet, ihrerseits ihn beobachtet? Sich in ihm spiegelt, während er glaubt, er spiegle sich in ihr?
Mit dem dritten Lal Toofan gewinnt die These an Wahrscheinlichkeit. Im Rückblick verschwimmen die Grenzen zwischen Huhn und Ei. Hat er damals nicht praktisch gleichzeitig mit Freddy Gut den Hemdkragen über dem Revers getragen? Hat er nicht schon kurz bevor Carl Schnell dagegen protestierte, dass man uns die ganze Verantwortung für den ökologischen Zustand des Planeten aufhalst, mercurium- und cadmiumhaltige Batterien in den Trampapierkorb geworfen? Andere Leute mit einem solchen Sensorium verdienen ein Vermögen mit Trendreports.
Gerade als er ernsthaft in Erwägung zieht, zu kündigen und sich als Trendberater selbständig zu machen, kommen die andern. Geri bestellt noch ein indisches Bier. Da sagt Robi Meili: „Kinder, Entwarnung. Geri trinkt Lal Toofan. Der Dritte-Welt-Bier-Trend ist endlich vorbei.