Imageprobleme eines Berufstands

Es nieselt. Freifelder muss fast eine Viertelstunde am Taxistand warten, bis er an der Reihe ist. Dann steigt er in einen betagten Mercedes, an dessen Rückspiegel drei Duftbäumchen vergeblich gegen den Mief ankämpfen. Ein Haufen Zeitungen auf dem Beifahrersitz signalisiert, dass der Fahrer keinen Wert auf Fahrgäste legt, die ihre political correctness dadurch ausdrücken, dass sie sich nicht im Fond chauffieren lassen.
Sie sind keine zwanzig Meter gefahren, als der Fahrer sagt: ”Heute spinnen wieder alle.”
Freifelder ist der Anlass für diese Feststellung entgangen. Er begnügt sich mit einem ”Soso” und wendet sich wieder seiner Agenda zu.
”He!” brüllt der Fahrer, bremst brüsk und beschleunigt sofort wieder. ”Haben Sie diesen Idioten gesehen?”
Freifelder hat ihn nicht gesehen. Er macht ”mhm”. Weder ja noch nein.
Das Taxi bleibt an einem Rotlicht stehen. Freifelder blättert in der Agenda. Plötzlich hupt der Fahrer und schreit: ”Nicht schlafen!”
Erschrocken schaut Freifelder auf. Er ist nicht gemeint, sondern ein grüner Opel vor ihnen, der wohl einen Sekundenbruchteil zu spät losgefahren ist. Der Taxifahrer heftet sich an seine Stoßstange und blinkt frenetisch mit der Lichthupe. ”Ist so einer nicht ein Vollidiot?”
Die Frage ist offensichtlich an Freifelder gerichtet. Er überhört sie.
Eine Minute ist es still im Wagen. Aber Freifelder spürt, wie ihn der Fahrer im Rückspiegel mustert. Als er aufblickt, schaut er direkt in dessen hasserfüllte Augen.
”Dazu sind Sie sich zu fein, nicht?”
”Bitte?” fragt Freifelder.
”Mit den Berufssorgen eines Taxichauffeurs wollen Sie nicht behelligt werden, hä?”
Freifelder zuckt die Schultern und wendet sich wieder seiner Agenda zu.
”Zu fein zum antworten!” sagt der Fahrer schneidend.
”Ach, hören Sie doch auf”, antwortet Freifelder gereizt.
”Unter meinem Beruf wollen Sie nicht auch noch leiden, Sie leiden schon genug unter Ihrem, gell?”
”Ich leide nicht unter meinem Beruf.”
”Gratuliere. Dann sind Sie nämlich der Einzige.”
”Der nicht unter seinem Beruf leidet?” Es gerät Freifelder etwas süffisant.
”Der nicht unter IHREM Beruf leidet!”
Freifelder schafft es nicht, darauf nicht einzugehen. ”Was wissen Sie schon von meinem Beruf”, höhnt er.
”Sie sind doch Manager, das sehe ich Ihnen an. Das Anzüglein, die Schühlein, das Krawättchen, das Frisürchen, das Mäppchen. Ein Managerlein. Stimmts?”
Freifelder beschäftigt sich wieder mit der Agenda.
”Treiben gesunde Unternehmen in den Ruin, garnieren einen Haufen Kohle, halten sich für etwas Besseres und verpesten einem den Wagen mit ihrem Parfum.”
”Wissen Sie was?” sagt Freifelder, ”unter welchem Berufsstand Sie leiden, ist mir scheißegal.”
Seither steht Freifelder im Nieselregen und leidet unter dem Berufsstand des Taxichauffeurs.
31.5.01