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Dies ist ein rie­si­ges Ar­chiv von fast al­lem, was Mar­tin Su­ter ge­macht hat, ge­ra­de macht und noch ma­chen will. Sie ha­ben zu bei­na­he al­lem da­von un­be­schränk­ten Zu­gang. Und wenn Sie Mem­ber wer­den, zu noch et­was mehr.

Imageprobleme eines Berufstands

Es nie­selt. Frei­fel­der muss fast ei­ne Vier­tel­stun­de am Ta­xi­stand war­ten, bis er an der Rei­he ist. Dann steigt er in ei­nen be­tag­ten Mer­ce­des, an des­sen Rück­spie­gel drei Duft­bäum­chen ver­geb­lich ge­gen den Mief an­kämp­fen. Ein Hau­fen Zei­tun­gen auf dem Bei­fah­rer­sitz si­gna­li­siert, dass der Fah­rer kei­nen Wert auf Fahr­gäs­te legt, die ih­re po­li­ti­cal cor­rect­ness da­durch aus­drü­cken, dass sie sich nicht im Fond chauf­fie­ren lassen.

Sie sind kei­ne zwan­zig Me­ter ge­fah­ren, als der Fah­rer sagt: ”Heu­te spin­nen wie­der alle.”

Frei­fel­der ist der An­lass für die­se Fest­stel­lung ent­gan­gen. Er be­gnügt sich mit ei­nem ”So­so” und wen­det sich wie­der sei­ner Agen­da zu.

”He!” brüllt der Fah­rer, bremst brüsk und be­schleu­nigt so­fort wie­der. ”Ha­ben Sie die­sen Idio­ten gesehen?”

Frei­fel­der hat ihn nicht ge­se­hen. Er macht ”mhm”. We­der ja noch nein.

Das Ta­xi bleibt an ei­nem Rot­licht ste­hen. Frei­fel­der blät­tert in der Agen­da. Plötz­lich hupt der Fah­rer und schreit: ”Nicht schlafen!”

Er­schro­cken schaut Frei­fel­der auf. Er ist nicht ge­meint, son­dern ein grü­ner Opel vor ih­nen, der wohl ei­nen Se­kun­den­bruch­teil zu spät los­ge­fah­ren ist. Der Ta­xi­fah­rer hef­tet sich an sei­ne Stoß­stan­ge und blinkt fre­ne­tisch mit der Licht­hu­pe. ”Ist so ei­ner nicht ein Vollidiot?” 

Die Fra­ge ist of­fen­sicht­lich an Frei­fel­der ge­rich­tet. Er über­hört sie.

Ei­ne Mi­nu­te ist es still im Wa­gen. Aber Frei­fel­der spürt, wie ihn der Fah­rer im Rück­spie­gel mus­tert. Als er auf­blickt, schaut er di­rekt in des­sen hass­erfüll­te Augen.

”Da­zu sind Sie sich zu fein, nicht?”

”Bit­te?” fragt Freifelder.

”Mit den Be­rufs­sor­gen ei­nes Ta­xi­chauf­feurs wol­len Sie nicht be­hel­ligt wer­den, hä?”

Frei­fel­der zuckt die Schul­tern und wen­det sich wie­der sei­ner Agen­da zu.

”Zu fein zum ant­wor­ten!” sagt der Fah­rer schneidend.

”Ach, hö­ren Sie doch auf”, ant­wor­tet Frei­fel­der gereizt.

”Un­ter mei­nem Be­ruf wol­len Sie nicht auch noch lei­den, Sie lei­den schon ge­nug un­ter Ih­rem, gell?”

”Ich lei­de nicht un­ter mei­nem Beruf.”

”Gra­tu­lie­re. Dann sind Sie näm­lich der Einzige.”

”Der nicht un­ter sei­nem Be­ruf lei­det?” Es ge­rät Frei­fel­der et­was süffisant.

”Der nicht un­ter IHREM Be­ruf leidet!”

Frei­fel­der schafft es nicht, dar­auf nicht ein­zu­ge­hen. ”Was wis­sen Sie schon von mei­nem Be­ruf”, höhnt er.

”Sie sind doch Ma­na­ger, das se­he ich Ih­nen an. Das An­züg­lein, die Schühlein, das Kra­wätt­chen, das Frisür­chen, das Mäpp­chen. Ein Ma­na­ger­lein. Stimmts?”

Frei­fel­der be­schäf­tigt sich wie­der mit der Agenda.

”Trei­ben ge­sun­de Un­ter­neh­men in den Ru­in, gar­nie­ren ei­nen Hau­fen Koh­le, hal­ten sich für et­was Bes­se­res und ver­pes­ten ei­nem den Wa­gen mit ih­rem Parfum.”

”Wis­sen Sie was?” sagt Frei­fel­der, ”un­ter wel­chem Be­rufs­stand Sie lei­den, ist mir scheißegal.”

Seit­her steht Frei­fel­der im Nie­sel­re­gen und lei­det un­ter dem Be­rufs­stand des Taxichauffeurs.

31.5.01

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