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Dies ist ein rie­si­ges Ar­chiv von fast al­lem, was Mar­tin Su­ter ge­macht hat, ge­ra­de macht und noch ma­chen will. Sie ha­ben zu bei­na­he al­lem da­von un­be­schränk­ten Zu­gang. Und wenn Sie Mem­ber wer­den, zu noch et­was mehr.

Geri, spontan

Es soll nie­mand den­ken, Ge­ri Wei­bel ha­be sich nur äus­ser­lich ver­wan­delt. Er ist auch in­ner­lich ge­reift. Er tut manch­mal Din­ge, oh­ne sich vor­her ge­gen al­le Sei­ten ab­zu­si­chern. Es ist ihm zwar im­mer noch nicht egal, was ge­wis­se Leu­te von ihm den­ken. Aber er ver­lässt sich jetzt mehr auf sei­nen In­stinkt für das Rich­ti­ge. Das ent­spannt. Wer sich ver­krampft macht Fehler.

Ge­ris Un­ver­krampft­heit hat sich auch auf sei­ne Be­zie­hung zu Ro­bi Mei­li, Su­si Schläf­li, Carl Schnell, Fred­dy Gut und Al­fred Hu­ber aus­ge­wirkt. Sie hat sich so gut wie nor­ma­li­siert. Ein­zig zwi­schen Ai­ra und ihm be­steht noch ei­ne ge­wis­se Span­nung, die Ge­ri ger­ne als ero­ti­sche deutet.

Zu sei­nem neu­en Selbst­ver­ständ­nis ge­hört auch ei­ne ge­wis­se Vor­ur­teils­lo­sig­keit An­ders­den­ken­den ge­gen­über. Zum Bei­spiel Leu­ten, die sich nicht im SOFORT! ver­pfle­gen und die ei­nen Bo­gen um den Club81 ma­chen. Sol­che Leu­te gibt es, er hat in der Zeit, als er die bei­den Lo­ka­le mied, selbst ei­ni­ge von Ih­nen ge­trof­fen. Die meis­ten sind ganz okay auf ih­re Art. Zum Bei­spiel Carlo. 

Ge­ri hat­te Car­lo im Leo­ne ken­nen­ge­lernt, ei­ner zur Piz­ze­ria um­funk­tio­nier­ten Wirt­schaft, die frü­her Lö­wen hiess. Er sass dort an ei­nem Zwei­er­tisch und war­te­te auf den Kell­ner, als sich ein jün­ge­rer Mann zu ihm setz­te und frag­te: ”Ist hier noch frei?” 

Im letz­ten Mo­ment konn­te sich Ge­ri dar­an hin­dern, mit ei­nem jo­via­len ”jetzt nicht mehr” zu ant­wor­ten. Der Mann trug Jeans­look. Nicht ein­fach Jeans, wie man sie heu­te noch ab und zu in Piz­ze­ri­as an­trifft, son­dern Jeans­ho­se, Jeans­hemd und – Jeans­ja­cke. Der neue Ge­ri könn­te es viel­leicht ver­kraf­ten, in ei­ner über­füll­ten Piz­ze­ria den Tisch mit ei­nem Jeans­trä­ger zu tei­len. Aber im an­ge­reg­ten Ge­spräch mit ei­nem Mann im Jeans­look in ei­ner Piz­ze­ria na­mens Leo­ne er­wischt zu wer­den, woll­te er sei­nem neu­en Selbst­be­wusst­sein denn doch noch nicht zumuten. 

Sei­ne Vor­sicht er­wies sich als über­trie­ben. Sein Tisch­part­ner ent­nahm der In­nen­ta­sche sei­ner Jeans­ja­cke ei­ne Vi­deo-Zeit­schrift und be­gann zu le­sen. Nur als der Kell­ner an den Tisch kam, schau­te er kurz auf und be­stell­te ei­ne Piz­za Fan­ta­sia und ein Co­ca Co­la. Aus­wen­dig, der Mann war ein Habitué. 

Ge­ri or­der­te ei­nen zwei­er Ba­ro­lo und ei­ne Mar­ghe­ri­ta – man soll auch in ei­ner Piz­ze­ria ein Mi­ni­mum an Stil be­wah­ren – und ass sie mit Be­dacht bis auf den Teigrand. 

Der Jeans­trä­ger ver­schlang, oh­ne län­ger als ein paar Se­kun­den von sei­ner Zeit­schrift auf­zu­se­hen, die Fan­ta­sia in­klu­si­ve Ana­nas­schei­be, Gor­gon­zo­la, Ar­ti­scho­cken­bö­den und Büchsenspargel. 

Als er den letz­ten Bis­sen run­ter­ge­schluckt hat­te, frag­te er: ”Isst Du den Rand nicht?”

Ge­ri schüt­tel­te er­schro­cken den Kopf. So­fort tausch­te der Jeans­trä­ger ih­re Tel­ler, schnitt Ge­ris Tei­grän­der in mund­ge­rech­te Stü­cke, wand­te sich wie­der sei­ner Zeit­schrift zu und ass die Häpp­chen von Hand.

Ge­ri liess dis­kret das Cock­tail­schirm­chen mit der Auf­schrift Fan­ta­sia vom Tel­ler vor sich verschwinden.

Es ist wohl Ge­ris da­ma­li­ger an­ge­spann­ter ge­sell­schaft­li­cher Si­tua­ti­on zu­zu­schrei­ben, dass aus die­ser selt­sa­men Be­geg­nung, wenn auch nicht ge­ra­de ei­ne Freund­schaft, so doch ei­ne Be­kannt­schaft ent­stand. Ge­ri ging ab und zu ins Leo­ne und über­liess dem schweig­sa­men Car­lo den Rand sei­ner Piz­za. So lern­te er Wer­ni ken­nen, und Straub und En­zo mit sei­ner Freun­din Ines. Al­le ver­bun­den durch das sehr lo­se Band der Leone-Stammgästeschaft.

Aus die­ser Zeit stammt auch Ge­ris Zu­sa­ge für ein Lang­lauf­wo­chen­en­de ir­gend­wo im Lu­zer­ni­schen, an das ihn Car­lo an ei­nem nass­kal­ten Tag im Fe­bru­ar te­le­fo­nisch er­in­nert. Ge­ri fällt spon­tan kei­ne an­de­re Aus­re­de ein als die, dass er kei­ne Aus­rüs­tung be­sit­ze. Was der Wahr­heit ent­spricht. Nie­mand im Club81 däch­te im Traum dar­an, ei­ne Lang­lauf­aus­rüs­tung zu besitzen. 

Im Leo­ne schon. Drei An­ru­fe ge­nü­gen, und Car­lo hat Ge­ri kom­plett aus­ge­rüs­tet. Aus­ser der Ho­se, aber die ist kein Pro­blem. ”Wir tra­gen auf der Loi­pe so­wie­so al­le Jeans.”

Sechs Jah­re nach­dem Ge­ri Wei­bel sei­ne letz­te Jeans in die Klei­der­samm­lung ge­ge­ben hat, kauft er wie­der ein Paar ori­gi­nal 501er. Mit die­ser und sei­ner zu­sam­men­ge­borg­ten, ver­al­te­ten Aus­rüs­tung kämpft er sich über die Loi­pen, in­ko­gni­to, ir­gend­wo im Lu­zer­ni­schen. Un­ver­krampft, aber nicht oh­ne Fehler.

Ei­ner da­von – Ge­ri wuss­te nicht, wie schwie­rig es ist, auf Lang­lauf­ski­ern in Wür­de berg­ab zu fah­ren – ist so spek­ta­ku­lär, dass Car­lo das Vi­deo an Max Schau­t­zer schickt. Für den Wett­be­werb um Deutsch­lands lus­tigs­ten Videofilm.

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