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Dies ist ein rie­si­ges Ar­chiv von fast al­lem, was Mar­tin Su­ter ge­macht hat, ge­ra­de macht und noch ma­chen will. Sie ha­ben zu bei­na­he al­lem da­von un­be­schränk­ten Zu­gang. Und wenn Sie Mem­ber wer­den, zu noch et­was mehr.

Die Hanspeter-Situation

Ge­ri fin­det, er ha­be sich seit sei­ner Rück­kehr aus der Ka­ri­bik wie­der ziem­lich in­te­griert. Nur: Was er selbst fin­det, ge­nügt ihm nicht. Ei­ner wie Ge­ri muss wis­sen, was die an­de­ren fin­den. In je­der Fra­ge des Le­bens, aber vor al­lem in der Fra­ge: Was hal­ten die an­de­ren von mir? Und mit den an­de­ren meint er im­mer die Cli­que. Su­si Schläf­li, Ro­bi Mei­li, Fred­dy Gut, Carl Schnell, Pe­ter, Ri­ta und Charly.

Na­tür­lich kann er die nicht fra­gen: „Wie fin­det ihr mich so?“ Das ist ei­ne Fra­ge für Lie­bes­paa­re. Und selbst dort ist sie de­li­kat. Ge­ri hat zum Bei­spiel Ai­ra nie ge­fragt: „Wie fin­dest du mich so?“ Er hat­te die Ant­wort stets ge­fürch­tet. Aber bei ei­ner, die ab und zu „Ich lie­be dich“ zu ei­nem sagt und dies auch manch­mal phy­sisch be­kräf­tigt, fühlt man sich in die­ser Fra­ge meist auf si­che­rem Boden.

Im Be­zug auf die Cli­que ist Ge­ri hin­ge­gen auf Ver­mu­tun­gen an­ge­wie­sen. Doch wie ge­sagt, die­se er­schei­nen ihm zur­zeit durch­aus po­si­tiv. Su­si Schläf­li hat ihn kürz­lich un­ter Ein­hal­tung des Si­cher­heits­ab­stands von an­dert­halb Me­tern mit drei pan­to­mi­mi­schen Küss­chen be­grüßt. Fred­dy Gut hat ihn bei ei­ner sei­ner wort­rei­chen Aus­füh­run­gen bei zwei sei­ner vie­len „oder?“ an­ge­schaut. Carl Schnell hat ihn „Ge­ri­lein“ ge­nannt. Das tut er zwar oft, aber dies­mal war der Un­ter­ton da­bei nicht wie üb­lich spöt­tisch, son­dern ir­gend­wie fast … ja, zärt­lich. Ri­ta hat wäh­rend ei­nem der vie­len Küss­chen beim An­sto­ßen mit Pe­ter bei­na­he ei­ne Art Blick­kon­takt mit Ge­ri ge­sucht. Char­ly hat letzt­hin bei Ge­ris An­kunft im Num­ber­less ge­fragt: „Wie im­mer?“ Er hat dann zwar ei­nen Cam­pa­ri So­da ge­bracht an­statt ei­nen All­men, aber im­mer­hin. Und Ro­bi Mei­li, nun ja, Ro­bi Mei­li braucht noch et­was Zeit. 

Ge­ri ist al­so auf gu­tem Weg. Ein­zig sei­ne Wohn­si­tua­ti­on ist et­was pro­ble­ma­tisch. An­statt in der Stadt im ehe­ma­li­gen In­dus­trie­vier­tel in et­was zu­min­dest ein biss­chen Loft­ar­ti­gem zu woh­nen, ist er noch im­mer zur Mie­te in ei­ner Zwei­zim­mer­woh­nung in ei­nem gel­ben Block aus den acht­zi­ger Jah­ren in Stei­berg Dorf, fünf­und­drei­ßig Mi­nu­ten S‑Bahn vom Stadt­zen­trum ent­fernt. Und als wä­re das nicht schon pein­lich ge­nug, teilt er die Woh­nung auch noch mit sei­nem Airbnb-Ver­mie­ter, ei­nem ge­wis­sen Hans­pe­ter, ei­nem über­ge­wich­ti­gen Lang­zeit­ar­beits­lo­sen und Heavy-Metal-Fan.

Ur­sprüng­lich war die­se Wohn­si­tua­ti­on als kurz­fris­ti­ge Zwi­schen­lö­sung ge­dacht. So­bald er sich fi­nan­zi­ell, sty­ling- und trend­mä­ßig et­was re­ge­ne­riert ha­ben wür­de, woll­te Ge­ri sein wirk­li­ches Come­back fei­ern. Bis da­hin hat­te er vor­ge­habt, lei­se aufzutreten.

Die­ser Plan hat­te sich dann et­was in die Län­ge ge­zo­gen.  Es war Ge­ri nicht so rich­tig ge­lun­gen, wie­der auf den Zug auf­zu­sprin­gen. Die Zeit in der Ka­ri­bik hat­te ihn wohl et­was ver­än­dert, und beim Ver­such, ei­nen Teil der Lo­cker­heit von dort zu im­por­tie­ren, hat­te er sich mög­li­cher­wei­se ein we­nig ver­krampft. Und dann kam der Lock­down, ei­ne denk­bar schlech­te Zeit, um sich für ir­gend­et­was zu öff­nen, ge­schwei­ge denn neu­en Trends und Life­styl­es.  Ge­ri ging da­mals fi­nan­zi­ell, sty­ling- und trend­mä­ßig lan­ge Zeit an Ort.

Und – er gibt es un­gern zu – er ge­wöhn­te sich an Hans­pe­ter. Der ging ihm zwar auf die Ner­ven mit sei­ner Schlam­pig­keit, sei­nem lau­ten Hea­vy Me­tal, sei­ner Aus­düns­tung, sei­nen zu en­gen To­ten­schä­del-T-Shirts, sei­nem lau­war­men Su­per­mark­tei­gen­mar­ken­bier, sei­nem Ak­ti­ons­fleisch­kä­se, sei­nem all­abend­li­chen War­ten auf ihn, sei­nem – ach, über­haupt mit allem.

Trotz­dem  hat Ge­ri es bis jetzt nicht übers Herz ge­bracht, ihm zu kündigen.

Aber nun hat sich et­was er­ge­ben. Stret­to, der Bar­bier, von dem Fred­dy Gut sei­nen Bart pfle­gen lässt und den Ge­ri, seit ihm das zu Oh­ren ge­kom­men ist, auch be­sucht, hat ei­nen Kun­den er­wähnt, der sei­ne „me­ga­gei­le klei­ne Loft gleich ne­ben­an auf­gibt, weil er sich mit don’t men­ti­on it zu­sam­men­ge­tan hat, ich geb dir sei­ne Handynummer“.

Der Preis ist er­schwing­lich, und Ge­ri ist mit sei­nen El­tern an ei­nem Deal, ei­ne erb­schafts­steu­er­spa­ren­de Schen­kung be­tref­fend. Al­so ruft er die Num­mer an und be­sich­tigt die voll­gei­le Loft. Sie ist zwar et­was we­nig lof­tig und eher so in­dus­tri­ell ge­blie­ben, aber sie liegt su­per, acht Geh­mi­nu­ten zum Num­ber­less. Ge­ri er­hält acht Ta­ge Bedenkzeit.

Und ge­nau jetzt er­öff­net ihm Hans­pe­ter. „Mor­gen kom­me ich mit ins Num­ber­less.“

Ge­ri be­sitzt die Geis­tes­ge­gen­wart, nach ei­ner Denk­pau­se zu sa­gen: „Mor­gen ist nicht gut. Kein Mensch aus der Cli­que da, al­le ha­ben ir­gend­et­was vor.“

„Und du?“

„Ich ge­he auch nicht. Ich tref­fe ei­nen al­ten Bekannten.“

„Wo?“

„Bei ihm zu Hause.“

Der Abend im Num­ber­less wird sehr ent­spannt. Al­le sind da, und al­le bes­ter Lau­ne. Ge­ri emp­fängt je­de Men­ge Si­gna­le, die dar­auf hin­deu­ten, dass sei­ne In­te­gra­ti­on wei­ter fort­schrei­tet. Ein­zig Ro­bi Mei­li ist nach wie vor et­was … wie soll er es nen­nen … distanziert?

Es ist be­reits nach elf, als Ge­ri von ei­nem schwe­ren Schlag auf die Schul­ter ge­trof­fen wird. So schwer, wie es sonst nur Hans­pe­ter tut.

Hans­pe­ters run­des Ge­sicht glänzt feucht, auch sei­ne sa­ta­ni­schen Tat­toos auf den di­cken Ar­men wir­ken glit­schig. Er legt ei­nen da­von um Ge­ri, zieht ihn fest an sich und ruft laut: „Ach, mein Herr Un­ter­mie­ter, hier ver­steckt er sich also!“

Hans­pe­ter bleibt bis ein Uhr, dann ver­kün­det er: „Ge­ri und ich müs­sen ge­hen! Die letz­te S‑Bahn nach Stei­berg Dorf!“

Als Ge­ri im Schlepp­tau von Hans­pe­ter ge­gan­gen ist, sagt Ro­bi Mei­li: „Wow! Habt ihr das Sty­ling des Di­cken ge­se­hen? Hea­vy Me­tal. Voll im über­nächs­ten Trend. Was der wohl in die­sem Ge­ri sieht?“

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