Der neue Geri
Es ist noch früh im Club81. Reto lässt in dezenter Lautstärke Bob Marley laufen, und Aira deutet ab und zu eine Tanzbewegung an, während sie Schalen mit Erdnüsschen auf die Clubtischchen verteilt. Das Lokal sieht aus wie die gute Stube von Udo Jürgens vor achtzehn Jahren. Es ist der 3. Januar 2000. Der erste Tag im neuen Jahr, an dem der Club 81 geöffnet hat. In einem Sessel einer ockerfarbenen Achtziger-Gruppe sitzt ein einziger Gast. Es ist Geri Weibel. Er hat einen Dreier Dôle vor sich und greift immer wieder mechanisch mit der Rechten in die Erdnüsse. Er fischt ein paar heraus, streut sie sich auf die Handfläche der Linken, öffnet den Mund und haut sie sich rein. Von weitem sieht das aus, wie wenn er sich alle Augenblicke eine Maulschelle verpassen würde.
Der Eindruck ist nicht ganz falsch. Geri ist dabei, sich von Geri Weibel, wie wir ihn kennen, zu verabschieden. Dass ihm das ein Stück weit bereits gelungen ist, beweist der Dôle. Der Geri Weibel, wie wir ihn kennen, würde einen Screwdriver trinken oder einen Gin ´n Tonic oder einen Campari Soda oder sonst einen der Eighties-Drinks, die im Club81 angesagt sind. Aber der neue Geri trinkt das, wonach er Lust hat. Und das ist heute zufällig ein Dreier Dôle. Und er sitzt auch dort, wo er Lust hat. Und das ist heute zufällig Robi Meilis Stammsessel.
Geri knallt sich eine weitere Portion Erdnüsse rein und heftet seinen Blick auf die Tür. Wenn jetzt Robi Meili reinkommt, wird er einfach sitzen bleiben. Wenn er seine Bemerkung zu Geris Dreier macht, wird er antworten: ”Weißt du, weshalb ich Dôle trinke? Weil ich Lust habe, Dôle zu trinken.” Und falls Meili, wie zu erwarten, das Thema meiden will, wird er es von sich aus anschneiden. Er wird ungeniert auspacken.
Ja, er war in London. Ja, wegen der Eröffnung des Millienium-Domes.? Weil er ein Innenvolumen von 12,8 Millionen Bierfässern hat und Platz für zwei Wembleystadien oder dreizehn Albert-Halls oder zehn St. Paul’s Cathedrals oder die Gaza-Pyramide oder den liegenden Eiffelturm bietet. Ja, da staunt Robi Meili. Ein so einfaches Gemüt ist Geri Weibel. Das grösste Dach der Welt, der grösste Kuppelbau der Welt, ein Glasfiberbau, der dem Gewicht eines Jumbos standhalten würde: das findet Geri Weibel geil.
Geri wischt sich mit der Rechten das Salz von der Handfläche, trinkt sein Glas aus und schenkt nach. Gleich werden sie kommen, einer nach dem andern: Robi Meili, Susi Schläfli, Carl Schnell, Freddy Gut und Alfred Huber. Und sie werden tun, als wäre nichts gewesen. Und falls das Thema wider Erwarten aufkommt, werden sie sich gegenseitig übertreffen mit ihren Schilderungen davon, wie früh sie ins Bett gegangen sind und wie traumlos sie geschlafen haben.
Aber er, der neue Geri Weibel wird sagen: Ja, er wollte das Neujahr 2000 dort feiern sein, wo der Tag beginnt: Am Nullmeridian. Er hat es sich etwas kosten lassen, dabeizusein, wenn sich The Millenium Wheel aus Laser und Feuerwerk über dem Himmel von London dreht, wenn um Mitternacht der Big Ben zu schlagen beginnt und genau achtzehn Sekunden später das Millenium vom Nullmeridian aus die Tower Bridge erreicht und die Themse bis zur Vauxhall Bridge in einen Fluss aus Feuer verwandelt.
Die Tür geht auf. Geri hält den Atem an. Aber es ist nur ein älterer Mann, der sich, ohne die Türfalle loszulassen, kurz umschaut und wieder geht. Wahrscheinlich hat er geglaubt, er sei versehentlich bei jemandem im Wohnzimmer gelandet. Aira tauscht Geris leere Schale gegen eine volle und schenkt ihm den Rest Dôle ins Glas. Geri bestellt noch einen Dreier und fängt wieder an, sich Nüsschen reinzuhauen.
Er wird sogar noch weiter gehen und unumwunden zugeben, dass er in einem schlecht geheizten Bed&Breakfast in London N12 gewohnt hat, dass er das Millenium in einem Taxi solidarisch mit dessen Chauffer, einem Sikh namens Kaur Asan Singh, in einem Stau in der Finchley High Road begrüsst hat, und dass die Eintrittskarte für den Millenium Dome für den zweiten Januar, für die er einem Schwarzhändler hundertachzig Pfund bezahlt hatte, sich als Fälschung herausgestellt hat.
Der neue Geri wird im neuen Millenium niemandem mehr etwas vormachen.
Die Tür geht auf, Robi Meili kommt herein, setzt sich neben Geri und bestellt einen Gin ´n Tonic. Geri geht gleich aufs Ganze. ”Was hast Du gemacht am Silvester?”, fragt er.
”Nichts. Und Du?” Ohne Zögern antwortet Geri: ”Auch nichts.” Das neue Millenium beginnt ja offiziell erst am 1. Januar 2001.