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Dies ist ein rie­si­ges Ar­chiv von fast al­lem, was Mar­tin Su­ter ge­macht hat, ge­ra­de macht und noch ma­chen will. Sie ha­ben zu bei­na­he al­lem da­von un­be­schränk­ten Zu­gang. Und wenn Sie Mem­ber wer­den, zu noch et­was mehr.

Geri geht ran

Et­was in Ge­ri hat of­fen­bar ja ge­sagt. Auf je­den Fall sieht er, wie Ai­ra zwei Fä­den Gre­na­di­ne-Si­rup von hoch oben in zwei lee­re Glä­ser träu­felt und zwei Bier zapft. Sie wer­den so­fort rot wie die Liebe.

Re­to hat den Ta­ges­um­satz in den Tre­sor ge­schlossen und kommt jetzt aus dem Bü­ro zu­rück. ”Machst du dann zu?” fragt er Ai­ra im Vor­bei­ge­hen. Als er aus dem Lo­kal geht, ruft er noch ”gu­te Nacht zu­sam­men!” und schliesst die Tür hin­ter sich. 

Gu­te Nacht zu­sam­men? War das an­züg­lich gemeint?

Ai­ra trägt die bei­den Biè­re Gre­na­di­ne zu ei­ner Sitz­grup­pe und stellt sie auf das Club­tisch­chen. Ne­ben­ein­an­der. Soll er sich ne­ben sie set­zen? Die Pos­ti­ti­on des zwei­ten Gla­ses lässt als Al­ter­na­ti­ve auch noch den Ses­sel halb­schräg ge­gen­über zu. Bes­ser, er setzt sich dort­hin für den Fall, dass Re­to noch ein­mal zurückkommt. 

Ai­ra setzt sich, zieht den Ses­sel her­an und legt ih­re Füs­se dar­auf. ”Uff”, seufzt sie, ”mei­ne Bei­ne sind ei­ne ab­so­lu­te Katastrophe.”

Ge­ri steht noch im­mer und schaut auf Ai­ras Bei­ne hin­un­ter. Er kann nichts Katastropha­les dar­an entdecken. 

”Sei so lieb und mach ein Fens­ter auf”, bit­tet Ai­ra. ”Ich er­stick sonst.” Ge­ri ist froh um den Auf­schub. Er schlen­dert zum Fen­ster und öff­net es. Die Luft, die herein­fliesst, riecht nach Som­mer. Er über­legt kurz, ob er ei­ne Wei­le tief in Ge­dan­ken am of­fe­nen Fens­ter ver­wei­len soll. Aber die Stras­se ist noch im­mer be­lebt, das Ri­si­ko, ge­se­hen und er­kannt zu wer­den, wä­re zu gross. 

So geht er zu Ai­ra zu­rück, die ihm jetzt mit der Rech­ten sein Glas ent­ge­gen­streckt und mit der Lin­ken ne­ben sich aufs So­fa klopft. Ge­ri nimmt das Glas und setzt sich. Sie trin­ken ei­nen Schluck. Jetzt müss­te er et­was sagen.

”Ro­bi Mei­li hat sei­nen Mi­cro Skate Scoo­ter ei­nem klei­nen Jun­gen ge­schenkt. Die Leu­te hät­ten ihn im­mer für ei­nen In­vest­ment Ban­ker gehalten.”

Ai­ra ant­wor­tet nicht.

”Carl Schnell isst kei­ne So­ja-Pro­duk­te mehr. We­gen dem Lezithin.”

Ai­ra ant­wor­tet nicht.

”Hast du ge­se­hen: Su­si Schläf­li hat sich Jeans mit Stick­bor­ten gekauft.” 

Ai­ra ant­wor­tet nicht.

”Fred­dy Gut …”

Ai­ra un­ter­bricht ihn. ”Ge­ri?”

”Ja.”

”Er­zähl mir et­was von dir.”

”Wie, von mir?”

”Wie es dir geht. Was du so machst. Was du denkst.”

Ge­ri nimmt ei­nen Schluck. Wie hät­te er ah­nen sol­len, dass Ai­ra auf die­sem Trip ist. Wenn er nicht Ge­ri wä­re, wür­de er ant­wor­ten: ”Fin­dest du mich äus­ser­lich so un­at­trak­tiv, dass du dich so für mein In­nen­le­ben interessierst?” 

Aber da er nun ein­mal Ge­ri ist und da­mit rech­nen muss, dass sie die Fra­ge mit ”ja” be­ant­wor­tet, nimmt er noch ei­nen Schluck, stellt das Glas auf das Tisch­chen, legt den Arm auf die Rück­leh­ne und sagt: ”Re­den wir lie­ber von dir.”

Ein­und­zwan­zig, zwei­und­zwan­zig, dreiundzwan­zig. Ai­ra legt den Kopf zu­rück und blickt an die De­cke, als ob sie dort ih­ren Le­bens­lauf ab­le­sen könn­te. Ge­ri spürt ihr Haar auf sei­nem Ober­arm. Vier­und­zwan­zig, fünf­und­zwan­zig, sechsundzwanzig.

Jetzt dreht sie den Kopf zu ihm und fragt: ”Was möch­test du denn wis­sen?” Ihr Mund ist schät­zungs­wei­se zwölf Zen­ti­me­ter von sei­nem ent­fernt. Und kommt nä­her. Ihr Atem riecht nach Bier und Gre­na­di­ne. Sie­ben­und­zwan­zig, acht­und­zwan­zig, neunundzwanzig.

”Hast du Geschwister?”

Der Gra­nat­ap­fel­mund ent­fernt sich wie­der. ”Ei­ne jün­ge­re Schwe­ser, Ly­dia. Und ei­nen äl­teren Bru­der. Sven.”

”Ich kann­te auch ein­mal ei­nen Sven.”

”Ja, war ei­ne Zeilt­lang Mo­de. In Svens Klas­se gab es ein­mal drei Svens.”

”Bei uns gab es ein­mal zwei Ge­ris. Aber der an­de­re hiess rich­tig Ge­rald. Aber man sag­te auch Geri.”

Ein­und­zwan­zig, zwei­und­zwan­zig, dreiundzwanzig.

”Das gab be­stimmt Verwechslungen.”

”Und ob!”

Vier­und­zwan­zig, fünf­und­zwan­zig, sechsund­zwanzig. Die Gre­na­di­ne­lip­pen sind kei­ne sechs Zen­ti­me­ter ent­fernt. Ai­ra schliesst die Augen. 

”Drei Svens ist aber auch nicht oh­ne”, stellt Ge­ri fest.

Ai­ra schliesst die Au­gen und flüs­tert: ”Mir wür­de heu­te ein ein­zi­ger Ge­ri genügen.”

Wäh­rend Ge­ri noch über­legt, wie er die­se Be­mer­kung wohl ver­ste­hen soll, packt Ai­ra ihn bei den Oh­ren. Ih­re Lip­pen ver­ei­ni­gen sich. Zum ers­ten fünf­mi­nü­ti­gen Full-Cont­act-Hap­py­en­der mit Oh­ren­hal­ten in der Ge­schich­te des Club 81.

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