Die Nacht der Nächte
Geri liegt auf dem Rücken und starrt an die grau gestrichenen Deckenbalken. Seit Stunden läuft die Bad Manners Anthology auf Repeat. Sein linker Arm ist eingeschlafen, weil Airas Kopf auf seiner Schulter ruht.
He, Leute: SEIN LINKER ARM IST EINGESCHLAFEN, WEIL AIRAS KOPF AUF SEINER SCHULTER RUHT!
Aber psst, Aira schläft. Ist eingeschlafen zu den Klängen von Wooly Bully. SELIG EINGESCHLUMMERT; LEUTE! Und zwar nicht vorher. NACHHER!
Geri hat keine Ahnung, wie spät es ist. Die Sicht auf seine Armbanduhr ist ihm verwehrtt. – DURCH AIRAS RECHTE BRUST! Nicht durch Airas BH. Der muss irgendwo neben dem Bett liegen. BEI IHREN ANDERN SACHEN! ALLES KLAR?
Während Aira und sein linker Arm schlafen, ist Geri hellwach. Immer wieder geht er im Geist die vorangegangenen Stunden durch:
Die zwanzig Minuten, die sie für die fünf Minuten vom Club81 bis zu seiner Wohnung gebraucht hatten.
Die dreissig Sekunden, die sie von seiner Wohnungstür bis zum Bett gebraucht hatten.
Und die Stunden (STUNDEN!), bis Aira sich an seine Schulter kuschelte und einschlief.
Mit einem nachsichtigen Lächeln geht er auch die Krisen durch:
Die Kleiderkrise – Was wird sie denken, wenn sie den Inhalt seines Kleiderschranks sieht, den er heute früh in der Wohnung verstreut hatte, beim Versuch, herauszufinden, was am besten zu seinem neuen, leichten, schiefergrauen Lumber passt? (Sie sagte: ”Hier sieht’s aus wie bei mir.”)
Die Kühlschrankrise. – Was, wenn Aira den Kühlschrank öffnet und seinen Fleischkäse, seine angebissene Frühlingsrolle von letztem Samstag und die halbvolle, abgelaufene Halbliter-Vanillecrème entdeckt? (Sie blieb dem Kühlschrank fern.)
Die Kondomkrise. – Geri besitzt nur eines mit dem Aufdruck XXL, ein Scherz von Freddy Gut, und eines mit dem Aufdruck Make Love not War, das ihm vor Zeiten bei einer Unterschriftensammlung zur Abschaffung der Armee zugesteckt worden war. (Sie hatte Kondome dabei.)
Die Bad Manners spielen How Big Do You Love Me? Aira seufzt und murmelt etwas wie ”Spaghettiträger”. Dann dreht sie den Kopf, und Geri spürt, wie langsam das Gefühl in seinen Arm zurückkehrt. Unter anderem.
Wenn er daran denkt, dass er es vor Robi Meili, Susi Schläfli, Carl Schnell, Freddy Gut und Alfred Huber geheim halten wollte! Das Gegenteil wird er tun. Er wird warten, bis er sicher ist, dass alle im Clu81 sind, zur Tür hereinkommen, niemanden eines Blickes würdigen, schnurstracks auf Aira zugehen, ihr das Tablett aus den Händen nehmen und es auf den nächsten Tisch stellen. Dann würden sie sich bei den Ohren fassen und auf den Mund küssen bis es still ist im Lokal. Und dann würden sie sich widerstrebend voneinander lösen und erst dann würde er die andern bemerken und sagen: ”Hallo, was gibt’s Neues?”
Nein. Zu provokativ. Einfach: ”Hallo.” Und sich setzen. Und Aira würde die Hände auf seine Schultern legen und fragen: ”Wie immer?”
Und wenn sie ihm dann sein Grenadine bringen würde, würde sie ihm mit dem Zeigefinger den Nacken berühren und sagen: ”Hübscher Haaransatz.”
Warum so cool? Warum nicht wie in An Officer and Gentleman? Geri kommt herein in seinem neuen, leichten, schiefergrauen Lumber, geht auf Aira zu, nimmt ihr das Tablett ab, hebt sie hoch wie eine Feder und trägt sie hinaus. Unter dem Applaus des Club81. (Minus Robi Meili, Carl Schnell, Freddy Gut und Alfred Huber.) Trägt sie hinaus und ward nie mehr gesehen.
Und hinter der Kasse des Club81, zwischen Elvis Costello und Police, würden sich ihre Geburtsanzeigen sammeln. Schlichte, schnörkellose, unoriginelle Kärtchen mit Namen wie Kathrin, Hanspeter, Barbara, Rudolf.
Zur Live-Version von Ne-Ne Na-Na Na-Na Nu-Nu schläft Geri endlich ein. Draussen randalieren schon die Spatzen.
Geri kennt die Morgen, an denen man aufwacht und erschrickt, weil jemand neben einem liegt, mehr vom Hörensagen. Er erwacht und erschrickt eher, weil niemand neben ihm liegt. So auch an diesem Morgen. Der Platz an seiner Seite ist leer bis auf seinen Arm, der aussieht, als hätte er ihn die ganze Nacht nicht bewegt.
Am Kühlschrank klebt ein Post-It. Darauf steht: ”Das müssen ja nicht alle wissen, gell?”