Die Hanspeter-Situation

Geri findet, er habe sich seit seiner Rückkehr aus der Karibik wieder ziemlich integriert. Nur: Was er selbst findet, genügt ihm nicht. Einer wie Geri muss wissen, was die anderen finden. In jeder Frage des Lebens, aber vor allem in der Frage: Was halten die anderen von mir? Und mit den anderen meint er immer die Clique. Susi Schläfli, Robi Meili, Freddy Gut, Carl Schnell, Peter, Rita und Charly.
Natürlich kann er die nicht fragen: „Wie findet ihr mich so?“ Das ist eine Frage für Liebespaare. Und selbst dort ist sie delikat. Geri hat zum Beispiel Aira nie gefragt: „Wie findest du mich so?“ Er hatte die Antwort stets gefürchtet. Aber bei einer, die ab und zu „Ich liebe dich“ zu einem sagt und dies auch manchmal physisch bekräftigt, fühlt man sich in dieser Frage meist auf sicherem Boden.
Im Bezug auf die Clique ist Geri hingegen auf Vermutungen angewiesen. Doch wie gesagt, diese erscheinen ihm zurzeit durchaus positiv. Susi Schläfli hat ihn kürzlich unter Einhaltung des Sicherheitsabstands von anderthalb Metern mit drei pantomimischen Küsschen begrüßt. Freddy Gut hat ihn bei einer seiner wortreichen Ausführungen bei zwei seiner vielen „oder?“ angeschaut. Carl Schnell hat ihn „Gerilein“ genannt. Das tut er zwar oft, aber diesmal war der Unterton dabei nicht wie üblich spöttisch, sondern irgendwie fast … ja, zärtlich. Rita hat während einem der vielen Küsschen beim Anstoßen mit Peter beinahe eine Art Blickkontakt mit Geri gesucht. Charly hat letzthin bei Geris Ankunft im Numberless gefragt: „Wie immer?“ Er hat dann zwar einen Campari Soda gebracht anstatt einen Allmen, aber immerhin. Und Robi Meili, nun ja, Robi Meili braucht noch etwas Zeit.
Geri ist also auf gutem Weg. Einzig seine Wohnsituation ist etwas problematisch. Anstatt in der Stadt im ehemaligen Industrieviertel in etwas zumindest ein bisschen Loftartigem zu wohnen, ist er noch immer zur Miete in einer Zweizimmerwohnung in einem gelben Block aus den achtziger Jahren in Steiberg Dorf, fünfunddreißig Minuten S‑Bahn vom Stadtzentrum entfernt. Und als wäre das nicht schon peinlich genug, teilt er die Wohnung auch noch mit seinem Airbnb-Vermieter, einem gewissen Hanspeter, einem übergewichtigen Langzeitarbeitslosen und Heavy-Metal-Fan.
Ursprünglich war diese Wohnsituation als kurzfristige Zwischenlösung gedacht. Sobald er sich finanziell, styling- und trendmäßig etwas regeneriert haben würde, wollte Geri sein wirkliches Comeback feiern. Bis dahin hatte er vorgehabt, leise aufzutreten.
Dieser Plan hatte sich dann etwas in die Länge gezogen. Es war Geri nicht so richtig gelungen, wieder auf den Zug aufzuspringen. Die Zeit in der Karibik hatte ihn wohl etwas verändert, und beim Versuch, einen Teil der Lockerheit von dort zu importieren, hatte er sich möglicherweise ein wenig verkrampft. Und dann kam der Lockdown, eine denkbar schlechte Zeit, um sich für irgendetwas zu öffnen, geschweige denn neuen Trends und Lifestyles. Geri ging damals finanziell, styling- und trendmäßig lange Zeit an Ort.
Und – er gibt es ungern zu – er gewöhnte sich an Hanspeter. Der ging ihm zwar auf die Nerven mit seiner Schlampigkeit, seinem lauten Heavy Metal, seiner Ausdünstung, seinen zu engen Totenschädel-T-Shirts, seinem lauwarmen Supermarkteigenmarkenbier, seinem Aktionsfleischkäse, seinem allabendlichen Warten auf ihn, seinem – ach, überhaupt mit allem.
Trotzdem hat Geri es bis jetzt nicht übers Herz gebracht, ihm zu kündigen.
Aber nun hat sich etwas ergeben. Stretto, der Barbier, von dem Freddy Gut seinen Bart pflegen lässt und den Geri, seit ihm das zu Ohren gekommen ist, auch besucht, hat einen Kunden erwähnt, der seine „megageile kleine Loft gleich nebenan aufgibt, weil er sich mit don’t mention it zusammengetan hat, ich geb dir seine Handynummer“.
Der Preis ist erschwinglich, und Geri ist mit seinen Eltern an einem Deal, eine erbschaftssteuersparende Schenkung betreffend. Also ruft er die Nummer an und besichtigt die vollgeile Loft. Sie ist zwar etwas wenig loftig und eher so industriell geblieben, aber sie liegt super, acht Gehminuten zum Numberless. Geri erhält acht Tage Bedenkzeit.
Und genau jetzt eröffnet ihm Hanspeter. „Morgen komme ich mit ins Numberless.“
Geri besitzt die Geistesgegenwart, nach einer Denkpause zu sagen: „Morgen ist nicht gut. Kein Mensch aus der Clique da, alle haben irgendetwas vor.“
„Und du?“
„Ich gehe auch nicht. Ich treffe einen alten Bekannten.“
„Wo?“
„Bei ihm zu Hause.“
Der Abend im Numberless wird sehr entspannt. Alle sind da, und alle bester Laune. Geri empfängt jede Menge Signale, die darauf hindeuten, dass seine Integration weiter fortschreitet. Einzig Robi Meili ist nach wie vor etwas … wie soll er es nennen … distanziert?
Es ist bereits nach elf, als Geri von einem schweren Schlag auf die Schulter getroffen wird. So schwer, wie es sonst nur Hanspeter tut.
Hanspeters rundes Gesicht glänzt feucht, auch seine satanischen Tattoos auf den dicken Armen wirken glitschig. Er legt einen davon um Geri, zieht ihn fest an sich und ruft laut: „Ach, mein Herr Untermieter, hier versteckt er sich also!“
Hanspeter bleibt bis ein Uhr, dann verkündet er: „Geri und ich müssen gehen! Die letzte S‑Bahn nach Steiberg Dorf!“
Als Geri im Schlepptau von Hanspeter gegangen ist, sagt Robi Meili: „Wow! Habt ihr das Styling des Dicken gesehen? Heavy Metal. Voll im übernächsten Trend. Was der wohl in diesem Geri sieht?“