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Die Geschichte eines Porträts von Werner Düggelin

Wer­ner Düg­ge­lin im Sep­tem­ber 1987, mit dem Hans-Rein­hart-Ring, ©Key­stone

Wie alles begann

Als jun­ger Tex­ter mach­te Mar­tin Suter Wer­bung für das Bas­ler Thea­ter, des­sen Schau­spiel­di­rek­tor Wer­ner Düg­ge­lin von 1968 bis 1975 war. Dar­aus ent­stand ei­ne Freund­schaft, die bis zu Düg­ge­lins Tod am 6. Au­gust 2020 an­hielt.

Im Jahr 1992 schlug Suter – er war in­zwi­schen aus der Wer­bung aus­ge­stie­gen und leb­te mit sei­ner Frau, Mar­grith Nay Suter, auf Ibi­za und in Gua­te­ma­la – Wer­ner Düg­ge­lin vor, ihn für das Ma­ga­zin des Ta­ges­an­zei­gers zu por­trä­tie­ren. Sil­vio Bor­to­la­ni, der Chef­re­dak­tor der Zeit­schrift, fand die Idee gut. Düg­ge­lin be­fand sich zu die­ser Zeit in Viet­nam, gab aber nach sei­ner Rück­kehr sein Ein­ver­ständ­nis, das Suter so­gleich an Bor­to­la­ni fax­te:

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Aus dem Tref­fen wur­den meh­re­re, wie im­mer an­ge­neh­me und lus­ti­ge, und Mar­tin Suter schrieb das Por­trät.

Hier kön­nen Sie das Ori­gi­nal­ma­nu­skript le­sen. Wenn Sie die Sei­ten an­kli­cken, ver­grös­sern sie sich. Die hand­schrift­li­che No­tiz an Mar­tin Suters Freund Beat Keusch ist ein Spoi­ler. Sie ver­rät näm­lich, dass der Text nie er­schie­nen ist. Aber dar­über spä­ter.

Wenn Sie das Por­trät lie­ber in der Ty­po­gra­fie von martin-suter.com le­sen, bit­te sehr:

Poesie

Oder die Benutzung des Abortes während des Aufenthalts des Zuges in Bahnhöfen

Wer­ner Düg­ge­lin ge­hört an vie­len Or­ten in Ba­sel zur Fa­mi­lie, seit er der Stadt die „Ära Düg­ge­lin“ be­scher­te, die 1967 be­gann und wäh­rend sie­ben Jah­ren die Bas­ler Thea­ter zum Ge­sprächs­the­ma mach­te. Und das nicht nur im deutsch­spra­chi­gen Raum, son­dern, was viel schwie­ri­ger und ihm viel wich­ti­ger war, bei den Men­schen die­ser Stadt. Er war da­mals Thea­ter­di­rek­tor und das ers­te Mal in sei­nem Le­ben fest an­ge­stellt. Er ver­wan­del­te Ba­sel flugs in ei­ne re­nom­mier­te Thea­ter­stadt und hol­te die Gar­de und Avant­gar­de an sein Haus mit der Gross­zü­gig­keit und Ziel­si­cher­heit des­sen, der so gut ist, dass er sich nicht vor den noch bes­se­ren zu fürch­ten braucht. Er ex­pe­ri­men­tier­te, spann­te mit dem Fuss­ball­club zu­sam­men, lud in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­te Rock­bands auf sei­ne Büh­nen, ver­an­stal­te­te po­li­ti­sche Dis­kus­sio­nen, be­schwor Skan­da­le her­auf, stra­pa­zier­te das Bud­get und sass trotz­dem so fest im Sat­tel wie ein Chef­be­am­ter des Fi­nanz­de­par­te­ments.

An ei­nem über­ra­schend lau­en Sonn­tag­mit­tag im April sitzt Wer­ner Düg­ge­lin im Do­na­ti. Es sind nur we­ni­ge Gäs­te da, viel­leicht, weil ein paar Ta­ge zu­vor der al­te Pa­tron ge­stor­ben ist, und man sich an ei­nem ge­schenk­ten Früh­lings­sonn­tag nicht ger­ne an den Tod er­in­nern lässt. An zwei ent­fern­ten Ti­schen plät­schern ge­mäch­li­che Ge­sprä­che, die Wirts­leu­te ha­ben mehr Zeit als sonst und plau­dern mit „Dügg“ wie mit ei­nem sonn­täg­li­chen Fa­mi­li­en­be­such.

Wer­ner Düg­ge­lin hat­te die gan­ze Stadt und Le Tout Bâ­le mit sei­nem un­ver­schäm­ten Gas­sen­jun­gen­grin­sen um sei­ne be­red­ten Fin­ger ge­wi­ckelt. Und dort hän­gen sie bis zum heu­ti­gen Tag.

An die­sem früh­lings­haf­ten April­sonn­tag isst er „die Ar­ti­scho­cken, wie er sie gern hat“. Das Ge­richt, das er wohl kürz­lich in sei­ner ihm ei­ge­nen ku­li­na­ri­schen Will­kür über an­de­re Ge­rich­te em­por­ge­ho­ben hat, heisst „Ar­tichaut Ba­ri­go­ule“ und ist mit Sauer­amp­fer, Lat­tich und Speck von der Kinn­la­de zu­be­rei­tet. Zwei­fel­los ein ta­del­lo­ses Re­zept, aber zu­sam­men mit Wer­ner Düg­ge­lin ge­nos­sen er­hält es et­was Ein­zig­ar­ti­ges. Wie al­les, auf das er den Schein­wer­fer sei­ner un­ge­teil­ten Auf­merk­sam­keit rich­tet. Das gilt für Vor­spei­sen ge­nau­so wie für Au­toren, Wei­ne, Ma­ler, Län­der, Schau­spie­ler und Ho­tels. Und es gilt auch im­mer für sein mo­men­ta­nes Ge­gen­über.

Viel­leicht ist ge­nau dies das Ge­heim­nis von Wer­ner Düg­ge­lins Er­folg bei den Men­schen, die ihn lie­ben, bei de­nen, mit de­nen er ar­bei­tet und bei de­nen, die ihm scha­den könn­ten: Er macht sie vor­über­ge­hend zu et­was Ein­zig­ar­ti­gem, bes­ser ge­sagt, er macht sie zu et­was ge­nau­so Ein­zig­ar­ti­gem wie er sel­ber ist, und sei es nur für die Zeit, in der er mit ih­nen spricht. Er kann nicht an­ders, denn er gibt sich nur mit sei­nes­glei­chen ab. Und weil er es bei sei­ner Ar­beit mit mehr Leu­ten zu tun hat, als es sei­nes­glei­chen gibt, macht er sie zu sol­chen. Wenn er mit ih­nen spricht, geht er ganz selbst­ver­ständ­lich da­von aus, dass sie ken­nen, was er kennt, lie­ben, was er liebt, wis­sen, was er weiß. An­zei­chen des Ge­gen­teils igno­riert er, eher prag­ma­tisch als höf­lich.

Wer­ner Düg­ge­lin gibt sei­nem Ge­gen­über im­mer die Chan­ce, zu sein, wie es im­mer sein woll­te. Un­ab­hän­gig, viel­ge­liebt, weit­ge­reist, welt­ge­wandt, un­kon­ven­ti­nell. Kurz: ge­nau­so wie er sel­ber. Er gibt ihm die Ge­le­gen­heit, den Düg­ge­lin in sich her­aus­zu­keh­ren. Die­ses me­ta­mor­pho­si­sche Kunst­stück ver­langt sei­ne gan­ze Kon­zen­tra­ti­on, er geht da­bei rest­los auf sein Ge­gen­über ein. Und wie wenn er be­fürch­ten müss­te, der Fun­ken könn­te nicht sprin­gen, schliesst er im­mer wie­der den Strom­kreis zu sei­nem Ge­schöpf, in­dem er es mit der Hand fest­hält, die er ge­ra­de nicht zum Spre­chen braucht. So hat er in sei­ner lan­gen Kar­rie­re Freun­de, Geg­ner, Po­li­ti­ker, Gön­ner, Kri­ti­ker, Be­am­te und vor al­lem Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler ver­wan­delt. (So um­strit­ten auch hie und da sei­ne In­sze­nie­run­gen wa­ren, so ein­hel­lig wird die Ar­beit mit ihm ge­lobt.)

An die­sem Sonn­tag isst er noch von ei­nem mit viel Min­ze im Ofen zu­be­rei­te­ten Ca­pret­to a la Ro­ma­na und di­ri­giert im­mer wie­der un­auf­fäl­lig die Fla­sche Ron­co dei Ci­lie­gi des nach­schen­ken­den Kell­ners von sei­nem Glas weg zu dem sei­nes Ge­gen­übers. Er hat sich näm­lich mit den Jah­ren ei­ne bei­läu­fig über­spiel­te Dis­zi­plin zu­ge­legt, was die we­ni­ger un­be­denk­li­chen Ge­nüs­se des Le­bens an­be­langt. Beim Kaf­fee zeich­net er dann auf die Rück­sei­te ei­nes Pa­pier­un­ter­sätz­chens der „Freun­de des gu­ten Kaf­fees“, was für ihn Poe­sie ist. Aus­drück­lich nicht die Poe­sie, die ent­steht, wenn ihm ei­ne schö­ne Frau Ril­ke vor­liest, son­dern die wah­re Poe­sie. Er zeich­net ei­ne Waag­rech­te und vier­telt sie mit drei kur­zen senk­rech­ten. Über der mitt­le­ren malt er ei­ne Null, in den Ab­schnitt links da­von ein Plus, in den­je­ni­gen rechts da­von ein Mi­nus. Dann krit­zelt er die­se Ska­la von plus bis mi­nus wü­tend durch. „Das“, sagt er, „in­ter­es­siert mich nicht.“ Und er wen­det sich den bei­den En­den sei­ner waag­rech­ten zu, die links und rechts jung­fräu­lich über die verun­staltete Ska­la hin­aus­ra­gen. „Das und das, das ist die Poe­sie.“

Die Fra­ge nach der Poe­sie ist auf­ge­taucht, als er von sei­nen An­fän­gen beim Thea­ter er­zähl­te, da­mals in Pa­ris, als er 21 und Mit­ar­bei­ter des avant­gar­dis­ti­schen Re­gis­seurs und Freun­des von An­to­nin Artaud, Ro­ger Blin, war, als der im Theat­re Sè­v­re Ba­by­lon „War­ten auf Go­det“ ur­auf­führ­te. Da­mals war die Pa­ri­ser Theater­szene in zwei La­ger ge­teilt: In das des Schau­spie­lers und Re­gis­seurs Lou­is Jou­vet, und das sei­nes Ge­gen­spie­lers Jean­ Lou­is Bar­rault, eben­falls Schau­spie­ler und Re­gis­seur. „Wir druck­ten Trak­tät­li ge­gen Bar­rault, schli­chen uns in der Pau­se ei­ner sei­ner In­sze­nie­rung auf die Es­tra­de und war­fen sie hin­un­ter.“

Düg­ge­lin, des­sen Art es nicht ist, in der Ver­gan­gen­heit zu schwel­gen, hat das The­ma mit der Be­mer­kung ab­ge­schlos­sen: „Gu­te neue Stü­cke ent­ste­hen nur in Zei­ten, in de­nen man die Welt ver­än­dern will. Dar­um ent­steht heu­te nichts.“ Als die Tel­ler ab­ge­tra­gen wur­den, hat er ge­sagt: „Al­les, was kri­tisch ge­sagt wer­den kann, ist ge­sagt. Wie im rich­ti­gen Le­ben die Re­li­gi­on, kann im Thea­ter der Flucht­weg nur die Poe­sie sein.“

Und jetzt ist er da­bei, zu er­klä­ren, was er mit Poe­sie meint. „Ca­net­ti be­schreibt ei­ne De­mons­tra­ti­on, kommt da­bei auf das The­ma „Mas­se“ und plötz­lich merkst du, dass der 30 Jah­re über Mas­se nach­ge­dacht hat. Das ist Poe­sie.“ Eli­as Ca­net­ti ist kein zu­fäl­li­ges Bei­spiel. Im Mo­ment ar­bei­tet Wer­ner Düg­ge­lin am Schau­spiel­haus Zü­rich an der Welt­ur­auf­füh­rung des ein­zi­gen Stü­ckes, das Ca­net­tis ers­te Frau Ve­sa schrieb. Es heisst „Der Oger“, ist 40 Jah­re alt und „so zer­brech­lich: ei­ne fal­sche Be­we­gung und du hast nur noch Scher­ben.“

Am Nach­mit­tag die­ses über­ra­schend lau­en April­sonn­tags fährt er nach Zü­rich, wo er wäh­rend der Pro­ben wohnt. Der Zug steht noch im Bahn­hof, da steht er auf und ver­schwin­det ins WC.

„Nicht wäh­rend der Zug hält“, ruft ihm das für Se­kun­den aus dem Strom­kreis der Gross­ka­riert­heit ausge­klinkte Ge­gen­über klein­mü­tig nach. Da er­scheint noch ein­mal sein Ge­sicht an der Ab­teil­tür und er grinst: „Ich kann nicht bei fah­ren­dem Zug.“

Da end­lich hat sein Ge­gen­über Wer­ner Düg­ge­lins Poe­sie be­grif­fen.

Mit die­sem Be­gleit­brief ging das Por­trät an Wer­ner Düg­ge­lin:

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Und als der Por­trä­tier­te mit dem Por­trät ein­ver­stan­den war, lie­fer­te Mar­tin Suter es ab:

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Die Pre­mie­re von „Der Oger“, das Stück von Ca­net­tis ers­ter Frau, Ve­sa, an dem Düg­ge­lin zu die­ser Zeit ar­bei­te­te, rück­te nä­her und ging vor­bei, oh­ne dass das Por­trät er­schie­nen wä­re. Als es im Ju­li noch im­mer nicht er­schie­nen war, er­kun­dig­te Mar­tin Suter sich beim Chef­re­dak­tor schüch­tern nach des­sen Ver­bleib:

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Eine überraschende Wendung

Die Mo­na­te zo­gen ins Land, und als die Re­dak­ti­on des Ma­ga­zins er­fuhr, dass Wer­ner Düg­ge­lin in der Ko­mö­die Ba­sel in „Der Re­gis­seur und die Schau­spie­le­rin“ zum ers­ten Mal in sei­nem Le­ben als Schau­spie­ler auf der Büh­ne ste­hen wird, be­schloss sie, das Por­trät doch ab­zu­dru­cken. Mar­tin Suter freu­te das. Aber Wer­ner Düg­ge­lin nicht. „Die kön­nen doch nicht“, schimpf­te er, „ein Por­trät dru­cken, das vor neun Mo­na­ten ge­schrie­ben wur­de. Als wür­de ich mich in so lan­ger Zeit nicht ver­än­dern!“

Man ei­nig­te sich dar­auf, dass Mar­tin Suter ein neu­es Por­trät schrieb. Wenn Sie es le­sen, wer­den Sie fest­stel­len, dass er da­für ein paar Stel­len aus dem al­ten ge­stoh­len hat.

Nichts sagen

Wer­ner Düg­ge­lin steht zum ers­ten Mal in sei­nem Le­ben auf der Büh­ne. Nicht als Re­gis­seur. Aber auch nicht als Schau­spie­ler.

An ei­nem über­ra­schend blau­en Sonn­tag­mit­tag im April des ver­gan­ge­nen Jah­res sass Wer­ner Düg­ge­lin im „Do­na­ti“ in Ba­sel. Er hat­te die­se „Ar­ti­scho­cken, wie er sie gern hat“ ge­ges­sen und ei­nen mit viel Min­ze im Ofen zu­be­rei­te­ten Ca­pret­to a la Ro­ma­na. Die Wirts­leu­te hat­ten mit ihm ge­plau­dert wie mit ei­nem sonn­täg­li­chen Fa­mi­li­en­be­such, und beim Kaf­fee zeich­net er auf der Rück­sei­te ei­nes Pa­pier­ser­vi­ett­chens der „Freun­de des gu­ten Kaf­fees“, was für ihn Poe­sie ist.

Wer­ner Düg­ge­lin ar­bei­te­te da­mals am Schau­spiel­haus Zü­rich an der Welt­ur­auf­füh­rung von „Der Oger“, ei­nem Stück, das Ca­net­tis ers­te Frau, Ve­sa, vor 40 Jah­ren ge­schrie­ben hat, und die Fra­ge, was für ihn (und das Thea­ter) Poe­sie ist und be­deu­tet, be­schäf­tig­te ihn.

Ein drei­vier­tel Jahr spä­ter sitzt Wer­ner Düg­ge­lin tief hin­ten im „Schlauch“ der Kunst­hal­le in Ba­sel, und es be­schäf­ti­gen ihn an­de­re Fra­gen. Der Ver­dacht, ein ak­tu­el­les Por­trät über ihn könn­te den Wer­ner Düg­ge­lin des Aprils 92 be­schrei­ben, die Vor­stel­lung, man könn­te an­neh­men, dass er sich in neun Mo­na­ten nicht ver­än­de­re, be­frem­det ihn so, dass er sich da­zu her­gibt, et­was zu tun, was der Wer­ner Düg­ge­lin des Ja­nu­ars 93 ei­gent­lich nicht mehr mag: sich er­klä­ren. „Ei­ner, der nicht sa­gen will“, sei er heu­te.

So Lässt er denn auch dem Wirt freie Hand („aber Fisch“) und rich­tet ihm durch den Kell­ner aus, (der „Bar Lé­o­pard“ und ein „Fa­got­to di le­gu­mi al­la fon­du­ta di Ta­leg­gio“ ser­viert): „Ihr könnt es ja, wenn Ihr Euch Mü­he gebt.“

„Dügg“ darf das, denn er ge­hört hier zur Fa­mi­lie wie an vie­len Or­ten in Ba­sel, seit er der Stadt die„Ära Düg­ge­lin“ be­schert hat, die 1967 be­gann und wäh­rend sie­ben Jah­ren die Bas­ler Thea­ter zum Ge­sprächs­the­ma mach­te. Und das nicht nur im deutsch­spra­chi­gen Raum, son­dern, was viel schwie­ri­ger und ihm viel wich­ti­ger war, bei den Men­schen der Stadt. Er war da­mals Thea­ter­di­rek­tor und das ers­te Mal in sei­nem Le­ben fest an­ge­stellt. Er ver­wan­del­te Ba­sel in ei­ne re­nom­mier­te Thea­ter­stadt und hol­te die Gar­de und Avant­gar­de an sein Haus mit der Gross­zü­gig­keit und Ziel­si­cher­heit des­sen, der so gut ist, dass er sich vor den noch bes­se­ren nicht zu fürch­ten braucht. Er ex­pe­ri­men­tier­te, spann­te mit dem Fuss­ball­club zu­sam­men, lud in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­te Rock­bands auf sei­ne Büh­nen, ver­an­stal­te­te politi­sche Dis­kus­sio­nen, be­schwor Skan­da­le her­auf und stra­pa­zier­te das Bud­get. Wer­ner Düg­ge­lin hat­te die gan­ze Stadt und Le Tout Bâ­le um den Fin­ger ge­wi­ckelt.

Dort be­fin­den sie sich noch heu­te und wer­den es sich nicht ent­ge­hen las­sen, Wer­ner Düg­ge­lin erst­mals in sei­ner Lieb­lings­rol­le auf der Büh­ne zu se­hen: als Re­gis­seur.

Der Mann, der nichts sa­gen will, kommt näm­lich aus der Pro­be zu „Der Re­gis­seur und die Schau­spie­le­rin“ (El­vi­re Jou­vet 40). Dem Stück von Bri­git­te Ja­ques lie­gen Lou­is Jou­vets Pro­ben der letz­ten Sze­ne der El­vi­ra aus Mo­lie­res „Don Ju­an“ zu­grun­de, die 1940 mit­ste­no­gra­phiert wur­den. Wer­ner Düg­ge­lin führt dar­in aber nicht Re­gie, er ist der Re­gis­seur. Was nicht heißt, dass er den Re­gis­seur spielt, er­klärt der Mann, der sich nicht mehr er­klä­ren mag, denn Schau­spie­ler sei er nicht.

Wer­ner Düg­ge­lin ver­kör­pert in die­sem Stück den Re­gis­seur, weil er ei­ner ist. Nicht weil er sich als Schau­spie­ler ge­bär­den will, son­dern weil er neu­gie­rig dar­auf ist, mehr dar­über zu er­fah­ren, wie Thea­ter ent­steht. Wie der Au­to­me­cha­ni­ker, der ein­mal ein paar Run­den dre­hen will, da­mit er Ver­hal­ten, Mo­tor und Ei­gen­schaf­ten des For­mel l Wa­gens bes­ser be­greift.

Sei­ne Part­ne­rin auf die­sen Er­fah­rungs­run­den ist An­ne­lo­re Sar­bach. („Sen­na, denn ich ge­trau mich nicht zu je­dem ins Cock­pit. Und von Prost wür­de ich Aus­schlä­ge krie­gen.“) Und die Frau, die da­für sorgt, dass der, der dort oben steht, auch Re­gis­seur bleibt und nicht Schau­spie­ler wird, ist die Re­gis­seu­rin Ni­ko­la Weis­se.

Der Mann, der sich nicht mehr er­klä­ren mag, un­ter­bricht sei­ne Er­klä­rung durch ei­nen ra­schen Jass mit dem Wirt und droht nach­her mit ei­nem Le­ser­brief des Ge­mein­de­schrei­bers von Sieb­nen (wo er her­kommt) falls das Re­sul­tat der Par­tie hier veröf­fentlicht wird.

Dann re­det er über das, was den Wer­ner Düg­ge­lin, Ja­nu­ar 93, be­schäf­tigt: Die Angst der Leu­te, nicht mehr in zu sein. „Noch  nie ha­be ich das so er­lebt wie heu­te, dass sich die Ar­beit und die Mei­nung von Leu­ten, die ich gern ha­be, aus die­ser Angst ver­än­dert und da­durch na­tür­lich be­lang­los wird. Wir le­ben in ei­ner gräss­li­chen Zeit, in der die Leu­te sich fürch­ten, nicht ernst ge­nom­men zu wer­den. Und sich des­halb zu ernst neh­men. Und das Schlim­me dar­an ist, dass das bei den Po­li­ti­kern am kras­ses­ten ist.“

Wäh­rend Wer­ner Düg­ge­lin über an­de­re Din­ge re­det, er­klärt er sich sel­ber am deut­lichs­ten: Er macht sein Ge­gen­über vor­über­ge­hend zu et­was Ein­zig­ar­ti­gem. Zu et­was ge­nau­so Ein­zig­ar­ti­gem wie er sel­ber ist, und sei es nur für die Zeit, in der er mit ihm spricht. Er kann nicht an­ders, denn er gibt sich nur mit sei­nes­glei­chen ab. Und weil er es bei sei­ner Ar­beit und in sei­nem Le­ben mit mehr Leu­ten zu tun hat, als es sei­nes­glei­chen gibt, macht er sie zu sol­chen. Wenn er mit ih­nen spricht, geht er ganz selbst­ver­ständ­lich da­von aus, dass sie ken­nen, was er kennt, lie­ben, was er liebt, wis­sen, was er weiss. An­zei­chen des Ge­gen­teils igno­riert er. Aus Rück­sicht auf sich selbst.

Wer­ner Düg­ge­lin gibt sei­nem Ge­gen­über im­mer die Chan­ce, zu sein, wie es im­mer sein woll­te: Un­ab­hän­gig, viel­ge­liebt, weit­ge­reist, welt­ge­wandt, un­kon­ven­tio­nell. Kurz: ge­nau­so wie er sel­ber. Er gibt ihm die Ge­le­gen­heit, den Düg­ge­lin in sich her­aus­zu­keh­ren. Die­se me­ta­mor­pho­si­sche Num­mer ver­langt sei­ne gan­ze Kon­zen­tra­ti­on und er geht da­bei rest­los auf sein Ge­gen­über ein. Als ob er be­fürch­ten müss­te, der Fun­ken könn­te nicht sprin­gen, schließt er im­mer wie­der den Strom­kreis zu sei­nem Ge­schöpf, in­dem er es mit der Hand fest­hält, die er ge­ra­de nicht zum spre­chen braucht. So hat er wohl in sei­ner lan­gen Kar­rie­re im­mer wie­der Freun­de, Geg­ner, Po­li­ti­ker, Gön­ner, Kri­ti­ker, Be­am­te und vor al­lem Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler ver­wan­delt.

Und viel­leicht kann er des­halb heu­te, Ja­nu­ar 93, sa­gen: „Ich ha­be ver­hält­nis­smäs­sig uhue­re we­nig Kom­pro­mis­se ge­macht.“ Er hat wahr­schein­lich uhue­re vie­le Kom­pro­mis­se ver­ur­sacht, oh­ne dass er es merk­te. Ganz zu schwei­gen von de­nen, die sie ein­gin­gen.

Auch wenn er sich nicht mehr er­klä­ren will: Wenn an der Pre­mie­re am 23. Ja­nu­ar auf der Büh­ne der Ko­mö­die Ba­sel die­ser Wer­ner Düg­ge­lin steht, dann wird Ba­sel und Le Tout Bâ­le nicht nur et­was mehr über Thea­ter er­fah­ren, son­dern auch et­was mehr über den Mann, der für die Stadt vor 25 Jah­ren ei­ne Thea­ter­hoch­blü­te ein­ge­läu­tet hat, von der vie­le be­fürch­ten, dass sie ge­ra­de da­bei sind, ih­re letz­te Sai­son zu er­le­ben.

Und ein an­de­rer Wer­ner Düg­ge­lin wird gar nicht auf der Büh­ne ste­hen kön­nen.

Denn er ist ja kein Schau­spie­ler.