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Business Class Evergreens Element 9

Nach dem Kurswechsel

Vor acht­und­zwan­zig Jah­ren fand in Rio de Ja­nei­ro der Erd­gip­fel statt. Die ver­ein­ten Na­tio­nen be­schlos­sen dort, in Zu­kunft der Um­welt mehr Sor­ge zu tra­gen. Die Fol­gen die­ses Gip­fels für die Vor­stands­eta­gen war das The­ma von Mar­tin Suters ers­ter Busi­ness-Class-Ko­lum­ne.

Der De­le­gier­te des Ver­wal­tungs­ra­tes trägt ei­nen schlich­ten, hand­ge­wo­be­nen Bla­zer oh­ne Re­vers, wor­über sich der Lei­ter Mar­ke­ting und Ver­kauf (Di­vi­son West I) sei­ner Frau ge­gen­über schon oft lus­tig ge­macht hat. Er sel­ber trägt ei­nen Zwei­rei­her aus na­tur­ge­färb­ter, un­be­han­del­ter Baum­wol­le mit ei­nem Na­del­strei­fen aus un­ge­bleich­ter Thai-Sei­de. „Man kann sich auch oe­ko-ef­fi­zi­ent klei­den, oh­ne gleich wie der Pfar­rer Sie­ber da­her­zu­kom­men“, pflegt er zu sa­gen, wenn auch im klei­nen Kreis.

Die Sit­zung dau­ert nun schon ge­gen vier Stun­den, und ein En­de ist nicht ab­zu­se­hen. Der Lei­ter Pro­duk­ti­on Werk Süd mel­det sich zu Wort. Er steht kurz vor der Pen­sio­nie­rung und ist wohl et­was kor­pu­lent. Er trägt ei­ne, auch für den un­vor­ein­ge­nom­me­nen Be­ob­ach­ter sehr de­pla­ziert wir­ken­de, ir­gend­wie blu­si­ge Ober­be­klei­dung aus gro­ber Lei­ne und dar­über wie im­mer die­ses eng­an­lie­gen­de bun­te Gi­let schwer zu de­fi­nie­ren­der Her­kunft, wahr­schein­lich Be­stand­teil ei­ner fern­öst­li­chen Volks­tracht, als weh­mü­ti­ge An­spie­lung an sei­ne frü­he­ren Be­klei­dungs­ge­wohn­hei­ten. Er war näm­lich vor der Pu­bli­ka­ti­on von Schmidhei­nys „Kurs­wech­sel“ Gi­let-Trä­ger. „Mei­ne Her­ren“, be­ginnt er, und fängt so­fort ei­nen mit­lei­dig-be­lus­tig­ten Blick der ein­zi­gen Frau der Run­de, der Lei­te­rin Personal/Ausbildung (Ad­mi­ni­sta­ti­on) ein. Sie trägt et­was Ein­tei­li­ges, viel­leicht et­was zu Sa­ck­ar­ti­ges aber den­noch nicht Un­kleid­sa­mes aus ei­ner ra­scheln­den, lo­se ver­wo­be­nen Na­tur­fa­ser und, zum Be­dau­ern des Lei­ters Personal/Ausbildung (Pro­duk­ti­on), seit dem Erd­gip­fel in Rio kei­ner­lei Schmin­ke mehr.

Nicht zum ers­ten Mal be­spricht das Board die längst fäl­li­ge An­pas­sung der Un­ter­neh­mens­leit­sät­ze in Rich­tung Oe­ko-Ef­fi­zi­enz, was die ers­te Vor­aus­set­zung für die Ue­ber­ar­bei­tung we­nigs­tens der Bän­de 1 bis 6 des Or­ga­ni­sa­ti­ons­hand­bu­ches (OHB) wä­re. Der durch den Faux­pas bei der An­re­de des Boards aus dem Kon­zept ge­brach­te Lei­ter Pro­duk­ti­on Werk Süd wird un­ter­bro­chen durch den Lei­ter Fi­nanz (Nicht­ope­ra­ti­ver Be­reich, ge­strick­te, knie­lan­ge Woll­ja­cke), der sei­ne, durch das dies­jäh­ri­ge glän­zen­de Re­sul­tat sei­nes Be­rei­ches er­wor­be­ne Son­der­po­si­ti­on da­zu aus­nützt, ei­ne kur­ze Mit­tags­pau­se vor­zu­schla­gen. Die Be­tei­lig­ten at­men auf. Der Lei­ter Mar­ke­ting und Ver­kauf (Di­vi­son West I) reisst die Fens­ter auf, da­mit sich der schwe­re Duft der Räu­cher­stäb­chen (Patchou­ly In­cen­se, wie im­mer an Board Mee­tings) ver­flüch­tigt, und al­le pa­cken ih­re Lunch­pa­ke­te aus. Der Lei­ter Fi­nanz (Nicht­ope­ra­ti­ver Be­reich) wi­ckelt aus ei­nem Stück beid­sei­tig mit Bu­chun­gen be­druck­ten Re­cy­cling-End­los­for­mu­lar ein selbst­ge­ba­cke­nes Holz­ofen-Rog­gen­bröt­chen und un­ter­hält sich mit vol­lem Mund mit dem De­le­gier­ten des Ver­wal­tungs­ra­tes, der ge­dan­ken­ver­lo­ren den Alu­de­ckel sei­nes Bio-Jo­ghurts sau­ber­leckt und ihn dann zu den an­de­ren in die Brust­ta­sche schiebt. Und wäh­rend der Lei­ter Mar­ke­ting und Ver­kauf (Di­vi­son West I) un­ter dem Sit­zungs­tisch un­auf­fäl­lig den hal­ben Qua­drat­me­ter Alu­fo­lie zu ent­fer­nen ver­sucht, in den sei­ne zum Non­kon­for­mis­mus nei­gen­de Frau sei­nen Bal­last­stoff-Snack ein­ge­packt hat, hört man den Lei­ter Pro­duk­ti­on Werk Süd fragen:„Sind kal­te So­ja­bur­ger ei­gent­lich säu­re- oder ba­sen­über­schüs­sig?“