Kolumne

 

„Wo wohnst du eigentlich, Geri?“

Freddy Guts Frage hallt lange nach, bis Geri sie beantworten kann. Aber als er sich endlich so weit gefasst hat, dass er sie beantworten könnte, sind die Gedanken der Modeautorität Freddy zum Glück bereits wieder zu einer Frage abgeschweift, die diesen wirklich interessiert: Kann es sein, dass sich der Trend 2020 von der etwas aufdringlichen Interpretation der Streetwear entfernt und dis­kre­te­ren Spielarten derselben nähert?

Doch Geri weiß aus Erfahrung, dass Freddy es kaum aushält, nicht zu sprechen, und in einer allfälligen Gesprächslücke unvermittelt wieder auf diese Frage zurückkommen kann.

Geri ist im Prinzip auf sie vorbereitet. Er hat sich eine Coverstory zurechtgelegt: Durch Vermittlung eines entfernten Verwandten habe er am Stadtrand in einer alten ehemaligen Spinnerei einen loftähnlichen Raum beziehen können. Das sei allerdings nur ein Provisorium, unrenoviert und elementar, aber okay, bis er etwas Angemessenes gefunden habe.

Diese Legende ist lebenswichtig, weil Geri unter gar keinen Umständen zugeben darf, dass er in einem gelben Block aus den achtziger Jahren eine Zweizimmerwohnung mit deren Airbnb-Vermieter teilt. Und zwar in Steiberg Dorf, fünfunddreißig Minuten mit der S-Bahn vom Stadtzentrum entfernt! Tiefste, trostloseste Agglo!

Und was noch schlimmer wäre: Wenn die Clique erfahren würde, dass er in einer Unterkunft der von Carl Schnell zum absoluten No-Go erklärten Airbnb zur Miete ist.

 

 

Der unbeschränkte Zugang zu Martin Suters Kolumnen, Texten, Podcasts, Videos, Bildern und Überraschungen kostet nur sechs Franken im Monat. Wenn Sie sich für das Jahresabo entscheiden, bekommen Sie sogar noch zwei Monate geschenkt.
Ich will abonnieren Ich bin abonniert

Kontext-Aktionen