Kolumne

 

„Nein“, sagt Geri zu Geri, „heute nicht ins NUMBERLESS."

Es ist das Resultat gründlicher taktischer Überlegungen. Ja, taktischer, nicht strategischer. Den Unterschied hat er sich gemerkt, seit ihn Robi Meili damit vor vielen Jahren bloßgestellt hat. Die Strategie ist das Was, die Taktik ist das Wie. Was Geri will, ist wieder in seine alte Clique aufgenommen werden. Aber wie?

Jetzt, wo er weiß, wo sich Susi Schläfli, Robi Meili, Carl Schnell und Charly aufhalten, geht es nur noch darum, wie er sich ihnen nähern soll.

Nachdem er sie am Vorabend im NUMBERLESS verpasst hat und Charly ihn nicht erkannte oder zumindest so tat, ist er in seine Airbnb-Wohnung in die tiefste Agglo zurückgefahren und dort wie immer von seinem Vermieter, Hanspeter, erwartet worden. Der saß im winzigen, ungelüfteten und unaufgeräumten Wohnzimmer (Zusatzinhalt anzeigen) auf seinem Schlafsofa vor dem Computer und trank lauwarmes Bier einer Supermarkt-Eigenmarke.

Geri wollte keines, nahm dann aber doch eines, und dann noch eines. Und dann noch ein drittes (Zusatzinhalt anzeigen) .

Damit und mit den zwei Negroni davor im NUMBERLESS kam er auf einen Pegel, der ausreichte, um Hanspeter von seiner missglückten Begegnung mit den alten Bekannten zu erzählen.

Dieser hörte, tief in seine Körperfülle versunken, aufmerksam zu, nuckelte an seiner Flasche und nickte vielsagend wie einer, der genau wusste, wovon Geri sprach. Sein Kommentar am Schluss von Geris Ausführungen bestätigte diesen Eindruck: „Ich weiß genau, was du meinst. Es passiert mir auch ständig, dass mich die alten Kumpel ignorieren. Und weißt du, was ich dann tue?“

Um es spannend zu machen, öffnete Hanspeter eine neue Flasche. „Ich ignoriere sie auch.“ Und stieß mit der vollen Flasche mit Geris halbleerer dreimal so heftig an, dass Schaum aus dem Flaschenhals trat und auf sein schwarzes Hard-Rock-T-Shirt fiel. Sie tranken auf das Ignorieren.

„Und?“, wollte Geri wissen, „funktioniert es?“

Hanspeter zuckte mit den Schultern.

„Hören sie auf, dich zu ignorieren?“

„Bis jetzt nicht. Aber ich auch nicht.“

Die Option „Ignorieren“ ließ Geri bis in die frühen Morgenstunden nicht schlafen.

Als er kurz vor Mittag erwacht, ist sie sofort wieder da. Würde diese Taktik bei Susi Schläfli, Robi Meili, Freddy Gut, Carl Schnell, Peter, Rita und Charly verfangen? Würde sein Desinteresse an ihnen sie dazu verleiten, ihrerseits Interesse zu zeigen?

Im Laufe des Nachmittags entscheidet er sich für das Ignorieren. Aber erst am Abend in der S-Bahn Richtung Stadt wird ihm die Tragweite dieses Entschlusses bewusst: Desinteresse an einer Begegnung zeigt man nicht, indem man gleich am nächsten Abend wieder an deren Treffpunkt auftaucht. Desinteresse beweist man, indem man diesem fernbleibt.

Anstatt ins NUMBERLESS geht er ins 4u2. Aber als er es betritt und die vielen Bärte sieht, macht er kehrt. Gut möglich, dass dies auch ein neuer Treffpunkt der Clique ist. Trotz des dem NUMBERLESS diametral entgegengesetzten Namens.

Auch im Tapa Papa, eine Straße weiter, trifft er auf das gleiche Publikum. In der Golddistel ebenfalls.

Sicher vor einer Begegnung fühlt sich Geri Weibel erst bei McDonald's. Würde es seine alte Clique dorthin verschlagen, wäre eine Dimension in der Trendwende erreicht, die sich Geri bei aller Phantasie nun doch nicht vorstellen (Zusatzinhalt anzeigen) kann.

Am nächsten Abend will er zu Hause bleiben, aber als er riecht, dass Hanspeter ein Fertigfondue erwärmt und er befürchten muss, dazu eingeladen zu werden, sieht Geri sich gezwungen, unter einem Vorwand das Haus zu verlassen. Er hasst Fondue. Und er hält auch den Geruch nicht aus.

Er läuft auf dem Gehweg der Durchgangsstraße, auf der noch etwas Berufsverkehr der heimkehrenden Stadtpendler herrscht. Als es zu regnen beginnt, rettet er sich in den halbleeren Adler, der sich, kaum hat man Geri an einen Tisch gesetzt, als Fondue-Restaurant entpuppt.

Er wagt es nicht, wieder aufzustehen und in den Regen hinauszugehen. Und als die Serviertochter ihm ungefragt Rechaud und Fonduebesteck auftischt, traut er sich auch nicht, kein Fondue zu essen.

Nach dieser Erfahrung ist Geri am nächsten Abend wieder im NUMBERLESS. Niemand ist dort, der ihm bekannt vorkommt. Nicht einmal Charly.

Geri setzt sich an die Bar und wartet. Der Barmann ist viel jünger als Charly, aber er mixt mit der gleichen Nonchalance einen Drink für einen Gast, während er sich mit anderen Gästen unterhält.

Als er endlich kommt, bestellt Geri einen Negroni. Der Mann wiederholt: „Einmal Negroni.“ Es klingt wie ein Seufzer.

Während Geri auf seinen Drink wartet, wandert sein Blick über die Drinks auf der Bar. Viel Buntes, viele Schirmchen, viele verschlungene Trinkhalme, kein Negroni. Außer dem, den der Barmann ihm nun bringt.

„Hat Charly frei?“, fragt Geri, als er das Glas mit der gelockten Orangenschale in Empfang nimmt.

„Ach, ein Charly-Fan. Darum der Negroni“, erhält er zur Antwort.

Geri trinkt seinen Negroni mit dem Gefühl, das er kennt, seit er sich erinnern kann: etwas falsch zu machen. Als er den Barmann für eine Nachbestellung heranwinkt, kommt der gelangweilt herangeschlurft und fragt: „Noch einen?“ Diesmal klingt es wie ein Gähnen.

„Nein“, antwortet Geri, „hast du nicht etwas weniger Langweiliges?“

Jetzt wird der Barmann munter. Er lächelt: „Was zum Beispiel?“

Geri zuckt mit den Schultern. „Du bist der Fachmann.“

„Yep“, macht der Fachmann und geht beschwingt zurück zu seiner Arbeitsfläche. Er stellt Ed Sheeran ab und Salsa an.

Geri sieht ihn von weitem beängstigend viele verschiedene Flüssigkeiten in einen Tumbler gießen und Eis hinzufügen. Dann beginnt er mit verheißungsvollem Lächeln im karibischen Rhythmus zu shaken. Den Tumbler und sich selbst.

Es dauert eine ganze Weile, bis er, immer noch tänzelnd, zu Geri kommt und feierlich den Drink vor ihn hinstellt. Ein großes Glas mit Crushed Ice, einer orangefarbenen Flüssigkeit, einem Schnitz Ananas, einem Trinkhalm und einer violetten Orchideenblüte. „Voilà. Mai Tai. Jamaica Rum, Curaçao Orange, Limettensaft, Zuckersirup, Orgeat. Und ein Spritzer Rosenwasser. Salud, ähm...“

„Geri.“

„Corrado.“

Sie geben sich die Hand. „Charly arbeitet übrigens nicht mehr hier“, fügt Corrado hinzu.

Geri ist überrascht. „Seit wann?“

„Seit heute. Probier.“

Geri saugt einen Schluck aus dem Trinkhalm. Eiskalt, süßsauer, parfümiert und stark. Gut. Aber lange nicht so gut wie der von Aira (Zusatzinhalt anzeigen) . Oh, Aira.

„Da fühlt man sich wie in der Karibik, nicht?“

Geri nickt und ist wieder in der Marina am Flusslauf, wo die Delphine spielen und abends die Pelikanschwärme heimkehren. Und bei Aira. Oh, Aira.

Seine Augen füllen sich mit je einer Träne, und Corrado fragt: „Zu stark?“

Geri nickt und wechselt das Thema. „Schade, dass Charly nicht mehr hier ist. Ich kannte ihn von früher. Wo ist er jetzt?“

Corrado schaut ihn misstrauisch an. Aber als Geri betont genüsslich einen zweiten Schluck nimmt, antwortet er: „In der FehlBar. Neu eröffnet. Aber ich warne dich: So einen Mai Tai kriegt der nie und nimmer hin.“

Geri winkt ab. „Da geh ich nicht hin. Schon der Name.“

„Hat auch Vorteile, dass er weg ist“, sagt Corrado darauf schnippisch. „So bin ich auch die anderen los.“

„Welche anderen?“

„Susi Schläfli, diese Zicke; Robi Meili, diesen Klugscheißer; Freddy Gut, diesen Geck; Carl Schnell, diese Moraltante; Peter und Rita, diese Klammeräffchen. Kanntest du die auch alle?“

Geri setzt den Trinkhalm wieder an, nimmt einen tiefen Schluck und sagt: „Ich? Die? Nein.“

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