Kolumne

 

Ziegler rechnet fest damit, demnächst zum Managing Director beför­dert zu werden. Das hat ihm nicht nur der normalerweise gut informierte Mettler versichert, das entspricht auch der Karrierelogik des Investmentbankings: Analyst, Associate, Vice President, Director, Managing Director. Und es entspricht auch - und wie! - seinem Alter (Zusatzinhalt anzeigen) .

Fachlich und qualifikationsmäßig fühlt er sich der bevorstehenden Aufgabe mehr als gewachsen. Auch sozial – Katja umwerfende Gastgeberin, Esther nächstes Jahr Matura, Peter, naja, der kommt schon noch – ist er sattelfest. Einzig auf einem Gebiet braucht er noch ein wenig Vorbereitung: Auf dem Gebiet der Garderobe (Zusatzinhalt anzeigen) .

Ab Managing Director – das weiß er nicht nur von Mettler, dieses Wissen hat er sich auch durch eigene Beobachtung erworben – ist es angebracht, Maß zu tragen.

Vorher nicht. Vorher würde es von oben und unten als prahlerisch angesehen werden. Aber als Managing Director strahlt der Maßanzug etwas durchaus Selbstverständliches aus.

Als er Katja die Situation erklärt, sagt sie: „Und deine neun Anzüge?“

„Fünfzehn“, korrigiert er.

„Davon sind dir sechs zu eng.“

„Nach der Beförderung mache ich eine Diät.“

„Dann sind dir neun zu weit.“

„Siehst du“, sagt er, etwas triumphierend, „deshalb muss ich zum Schneider.“

Ziegler ist zwar Investmentbanker, aber es ist Katja, die bei ihnen in Finanzfragen das Heft in der Hand hält. „Was kostet ein Maßanzug?“, erkundigt sie sich sachlich.

Er weicht aus. „Kommt ganz auf den Stoff an.“

„Von – bis?“

„Drei bis, sagen wir, neun (Zusatzinhalt anzeigen) .“

Katja überschlägt es kurz: „Also sechs im Schnitt. Mal vierzehn?“

Ziegler wehrt ab. Nein! So acht, neun.“

Sie nickt. „Vierundfünfzigtausend. Und Hemden? Krawatten? Sagen wir sechzig.“

Er macht eine wegwerfende Handbewegung.

„Etwa die Hälfte von dem, was du mehr verdienen wirst.“

„Was ich allermindestens mehr verdienen werde“, präzisiert er. „Ohne Boni.“

Katja macht das vielsagende Gesicht (Zusatzinhalt anzeigen) , das ihn nervt, geht aber nicht weiter auf das Thema ein. Stattdessen fragt sie: „Woran erkennt man einen Maßanzug?“

„Am perfekten Sitz.“

„Nach deiner Diät sitzen die sechs auch wieder.“

Ziegler, der sich zu schlankeren Zeiten immer etwas darauf eingebildet hatte, die perfekten Konfektionsmaße zu besitzen, kann nicht gut widersprechen. „Die Knopflöcher!“

„Was ist damit?“

„Handgenäht.“

Nun macht sie das spöttische Gesicht, das ihn nervt. „Und das erken­nen deine Kollegen?“

Ziegler geht nicht darauf ein, sondern bringt seinen nächsten Trumpf: „Durchgenäht. Du kannst die Knöpfe an den Ärmeln durchknöpfen.“

„Und wie erkennt man das?“

„Indem man den vordersten offenlässt.“

Katja nickt stumm, wie sie es tut, wenn sie ein Problem des Haushaltsbudgets analysiert. Nach einer Weile sagt sie: „Ich kenne eine, die das Knopflochproblem lösen kann.

„Wer?“

„Signora Mancini. Die Haushaltshilfe von Müllers. Hat früher für einen römischen Schneider Knopflöcher genäht (Zusatzinhalt anzeigen) .“

„Und?“

„Die näht die Knopflöcher deiner sechs Anzüge um.“

„Der zu engen?“

„Du nimmst ja jetzt ab. Bis sie fertig ist, sind sie dir nicht mehr zu eng.“

„Das ist absolut tabu, Knopflochmanipulation an Stangenware“, protestiert Ziegler.

„Ach was. Das merkt doch keiner.“

„Doch, doch. Die Leute kennen meine Anzüge.“

„An die Zeit, in der du die noch tragen konntest, erinnert sich kein Mensch.“ Und sie bestimmt resolut: „Morgen früh ruf ich sie an.“

Ziegler gibt klein bei. Doch um das Gesicht zu wahren, fordert er: „Aber sie müssen aus Perlmutt oder Horn sein. Und sie müssen sich küssen.“

„Knöpfe? Sich küssen?“, lacht Katja.

„Die Knöpfe an den Ärmeln müssen so nahe nebeneinander liegen, dass sie sich leicht überschneiden. Nur daran erkennt man die Spitzenqualität, die dem Managing Director angemessen ist. An den kissing buttons.“

Nach sechs Wochen Metabolic Balance (Zusatzinhalt anzeigen) sind die sechs Anzüge bereit und die neun anderen zu weit. Nur in der Karrierefrage hat sich noch nichts Neues ergeben.

„Dann trag eben die, die dir wieder so perfekt sitzen“, schlägt Katja vor.

„Die mit den kissing buttons? Nein! Ich bin doch kein Hochstapler (Zusatzinhalt anzeigen) .“

Ziegler kauft sich Hosenträger und versucht, bis zum Beförderungs­ter­min eine gute Figur zu machen.

Sechs Wochen später wird der Kader in einer internen Mitteilung über eine hierarchietechnische Neuerung informiert: die Einführung eines Zwischentitels. Über dem Director und unter dem Managing Director gibt es ab sofort noch den Executive Director.

Kurz darauf wird Ziegler zu diesem befördert.

Und Signora Mancini ist jetzt dabei, Zieglers neue Ärmelknöpfe durch kleinere zu ersetzen.

Damit sie sich nicht mehr küssen.

 

 

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