Kolumne

 

Seit er sich erinnern kann, hat sich Kellermann als Manager be­zeichnet und betrachtet. Und auch gefühlt. Und auch gekleidet (Zusatzinhalt anzeigen) .

Er hat auch nie etwas anderes werden oder sein wollen. Wenn man jetzt einmal von der kurzen Phase absieht, in der sein Berufswunsch Bademeister war. Aber damals war er elf und fasziniert von der Machtfülle des Bademeisters des Schwimmbads Sonnenhalde B.

Genauer gesagt, von dessen Machtfülle und Körperbau, von dem er annahm, dass der Beruf ihn automatisch mit sich brachte. Aber nach dieser Episode war und blieb sein Berufsziel: Manager.

Was hatte er nicht alles gemanagt: Kleine, mittlere, größere Unternehmen, Fusionen, Diversifikationen, Reorganisationen, Turnover, Insolvenzen – you name it.

Schon immer war er im Management gewesen. Im Junior Management, im Middlemanagement und – mit etwas Inter­pre­tations-Goodwill – im Topmanagement.

Auch Lisa, seine Frau, hatte ihn immer als Manager be­zeichnet. Wenn auch manchmal als „Managerlein“. Und einmal, aber nur ein einziges, als „Scheißmanager “ (Zusatzinhalt anzeigen) .

Der andere lächelt nachsichtig. „Management. Den Ausdruck habe ich das letzte Mal bei einer Retroparty gehört.“

Kellermann angelt sich vom Tablett der Bedienung ein aufgespießtes Fleischbällchen mit Tomatensauce. „Und wozu braucht es denn uns Manager?“

„Überhaupt nicht. Es braucht Leader“, antwortet der Bärtige, stellt sein inzwischen leeres Tässchen auf das Tablett und nimmt sich auch ein Fleischbällchen. „Der Mensch braucht kein Management. Der Mensch braucht Führung.“

Er schiebt das Fleischbällchen in den Mund, wischt sich mit einem bunten Serviettchen die Tomatensauce von den Barthaaren, sagt nachdrücklich: „Führungspersönlichkeiten“, und mischt sich unter die Gesellschaft aus hauptsächlich Männern, die Kellermann vor wenigen Augenblicken noch als „Manager“ bezeichnet hätte.

 

 

Kellermann wischt mit dem Frottiertuch den beschlagenen Badezimmerspiegel sauber, bis er sich bis zur Hüfte be­trach­ten kann. Er tut es aufmerksam.

Naja, der Berufswechsel zum Bademeister kommt wohl nicht mehr in Frage, denkt er mit einem nachsichtigen Lächeln. Aber der zur Führungspersönlichkeit wohl schon. Habe ich das Zeug dazu?

Müsste ich eigentlich. Ich, als Familienoberhaupt. Was ist denn das anderes als eine Führungsaufgabe? Keine Ma­na­gementaufgabe, zugegeben. Das Management der Familie hat er schon vor Jahren an Lisa delegiert. Nicht, weil er es sich nicht zutraute, sondern als Incentive (Zusatzinhalt anzeigen) , als Ansporn. Aber die Führung von Lisa und seinen beiden Töchtern Caroline und Sophie fiel von Anfang an, ohne dass er das besonders hervorhob, in seine Kompetenz. Diese natürliche Füh­rungsqualität müsste sich doch automatisch auf einen grö­ßeren Maßstab übertragen lassen.

Es klopft an die Badezimmertür, und Carolines Stimme ruft: „Sophie besetzt wieder stundenlang das andere Bad, hast du noch lange?“

„Gleich“, ruft er, „gleich.“

In der blanken Stelle des beschlagenen Spiegels mustert er den Mann mit den nur noch wenigen in die Stirn hängenden, nassen Haaren (Zusatzinhalt anzeigen) . Dann zieht er den Bauch ein und die Schul­tern zurück und hebt das Kinn.

Würde ich diesem Mann folgen? Blindlings? Ohne zu wissen, wohin? Würde ich ihn mich bei der Hand nehmen lassen? Würde ich dorthin gehen, wohin er mich führen will?

Auge in Auge steht er sich gegenüber. Ernst. Sicher. Und ver­trau­enserweckend?

Einen Moment noch zweifelt Kellermann. Dann fühlt er, wie die Zweifel sich auflösen, wie der Dampf im Badezimmer, und einer großen, ruhigen Gewissheit weichen.

Ja. Von diesem Mann würde ich mich führen lassen. Er ist ein Leader. Immer gewesen. Zwar mit einem anderen Namen - „Manager“. Aber nichtsdestotrotz ein Leader.

Es klopft wieder. Carolines Stimme, eine halbe Oktave höher nun, ruft: „Mann, Daddy! Ich komme zu spät!“

Kellermann antwortet mit der ruhigen Gewissheit des na­tür­lichen Leaders: „Keine Angst, Schätzchen, du kommst nicht zu spät. Wenn es knapp wird, führt, ähm, fährt dich Daddy.“

Und das Schätzchen antwortet: „Wenn es knapp wird, dann lieber Mama.“

 

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