Kolumne

 

Für die, die sagen, es gebe keine Cowboys mehr 

Von Martin Suter (Zusatzinhalt anzeigen)  


Zwischen Cheyenne und Casper lösen sich die Gewitterwolken auf, weil sie die Big Horn Mountains ungern verbergen. Die Big Horn Mountains tragen nämlich ihre ersten Schneeflecken von gestern Abend, und die Sonne legt mit amerikanischer Großzügigkeit Rouge auf. 

Wir fliegen still die Berge entlang. Die Schatten werden langsam dunkelblau, und als sie unser Flugzeug erreichen, knipst die Frau neben mir das Leselicht an. Sie spielt mit ihrer kleinen Tochter ein Würfelspiel, das Way to Bethlehem heißt. Drei Felder vor zur Bergpredigt. Zurück nach Nazareth, zweimal mit Würfeln aussetzen. 

Wir landen am Fuß der blauen Berge, in Sheridan, Wyoming. Natürlich ist Vollmond. Und natürlich ist er größer und bleicher als bei uns. Aber das Flughafengebäude ist klein und familiär wie bei uns ein Provinzbahnhof. Sheridan ist eine Viehstadt mit 12.000 Einwohnern. Die zwei oder drei Querstraßen ändern nichts daran, dass Sheridan nur aus einer Straße besteht. An dieser Straße liegen die Bars, die Motels, die beiden Banken, die drei Sattlereien, der Drugstore, die Tankstellen, die beiden Kinos und die paar Geschäfte, die eine Stadt wie Sheridan zum Leben braucht. 

Sheridan, Wyoming, ist eine gute Stadt für einen, der wissen will, ob die recht haben, die sagen, es gebe keine Cowboys mehr. 

Das Mädchen vom Steak House lacht mich aus, als ich etwas über Cowboys erfahren will: "Cowboys sind dumm, wild, ungehobelt und nehmen zu keiner Gelegenheit den Hut ab." Aber wenn ich Cowboys treffen wolle, soll ich ins Torch Light gehen. 

Das Torch Light ist eine Baracke etwas abseits der Straße. Beim Eingang leuchtet groß und mondän der Schriftzug, flankiert von zwei aufgeregt flackernden Neonfackeln. Drinnen spielt eine Band Country Music. In den Rauchschwaden vor der Bühne wird getanzt, als ob es das letzte Mal wäre, dass eine Band Country Music spielt. 

Und richtig, neben mir an der Bar sitzt einer: Stetson im Genick, kariertes Hemd mit glänzenden Perlmuttdruck­knöpfen, breiter Gürtel, enge Jeans, deren Säume abgewetzt sind, weil sie beim Gehen den Boden berühren, spitze Reitstiefel mit bestickten Schäften und abgeschrägten Absätzen, damit die Sporen im richtigen Winkel stehen. 

Wortkarg und mit einem Jim Beam knüpfe ich ein Gespräch an, das mehrere Jim Beams dauert und sich nur um seine Arbeit dreht. Seine Arbeit als Handelsreisender in Sportartikeln, Montana und nördliches Wyoming. 

Das Torch Light ist kein guter 0rt für einen, der herausfinden will, ob die recht haben, die sagen, es gebe keine Cowboys mehr. 

Die Mint Bar: Ausgekleidet mit lackierten einheimischen Hölzern, übersät von Brandzeichen. An den Wänden hängen Fotos von Rodeos und signierte Porträts von Rodeostars. 

Zwischen Bärenfallen, Sporen und Zaumzeug schauen Elche, Polarfüchse, Bergschafe, Bergzie­gen und Fische glasig herunter, die Theke ist gut zehn Meter lang. Sieben Cowboys sitzen daran. Der neben mir heißt Harry Hampton. 

Harry Hampton sieht aus, als hätte er etwa 50 Jahre gelebt. Wie alt er ist, weiß ich nicht. Sein Gesicht ist glattrasiert und straff, nur an den Mundwinkeln hat es Beck's Beer ein wenig entspannt. Harry erzählt, dass er vor zwei Wochen mit seinem Foreman Streit bekommen hat und davongelaufen ist und seither keinen nüchternen Augenblick hatte. 

Harry erzählt, dass er oben in den Bergen eine Braunbärin mit bloßen Händen und einem Messer erlegt hat. Harry steht vom Hocker auf und macht genau vor, wie er mit ihr gerungen hat, wie er das Messer gehalten hat, wie er es ihr in den Pelz gerammt hat, wie er es umgedreht hat, und was die Bärin dazu für ein blödes Gesicht gemacht hat. 

Harry erzählt, wie er mit sechzehn den ersten Hurensohn umgelegt hat. Er zieht blitzschnell eine unsichtbare Magnum und feuert. Peng. Mitten ins Herz. Das war der erste. Sechzehn weitere solllten noch auf der Strecke bleiben. "I'm not bullshitting you, du stehst vor dem Mann, der den Sheriff von Long Beach, California, und dessen Sohn im Duell umgelegt hat." 

Ich bin der einzige, der Harry zuhört. Die anderen, es sind inzwischen mehr geworden, stehen in Grüppchen an der Bar, rauchen, trinken und unterhalten sich über Dinge, die mich interessieren würden. Zwischen den Flaschen hängen Ohren­klappen, die man für einen Dollar kaufen kann. Sie heißen Bullshit Guards, Quatsch-Schützer. Ich getraue mich nicht, ein Paar zu kaufen. 

Harry erzählt noch, wie seine Frau missbraucht und erstochen wurde, wie ihm sein einziges Kind abhandenkam und davon, dass er nur noch vom Gedanken besessen ist, sich an seinem Todfeind zu rächen. 

Der Rauch wird so dick, das Bier so flüssig, dass ich mir nichts Angenehmeres mehr vorstellen kann, als Harry Hamptons Geschichten zu hören in der Mint Bar, Main Street, Sheridan, Wyoming. 

 

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