Kolumne

 

Kaspar Baumann hatte sich vorgenommen, an seinem dreißigsten Geburtstag über sein Leben nachzudenken. Aber immer wieder war ihm etwas dazwischengekommen. So dauerte es denn bis zu seinem Vierzigsten, dass die Sache keinen weiteren Aufschub mehr duldete. Genau gesagt, bis zum Morgen nach seinem Vierzigsten. (Zusatzinhalt anzeigen)

Baumann hatte seinen Geburtstag diszipliniert gefeiert, denn morgen war, wie immer, auch wieder ein Tag. Es konnte also nicht an seinem Kater liegen, dass er sich so fühlte wie jetzt. Baumann leistete sich keinen Kater.

Am Wetter konnte es auch nicht liegen. Vor seinem Schlafzimmerfenster war ein perlmuttfarbener Frühlingstag erwacht, begrüßt von hundertstimmigem Zwitschern und Tirilieren. Auch an seinen persönlichen Verhältnissen konnte es nicht liegen. Das Schlafzimmerfenster gehörte zu einer zweistöckigen Fensterfront, die, bis auf eine fast abgetragene Hypothek, ihm gehörte. Durch das Haus wehte Kaffeeduft, und er hörte die rücksichtsvoll gedämpften Stimmen seiner Frau und seiner beiden Kinder.

Und dennoch wusste er: Heute ist der Tag, an dem ich über mein Leben nachdenken muss. Nein, viel mehr: Heute ist der Tag, an dem ich mein Leben in Frage stellen muss.

Er angelte seine Armbanduhr vom Nachttisch. Zehn nach sieben. Um halb neun hatte er seinen ersten Termin. Wenn er ausnahmsweise sein morgendliches Fitnessprogramm ausließe, bliebe ihm genug Zeit, sein Leben in Frage zu stellen.

 

 

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