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Geris Lockdown

Als Ge­ri Wei­bel er­fährt, dass al­le Lä­den, Märk­te, Re­stau­rants, Bars, Un­ter­hal­tungs- und Frei­zeit­be­trie­be ge­schlos­sen sind, ist sei­ne ers­te Fra­ge: „Das Num­ber­less auch?“

Wer ihm die Hi­obs­bot­schaft über­bringt, ist na­tür­lich sein Airb­nb-Ver­mie­ter, Hans­pe­ter. Dem ge­lingt es nicht ein­mal, die­se mit dem an­ge­mes­sen be­dau­ern­den Un­ter­ton zu un­ter­ma­len. So­gar ein Grin­sen kann er sich kaum ver­knei­fen. Denn jetzt hat er Ge­ri end­lich ganz für sich.

Am liebs­ten hät­te er ge­ant­wor­tet: „Ja. Ge­ra­de das Num­ber­less.“ Denn es ist sein ver­hass­tes­ter Club. Der obers­te auf der Lis­te von de­nen, die Ge­ri ihm so­zu­sa­gen ver­bo­ten hat. Aber Hans­pe­ter ret­tet sich in ein: „Ja, ge­ra­de … ähm, jetzt, wo es lang­sam zu lau­fen be­ginnt.“

Aber Ge­ri hört nicht mehr hin. Er ist viel zu scho­ckiert von der Vor­stel­lung ei­ner Welt oh­ne Numberless.„Wo tref­fen wir uns dann?“, sagt er mehr zu sich selbst als zu Hans­pe­ter.

„Wer wir?“, will Hans­pe­ter wis­sen.

„Fred­dy und Carl und Su­si und Ro­bi und Pe­ter und Ri­ta. Und Char­ly, na­tür­lich. Und ich.“

„Das sind zu vie­le.“ Hans­pe­ter in­for­miert Ge­ri über das Ver­bot von Ver­samm­lun­gen von mehr als fünf Per­so­nen. Auch das nicht mit dem ge­büh­ren­den Be­dau­ern in der Stim­me.

Ge­ri be­sitzt ge­nug Rea­li­täts­sinn, um zu ah­nen, dass, wenn man ei­ne Grup­pe von sechs Per­so­nen auf fünf re­du­zie­ren müss­te, er der­je­ni­ge wä­re, der raus­fie­le. Er ver­sucht, sich an den Ge­dan­ken zu ge­wöh­nen, sei­ne Ta­ge und Näch­te mit Hans­pe­ter in des­sen Zwei­zim­mer­woh­nung im gel­ben Mehr­fa­mi­li­en­haus in Stei­berg Dorf zu ver­brin­gen.

Die ein­zi­ge Hoff­nung, mit der Cli­que in Kon­takt zu blei­ben, ist über ei­nen Grup­pen­chat. Gleich am ers­ten Tag des Lock­down rich­tet er sich auf Hans­pe­ters Com­pu­ter ei­nen Sky­pe-Be­nut­zer­na­men ein und schickt ihn Ro­bi Mei­li. Bis er glaubt, für den Be­gleit­text den rich­ti­gen Ton ge­trof­fen zu ha­ben, braucht er knapp zwei Stun­den. Er lau­tet: „Hey, falls wir mal sky­pen wol­len we­gen Stay­the­fuck­ho­me – Ge­ri.“ Da­nach über­lässt er den Com­pu­ter wie­der dem un­ge­dul­dig war­ten­den Hans­pe­ter und des­sen ein­schlä­gi­gen Web­sites.

Er be­gibt sich in sein Zim­mer und legt sich aufs Bett. Nicht weil er mü­de ist, son­dern weil er die bei­den Stüh­le des klei­nen Raums als Klei­der­ab­la­ge be­nützt.

Sei­ne in­ne­re Uhr weckt ihn um die Zeit, in der er sich üb­li­cher­wei­se zum Aus­ge­hen be­reit­ma­chen wür­de. Hans­pe­ter er­war­tet ihn mit ei­nem Bier.

Wenn Ge­ri in nor­ma­len Zei­ten spät­nachts aus der Stadt zu­rück­kam und Hans­pe­ter ihn mit sei­nem „Gu­te­nacht­bier­chen“ er­war­te­te, war er ge­wöhn­lich nicht mehr ganz nüch­tern. Und man weiß ja, dass ein we­nig Al­ko­hol die Hemm­schwel­le für noch ein we­nig mehr Al­ko­hol sehr wirk­sam senkt. So ließ er sich je­weils leicht über­re­den und fand auch die Tem­pe­ra­tur und die rasch zu­sam­men­fal­len­de Schaum­kro­ne nicht so schlimm. Er re­de­te sich ein­fach ein, das Ge­tränk be­sit­ze da­durch et­was Bri­ti­sches.

Aber jetzt, mit­ten am Nach­mit­tag und in die­sem Zu­stand der kri­ti­schen Nüch­tern­heit, fühlt es sich selt­sam an, mit ei­nem über­ge­wich­ti­gen, auf­ge­dun­se­nen End­drei­ßi­ger in Kunst­le­der­ho­sen und ei­nem viel zu en­gen Hea­vy-Me­tal-T-Shirt in ei­nem un­ge­lüf­te­ten, nachts zum Schlaf­zim­mer um­funk­tio­nier­ten Wohn­zim­mer auf ei­nem durch­ge­ses­se­nen So­fa zu sit­zen und mit ei­ner Halb­li­ter­do­se Haf­lin­ger Bräu an­zu­sto­ßen.

Aber was bleibt ihm an­de­res üb­rig? Er ist nun sei­nem Ver­mie­ter auf Ge­deih und Ver­der­ben aus­ge­lie­fert. Und der weiß das und nutzt es weid­lich aus.

Be­reits beim zwei­ten Haf­lin­ger Bräu be­ginnt Hans­pe­ter, wie­der und wie­der die glei­chen Gi­tar­ren­so­li lau­fen zu las­sen von Black Sab­bath, Ju­das Priest und Iron Mai­den, de­ren Sän­ger, Bruce Di­ck­in­son, sein Halb­gott ist.

„Wuss­test du, dass der ne­ben­bei noch Jum­bo-Pi­lot ist? Wie ich – bei­na­he.“ Und dann er­zählt er wie­der die Ge­schich­te sei­ner Au­gen­ver­let­zung, die schuld dar­an ist, dass er nicht Pi­lot wer­den konn­te. Und an über­haupt al­lem.

Ge­ri merkt schon am ers­ten Abend, dass spät­nachts mit ei­nem ge­wis­sen Pe­gel auf Hans­pe­ter zu tref­fen et­was an­de­res ist, als ge­mein­sam mit ihm die­sen Pe­gel zu er­rei­chen.

Er nimmt sich vor, ihm aus dem Weg zu ge­hen, in­dem er spä­ter auf­steht und frü­her ins Bett geht. Das ei­ne ge­lingt ihm, das an­de­re nicht. Und der Ver­mie­ter passt sei­nen Rhyth­mus dem des Mie­ters an.

Lang­sam wird die Nacht zum Tag, und bei­de ver­wahr­lo­sen vor sich hin.