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Geri Weibel

Geri und die Lockerung

Die ers­te Wo­che der Lo­cke­rungs­maß­nah­men ver­bringt Ge­ri da­mit, sich auf die „Aus­wil­de­rung“ vor­zu­be­rei­ten. So nennt er für sich den Wie­der­ein­tritt in die Sze­ne. Den Be­griff hat er von ei­ner Na­tur­sen­dung, die er als Kom­pro­miss mit Hans­pe­ter schau­en muss­te. Wie im­mer öf­ter in letz­ter Zeit gin­gen ih­re Mei­nun­gen über das, was sie im Fern­se­hen schau­en woll­ten, so dia­me­tral aus­ein­an­der, dass sie sich auf et­was ei­nig­ten, was sie bei­de gleich we­nig in­ter­es­sier­te. Sie ent­schie­den sich für den Do­ku­men­tar­film „Orang-Utan-Ba­bys“. Er han­del­te da­von, wie ver­wais­te Orang-Utan-Ba­bys auf Bor­neo oh­ne Mut­ter auf­ge­zo­gen und nach und nach in win­zi­gen Schrit­ten an das Le­ben in der Wild­nis ge­wöhnt wur­den.

So fühlt sich Ge­ri. Wie ein Orang-Utan-Ba­by, das sich lang­sam an das Le­ben in der Wild­nis ge­wöh­nen muss. Und es geht ihm so wie man­chen von die­sen Ba­bys: Er zau­dert.

Wenn man be­denkt, dass es bis zu acht Jah­ren dau­ert, bis ein Orang-Utan-Ba­by aus­ge­wil­dert wer­den kann, fin­det Ge­ri ei­ne Ka­renz­frist von ei­ner Wo­che nach zwei Mo­na­ten der Ent­wöh­nung nicht über­trie­ben.

Al­lein die Fra­ge des Sty­lings be­an­sprucht für je­mand, der so ent­schei­dungs­schwach ist wie Ge­ri Wei­bel, ein paar Ta­ge. Soll er vor­her noch zum Coif­feur? Und falls ja, soll er auch an sei­nem Bart ar­bei­ten las­sen? Wä­re es Aus­druck ei­ner bei­na­he aris­to­kra­ti­schen Dis­zi­plin, mit sau­be­rem Haar­schnitt und ge­stutz­tem Bart im Num­ber­less auf­zu­kreu­zen, als wä­re der Lock­down spur­los an ihm vor­bei­ge­gan­gen? Wie Law­rence of Ara­bia im Film, den Ge­ri aus ähn­li­chen Grün­den wie „Orang-Utan-Ba­bys“ mit Hans­pe­ter ge­schaut hat. Dort ver­wen­det Pe­ter O’Toole mit­ten in der Wüs­te sein letz­tes Trink­was­ser, um sich zu ra­sie­ren.

Oder wä­re das Ge­gen­teil pas­sen­der? Wie Ro­bin­son Cru­soe wie­der­auf­tau­chen, ge­zeich­net von den Ent­beh­run­gen, aber die Kri­se mit kei­nem Wort er­wäh­nen? Auch ei­ne Form der Hel­den­haf­tig­keit, wenn auch nicht so ele­gant wie die von Law­rence of Ara­bia.

Ge­ri ent­schei­det sich für die Coif­feur-Va­ri­an­te. Aber als er mit Krepp-Hals­krau­se, schwar­zem Um­hang, schwar­zer Atem­schutz­mas­ke und in Leucht­far­be ge­rahm­ter Schutz­bril­le vor dem Spie­gel des Coif­feurs von Stei­berg Dorf sitzt und der nach Wo­chen des be­ruf­li­chen Schwei­gens sehr mit­tei­lungs­be­dürf­ti­ge Coif­feur Ge­ris Mas­ke ent­fernt und sich vom Haupt­haar ab- und dem Bart­haar zu­wen­det, pa­cken ihn die Zwei­fel. Er ruft: „Stopp!“

Der Coif­feur, dem so­fort klar wird, dass ihm durch die­sen Zwi­schen­ruf ein Teil des Ho­no­rars ent­ge­hen könn­te, führt den Schnitt, zu dem er an­ge­setzt hat, noch kurz aus und fragt dann: „Ja, bit­te?“

 Wie­der wird Ge­ri, wie so oft in sei­nem Le­ben, an ei­ner sei­ner sel­te­nen spon­ta­nen Ent­schei­dun­gen ge­hin­dert.