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Geri Weibel

Geri positiv?

Als Ge­ri die Woh­nung be­tritt, sieht er, wie Hans­pe­ter sich has­tig ei­ne Atem­mas­ke um­bin­det. Er steht nicht auf und holt ein Gu­te-Nacht-Bier aus dem Kühl­schrank wie sonst im­mer, wenn Ge­ri spät nachts nach Hau­se kommt, son­dern bleibt sit­zen. Über sei­nem Hard­rock-T-Shirt trägt er ei­nen Schal, vor sich auf dem So­fa­tisch­chen hat er ei­ne damp­fen­de Tas­se ste­hen.

„Was ist los?“, fragt Ge­ri.

 „Nichts“, krächzt Hans­pe­ter weh­lei­dig durch die Mas­ke. Dann deu­tet er dar­auf. „Zieh bes­ser auch ei­ne an.“

Ge­ri zö­gert, dann fasst er in die Ta­sche und för­dert drei Mas­ken zu­ta­ge. Ei­ne ein­fa­che Hy­gie­ne­mas­ke, ei­ne FFP2 oh­ne Ven­til und ei­ne FFP3 mit.

Das ist das Stan­dard­set von Ro­bi Mei­li, das Ge­ri nun auch stets bei sich trägt. Die ein­fa­che be­deu­tet: Ich brau­che mich nicht zu schüt­zen, ich fürch­te mich nicht. Aber ihr viel­leicht.

Die FFP2 heißt: Ich schüt­ze mich und euch. Bit­te. Gern ge­sche­hen.

Die FFP3 mit Aus­at­mungs­ven­til sagt: Ich schüt­ze mich, ihr seid mir scheiß­egal.

Ge­ri ent­schei­det sich für die FFP2 auf und fragt: „Hast du Dings … Symp­tome?“

Hans­pe­ter hebt die Schul­tern und lässt sie wie­der fal­len.

 „Al­so ja?“

 „Hals­schmer­zen, er­höh­te Tem­pe­ra­tur und so.“

 „Was und so?“

 „Ir­gend­wie schlapp.“

 „Kei­nen Hus­ten?“

Hans­pe­ter schüt­telt den Kopf. „Aber die Symp­tome kön­nen ganz ver­schie­den sein“, gibt er zu be­den­ken.

Stimmt. Das hat Ge­ri auch schon ge­hört. „Man kann so­gar null Symp­tome ha­ben“, be­stä­tigt er.

 „Null ha­be ich nicht.“ Hans­pe­ter lehnt sich im So­fa zu­rück und at­met so tief aus, dass Ge­ri so­fort auf­steht, in die Kü­che eilt und viel Zeit da­für ver­wen­det, ei­nes der ver­hass­ten Su­per­markt­bie­re aus dem de­fek­ten Kühl­schrank zu ho­len. Er will den Vi­ren, die Hans­pe­ter durch die Mas­ke ge­pus­tet hat, ge­nug Zeit ge­ben, auf den Bo­den zu schwe­ben.

Als er mit dem Bier zu­rück ins Wohn­zim­mer kommt, sieht er ge­ra­de noch, wie Hans­pe­ter die Tee­tas­se ab­stellt und die Mas­ke wie­der fest­macht.

Ge­ri setzt sich in den am wei­tes­ten ent­fern­ten Ses­sel und sucht nach Wor­ten.

Hans­pe­ter hus­tet ein biss­chen.

 „Du hus­test ja“, sagt Ge­ri.

 „Nur ein we­nig ver­schluckt.“

Ge­ri gibt sich mit der Ant­wort zu­frie­den. Doch nach ei­ner Wei­le sagt er: „Tes­ting, tes­ting, tes­ting. Mach mor­gen den Test.“

Wie­der hebt Hans­pe­ter sei­ne Schul­tern bis über die Oh­ren, hält sie ei­ne Wei­le auf die­ser Hö­he und lässt sie dann fal­len.

 „Klar. Kannst dich te­le­fo­nisch an­mel­den und be­kommst ei­nen Ter­min. Vier­und­zwan­zig Stun­den spä­ter weißt du’s.“

 „Und wenn ich po­si­tiv bin?“

 „Qua­ran­tä­ne.“

Hans­pe­ter nickt. „Und du auch.“

Dar­an hat Ge­ri nicht ge­dacht. Er schweigt ei­nen Mo­ment. Dann sagt er: „Na ja, was du hast, sind ja nicht die me­ga ty­pi­schen Symp­tome.“ Er hebt die Mas­ke ein Stück hoch, setzt die Bier­do­se an die Lip­pen und nimmt ei­nen lau­war­men Schluck.

In die­ser Nacht kann er lan­ge nicht ein­schla­fen. Hans­pe­ters jetzt häu­fi­ge­res Hus­ten hält ihn wach. Und wenn das Hus­ten aus­bleibt, das War­ten dar­auf.