×
Passwort wiederherstellen
Abonnieren
Probeabo
Gutschein

Geris zündende Idee

Dies­mal ist es Ge­ri, der den Trend setzt.

Manch­mal sucht der Mensch ta­ge­lang nach ei­ner zün­den­den Idee, und es fällt ihm ein­fach kei­ne ein. So geht es dem Men­schen Ge­ri manch­mal. Bes­ser ge­sagt: So geht es dem Men­schen Ge­ri Wei­bel stän­dig. Das ist na­tür­lich ein har­tes Los für ei­nen, der den Ehr­geiz hat, ei­nes Ta­ges als – wenn auch nicht ge­ra­de Trend­set­ter, so doch we­nigs­tens Trend­pio­nier zu re­üs­sie­ren.
In der Re­gel be­hilft sich Ge­ri da­mit, be­stehen­de Ide­en aus­fin­dig zu ma­chen. Sie in ei­nem Früh­sta­di­um zu iden­ti­fi­zie­ren und dann mit gro­ßer Selbst­ver­ständ­lich­keit zu über­neh­men, als stamm­ten sie von ihm.
Na­tür­lich ist das ei­ne nicht ganz ri­si­ko­freie Me­tho­de. Es kann pas­sie­ren, dass er auf ei­nen Ver­suchs­trend stößt. Wie zum Bei­spiel da­mals, als Ro­bi Mei­li die Latz­ho­se eva­lu­ier­te. Er tauch­te ei­nes Ta­ges mit die­sem Klei­dungs­stück auf, kom­bi­niert mit Ja­ckett und wei­ßem Hemd, be­stell­te kom­men­tar­los ein Glas Cham­pa­gner, den Drink, der am al­ler­we­nigs­ten zur Latz­ho­se passt, und ver­zog sich früh.
Ge­ri, der nor­ma­ler­wei­se bei tau­fri­schen Neo-Trends ei­ne kur­ze Ka­renz­zeit ver­strei­chen lässt, tauch­te be­reits am nächs­ten Tag in ei­ner Latz­ho­se auf. Der Zu­fall woll­te es näm­lich, dass er ein Paar be­saß. Ein Ge­schenk von Ai­ra mit der selbst­ge­stick­ten Auf­schrift „Very Ge­ri“. Er hat­te nie her­aus­ge­fun­den, ob iro­nisch oder ernst.
Die Ho­se oder die Auf­schrift sorg­ten in der Cli­que für so viel Hei­ter­keit, dass we­der Ro­bi noch Ge­ri Wei­bel sich je wie­der in ei­ner Latz­ho­se bli­cken lie­ßen. Aber wäh­rend in Ro­bi Mei­lis Ge­gen­wart die „Farm­er­ho­sen­epi­so­de“ nie the­ma­ti­siert wur­de, hält sie sich bei Ge­ri bis heu­te hart­nä­ckig im Re­per­toire.
Die zwei­te, fast noch pein­li­che­re, Trend­pan­ne war das Vo­kuhi­la-Re­vi­val.
Ge­ri spa­zier­te an „Barbara’s Bar­ber“ vor­bei, ei­nem neu­eröff­ne­ten Coif­feur im Re­tro-Look, und wirft ei­nen flüch­ti­gen Blick durch das gro­ße Schau­fens­ter in den über­de­ko­rier­ten Sa­lon. Der ein­zi­ge Kun­de, bis zum Kinn in schwar­zes Tuch ge­hüllt, ist – Fred­dy Gut. Die nas­sen Haa­re fal­len ihm weit über den Na­cken. Aber oben schnip­selt die Coif­feu­se Bar­ba­ra an ei­nem Bürs­ten­schnitt.
Vor­ne kurz, hin­ten lang, Vo­kuhi­la!
Noch nie war Ge­ri Wei­bel Zeu­ge der Ent­ste­hung ei­ner Trend­wen­de ge­wor­den. Am sel­ben Tag be­gab er sich in den füh­ren­den Coif­feur­sa­lon sei­nes vor­über­ge­hen­den Wohn­orts Stei­berg Dorf, Johnny’s Sie&ER, und ließ sich ei­nen Vo­kuhi­la kre­ieren. John­ny be­rech­ne­te ihm im Ge­den­ken an die gu­ten al­ten Zei­ten ge­rührt nur den hal­ben Peis.
Er­war­tungs­voll saß er bei ei­nem ganz nor­ma­len Ne­gro­ni an der Bar und mal­te sich Fred­dys Ge­sicht aus, wenn die­ser merkt, dass Ge­ri ihm zu­vor­ge­kom­men ist.
Die gro­ße Er­nüch­te­rung traf ein, als Fred­dy das Num­ber­less be­trat, den Schal schwung­voll ab­leg­te und sich nach­denk­lich den frisch aus­ra­sier­ten Na­cken kraul­te. Ge­ri hät­te den Haar­schnitt bis zum Schluss be­ob­ach­ten sol­len.
Nach die­sem In­no­va­ti­ons­rück­schlag be­schließt Ge­ri Wei­bel, nicht mehr nach Ide­en zu su­chen, son­dern sie nur noch auf sich zu­kom­men zu las­sen, wie In­spi­ra­tio­nen. Das be­dingt na­tür­lich, dass man al­le An­ten­nen aus­ge­fah­ren hat. Aber das ist kein Pro­blem für ihn. Ge­ri ist per se ei­ne aus­ge­fah­re­ne An­ten­ne. Die ers­te In­spi­ra­ti­on trifft ihn, als er es am we­nigs­ten er­war­tet. Er sitzt in sei­nem Airb­nb-Zim­mer und skypt mit sei­ner Mut­ter an der Cos­ta del Sol. Sie er­zählt ihm ge­ra­de, dass sie sich mit dem Ge­dan­ken tra­gen, ei­nen Elek­tro­grill an­zu­schaf­fen, kaum ge­braucht von dem schot­ti­schen Ehe­paar, das wie­der in sei­ne Hei­mat zu­rück­keh­re, Ge­ri ha­be die bei­den bei sei­nem letz­ten Be­such ken­nen­ge­lernt, sie sei et­was auf­ge­ta­kelt, er sau­fe.
Ge­ri hört mit nur mit hal­bem Ohr zu und macht sei­ne Te­le­fon­krit­ze­lei­en auf ei­ne Zeit­schrift mit ei­nem Be­richt über die Aus­brei­tung des Co­ro­na­vi­rus.
Erst als es ihm ge­lun­gen ist, das Ge­spräch zu be­en­den, merkt er, dass er die Atem­mas­ke der Ti­tel­fi­gur mit sei­nen Krit­ze­lei­en ver­ziert hat. Hübsch ver­ziert, fin­det er.
Und dann kommt ihm aus hei­te­rem Him­mel die Ham­mer­idee! Wür­de in die­ser Zeit der Un­ge­wiss­heit und Angst nicht ei­ne klei­ne No­te Fröh­lich­keit und Poe­sie Wun­der wir­ken? Wür­de bei al­lem Ernst der La­ge ein klei­nes Au­gen­zwin­kern die be­drü­cken­de Stim­mung für ei­nen Au­gen­blick auf­lo­ckern?
So wird Ge­ri Wei­bels Ori­gi­nal-Idee der freund­li­chen Atem­mas­ke ge­bo­ren. Noch am glei­chen Abend kau­fen Ge­ri und Hans­pe­ter, sein Airb­nb-Ver­mie­ter, im ört­li­chen Do-it-yours­elf ei­nen über­teu­er­ten Rest­pos­ten Atem­mas­ken und ver­brin­gen die Nacht mit den ers­ten Ent­wür­fen der „Happy-Masks“-Prototypen. Op­ti­mis­tisch müs­sen sie sein, hu­mor­voll, null zy­nisch.
„Das wird ein Ren­ner“, ora­kelt Hans­pe­ter. „Bald wird die hal­be Welt Mas­ken tra­gen. War­um nicht Hap­py Masks? Über­lass das Mar­ke­ting mir.“
Am nächs­ten Abend sitzt Ge­ri, end­lich Trend­set­ter, frü­her als sonst im Num­ber­less und saugt durch ei­nen Trink­halm ei­nen Ne­gro­ni hin­ter sei­ne Hap­py-Mask.
Hans­pe­ter steht vor dem Num­ber­less und ver­sucht, die Pro­to­ty­pen un­ter die Leu­te zu brin­gen.
Nie­mand be­ach­tet Ge­ri. Nach ei­ner hal­ben Stun­de streift er die Mas­ke dis­kret vom Ge­sicht und lässt sie ver­schwin­den.
In die­sem Au­gen­blick be­tritt Ro­bi Mei­li das Num­ber­less und sagt, ge­dämpft durch ei­ne Smi­ley-Atem­mas­ke: „Braucht es in die­ser Zeit der Un­ge­wiss­heit und Angst nicht ei­ne klei­ne No­te Fröh­lich­keit und Poe­sie?“