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Nichts Besonderes

Pho­to by João Je­sus

Ei­ne un­spek­ta­ku­lä­re Ge­schich­te über ei­ne un­spek­ta­ku­lä­re Frau. Mar­tin Suter hat sie vor 26 Jah­ren im Kul­tur­ma­ga­zin DU ver­öf­fent­licht.

Wer Werk­tags zwi­schen 07:03 und 07:08 an der Sta­ti­on Hirsch­wie­sen­stras­se auf den Vier­zeh­ner war­tet, über­sieht dort je­weils An­na W., 59. Sie trägt (im Ja­nu­ar) ei­nen dun­kelgrünen Man­tel, ei­ne ge­räu­mi­ge brau­ne Schul­ter­ta­sche mit ei­ner ver­gol­de­ten Schnal­le, die un­ter an­de­rem ei­nen tücki­schen Knirps ent­hält, von dem sie hofft, dass sie ihn nicht auf­span­nen muss. Zu den Schu­hen ist nichts zu sa­gen.

An­na W. trägt ihr Haar eher kurz. 1984 hat man ihr im Coif­feur­sa­lon „Susy“ ei­ne „Mè­che“ auf­ge­schwatzt; da und dort ei­ne ge­bleich­te Sträh­ne im brü­net­ten Haar, die sie seit­her in Ab­stän­den von ein paar Mo­na­ten auf­fri­schen lässt.

Ge­gen­über der Tram­hal­te­stel­le liegt die Hirschwiesenapo­theke. Dort hat sich in den spä­ten Fünf­zi­ger­jah­ren die Toch­ter des Apo­the­kers aus ei­nem Kum­mer nachts aus dem Fens­ter ge­stürzt. Ex­tra Ho­sen an­ge­zo­gen vor dem Sprung, hiess es. Aus Rück­sicht auf die, die sie fin­den.

Wenn der Sieb­ner kommt, lässt An­na W. ihn vor­bei. Wenn der Vier­zeh­ner kommt, steigt sie in den hin­te­ren Wa­gen. Wenn kein Sitz frei ist, stellt sie sich ans Fens­ter und war­tet bis Schaff­haus­er­platz. Dort gibt es meis­tens Platz, denn vie­le Leu­te stei­gen um. In den Fünf­zeh­ner oder den Drei­und­dreis­si­ger-Bus.

An­na W. hat am liebs­ten ei­nen Ein­zel­sitz. Aber wenn kei­ner frei wird, setzt sie sich auch ne­ben je­man­den. Wenn ein gan­zer Dop­pel­sitz frei wird, nimmt sie den Platz am Fens­ter. Selbst auf das Ri­si­ko, dass sich je­mand, der wei­ter fah­ren muss als sie, auf den Ne­ben­sitz setzt und ihr den Aus­gang ver­sperrt. Dann sagt sie halt „Ent­schul­di­gung“, und dann lässt man sie durch. Vie­le Leu­te an Fens­ter­plät­zen ste­hen auf, wenn sich je­mand kurz vor ih­rer Sta­ti­on ne­ben sie set­zen will. „Ich muss an der Über­nächs­ten raus“, sa­gen sie und las­sen den Neu­an­kömm­ling ans Fens­ter. An­na W. macht das nicht. Oder nur, wenn ih­re Sta­ti­on die nächs­te ist, und die Per­son sehr alt oder sehr dick oder sonst nicht gut zu Fuss..

An­na W. fährt von Oer­li­kon in die Stadt. Sie ar­bei­tet in der Bett­wa­ren­ab­tei­lung ei­nes Wa­ren­hau­ses, wo sich die Kol­leginnen „du, Frau Frei“ und „Sa­li Frau W.“ sa­gen. Die Ar­beit ge­fällt ihr. Ih­re Kund­schaft be­steht zum gröss­ten Teil aus Frisch­ver­lieb­ten, Frisch­ver­mähl­ten und Frischge­schiedenen. Al­les Men­schen vor ei­nem neu­en Lebensab­schnitt.