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Dies ist ein rie­si­ges Ar­chiv von fast al­lem, was Mar­tin Su­ter ge­macht hat, ge­ra­de macht und noch ma­chen will. Sie ha­ben zu bei­na­he al­lem da­von un­be­schränk­ten Zu­gang. Und wenn Sie Mem­ber wer­den, zu noch et­was mehr.

Ein Mann sucht Trost

Moor kommt frü­her nach Hau­se als sonst. Im Gar­ten spie­len Sy­bil und Ali­ne mit Kin­dern, die er noch nie ge­se­hen hat. Vá­clav, der Da­ckel, schläft auf der Vor­trep­pe. Als Moor über ihn steigt, öff­net er ein Au­ge und deu­tet ein Schwanz­we­deln an. Das Haus ist wie ausgestorben.

Moor stellt sei­ne Map­pe zwi­schen die Turn­schu­he in der Gar­de­ro­be und holt sich ein Bier aus dem Kühl­schrank. Im Wohn­zim­mer sitzt sei­ne Frau Ra­fae­la über ih­re Fü­ße ge­beugt. Zwi­schen je­der Ze­he steckt ein Wat­ter­öll­chen und sie la­ckiert kon­zen­triert die Ze­hen­nä­gel. Als Moor den Raum be­tritt, fragt sie: „Schon da?“ 

„Schon da“, ant­wor­te Moor ton­los und geht auf die Trep­pe zu. Als er den Trep­pen­ab­satz er­reicht hat, ruft Ra­fae­la: „Al­les in Ordnung?“

„Al­les in Ord­nung“, mur­melt Moor und geht wei­ter die Trep­pe hoch, durch den Gang zu sei­nem Ar­beits­zim­mer. Er setzt sich an sei­nen Schreib­tisch und nimmt ei­nen Schluck Bier.

Nichts ist in Ord­nung. Der Os­na­brück-Auf­trag ist an die RULAG ge­gan­gen. Drei Mo­na­te in­ten­sivs­te Ak­qui­si­ti­ons­ar­beit für die Katz. Und da­bei war er si­cher ge­we­sen, dass er den in der Ta­sche hat­te. So si­cher, dass er es so­gar hat­te durch­bli­cken las­sen. Was heißt durch­bli­cken. „Ich möch­te mich ja nicht zu weit hin­aus­leh­nen“, hat­te er an der letz­ten GL po­saunt, „aber Os­na­brück sieht gut aus, ver­dammt gut, sogar.“

Die Tür geht lei­se auf. Ra­fae­la stellt sich hin­ter ihn und legt ihm die Hän­de auf die Schul­tern. „Är­ger?“

Moor winkt ab und kämpft ge­gen die Trä­nen, die ihm ob so­viel Tap­fer­keit kommen.

„Os­na­brück?“

Als Moor nickt, zieht ihn Ra­fae­la aufs So­fa, das er sich für lan­ge Ar­beits­näch­te in sein Ar­beits­zim­mer ge­stellt hat. „Er­zähl.“

Moor er­zählt. Als er ge­en­det hat, sagt Ra­fae­la: ”Und? Ei­ne be­ruf­li­che Nie­der­la­ge, das ist alles.“

Moor hät­te es lie­ber als ei­nen kras­sen Ein­zel­fall von un­ver­dien­tem Pech be­zeich­net ge­se­hen. Aber je­de Form von Trost kommt ihm ge­le­gen. „Schon“, seufzt er, „aber manch­mal könn­ten ei­nem fast Selbst­zwei­fel kommen.“

„Ach was“, er­mu­tigt ihn Ra­fae­la, „die hast du bis jetzt noch je­des Mal überwunden.“

Das „noch je­des Mal“ ge­fällt Moor nicht. Aber er be­gnügt sich mit ei­nem zweif­le­ri­schen „ich weiss nicht…“

„Komm schon: der Ala­ton-Flop, die Be­vor­zu­gung von Frei­mül­ler, der Ver­lust von F,T,R, und, und, und. Al­les hast du weggesteckt.“

„Ala­ton wä­re kein Flop ge­wor­den, wenn die Zen­tra­le…“, will Moor ein­wen­den. Aber Ra­fae­la spricht wei­ter: „Auch wenn es jetzt viel­leicht den An­schein macht, dass die Se­rie von Schlap­pen nie en­den will – ei­nes Ta­ges wen­det sich das Blatt, ich bin ganz sicher.“

Moor lä­chelt so dank­bar wie möglich.

„Und falls nicht“, fährt Ra­fae­la fort, ”Er­folg im Be­ruf ist auch nicht al­les. Du hast an­de­re Qua­li­tä­ten.“ Moor ver­zich­tet lie­ber dar­auf, zu fra­gen, welche.

13.7.2000

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