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Business Class Evergreens Element 9

Das fängt ja gut an

Weil jetzt vie­le Busi­ness Men in den Ski­fe­ri­en sind, hier ei­ne Ko­lum­ne, die gut zur Sai­son passt. Und noch bes­ser zu vie­len Ma­na­gern der Busi­ness Class. Mar­tin Suter hat sie im Ja­nu­ar 1999 ge­schrie­ben.

Auf der Emp­fangs­sta­ti­on ei­ner En­ga­di­ner Kli­nik liegt frös­telnd Fred Ju­cker und kann es im­mer noch nicht fas­sen: Sein Ober­schen­kel ist ge­bro­chen.

Seit 1961 fährt er un­fall­frei Ski, gol­de­nes Ski­ab­zei­chen be­reits mit sech­zehn, ju­gend­li­cher Sie­ger meh­re­rer Gäs­tes­ki­ren­nen in den spä­ten Sech­zi­ger­jah­ren, Tief­schnee­kö­nig sei­ner Bat­te­rie als Ober­leut­nant der Ge­birgs­ar­til­le­rie, und jetzt das: Ober­schen­kel ge­bro­chen. Auf der Trep­pe der Seil­bahn­sta­ti­on aus­ge­rutscht, vor den Au­gen ei­nes vor­wie­gend ju­gend­li­chen Pu­bli­kums aus über­näch­tig­ten Snö­bern und ge­lang­weil­ten Nach­wuchs-Top-Mo­dels die sechs Stu­fen run­ter­ge­pol­tert und lie­gen­ge­blie­ben wie ein Sack Ze­ment. 

Als sich der Ap­plaus der Snow­boar­der ge­legt hat, und Ju­cker kei­ne An­stal­ten macht, auf­zu­ste­hen, alar­miert der Kas­sier den Pis­ten­dienst und die­ser ei­nen Kran­ken­wa­gen. (Der Un­fall hat­te sich in der Tal­sta­ti­on er­eig­net.)

Der jun­ge Arzt in der Auf­nah­me dia­gnos­ti­ziert ei­nen Ober­schen­kel­bruch.

„Sind Sie si­cher?“, fragt Ju­cker durch zu­sam­men­ge­bis­se­ne Zäh­ne.

„Ziem­lich. Die Dia­gno­se ei­nes Ober­schen­kel­bruchs ge­hört seit Wil­helm Con­rad Rönt­gen zu den ein­fa­che­ren Auf­ga­ben des Os­teo­lo­gen.“ 

Ju­cker fasst so­fort ei­ne Ab­nei­gung ge­gen sar­kas­ti­sche, braun­ge­brann­te As­sis­tenz­ärz­te in Ge­birgs­kli­ni­ken. „Was schla­gen Sie vor?“

„Ope­rie­ren.“

„Geht nicht, ich rei­se mor­gen ab.“

Der Arzt schüt­telt den Kopf. „Ich fürch­te, das müs­sen Sie ver­schie­ben.“

„Ver­schie­ben?“ Ju­cker lä­chelt nach­sich­tig. „Sie ver­ste­hen nicht. Ich ha­be ei­ne Fir­ma zu lei­ten. Am Mon­tag um halb acht muss ich im Bü­ro sein.“

„Ich glau­be, Sie sind es, der nicht ver­steht. Ihr rech­ter Ober­schen­kel ist ge­bro­chen.“ Der Arzt hält ei­ne Rönt­gen­auf­nah­me ge­gen das Licht. „Se­hen Sie die­se zwei Kno­chen?“ Er zeigt mit dem Ku­gel­schrei­ber auf zwei läng­li­che, bläu­li­che Um­ris­se. „Das soll­te ei­gent­lich nur ei­ner sein.“

„Ich zweif­le über­haupt nicht an der Dia­gno­se.“ Ju­ckers Ge­duld geht zur Nei­ge. „Nur was die The­ra­pie an­geht, da müs­sen Sie mir schon ein paar prak­ti­ka­ble­re Vor­schlä­ge lie­fern.“

Der Arzt schaut ihn un­gläu­big an.

„Viel­leicht kann man et­was Pro­vi­so­ri­sches ma­chen“, hilft Ju­cker, „und das De­fi­ni­ti­ve so le­gen, dass es nicht mei­nen gan­zen Ter­min­ka­len­der durch­ein­an­der­bringt. Sie ha­ben kei­ne Vor­stel­lung, was in ei­nem Un­ter­neh­men wie dem un­se­rem zum Jah­res­be­ginn al­les an­fällt. – Ver­schie­ben!“ Ju­ckers Auf­la­chen geht in ei­nen Schmer­zens­schrei über.

„Was ver­ste­hen Sie un­ter et­was Pro­vi­so­ri­schem?“

„Sprit­zen Sie mich fit, ge­ben Sie mir Mor­phi­um, ei­nen Not­ver­band, ei­nen Geh­gips. Was weiss ich, Sie sind der Arzt.“ Ju­cker ist es ge­wohnt, die De­tails an die Spe­zia­lis­ten zu de­le­gie­ren. 

„Nie­mand ist un­ent­behr­lich.“ Der Satz ist tröst­lich ge­meint. Aber er trifft Ju­cker so tief in sei­nem Selbst­ver­ständ­nis, dass er sich zu ei­ner un­be­dach­ten Ant­wort hin­reis­sen lässt. 

„Sie viel­leicht nicht“, stösst er her­vor. 

Seit­her liegt Fred Ju­cker frös­telnd auf der Emp­fangs­sta­ti­on ei­ner En­ga­di­ner Kli­nik und kann es im­mer noch nicht fas­sen: Sein Ober­schen­kel ist ge­bro­chen.